Mit dem Postschiff durch Sibirien

2.000 Kilometer auf dem Jenissej

Sonntag, 17. Januar 2021, 20:15 bis 21:45 Uhr

Der Jenissej in Russland ist einer der mächtigsten Ströme der Erde. Er fließt von der mongolischen Grenze nordwärts durch ganz Sibirien bis zum Polarmeer. Hier gibt es keine Straßen und keine Schienen.

Das Postschiff "Lermontov" versorgt die Siedlungen auf den 2.000 Kilometern von Krasnojarsk bis zum Polarmeer. © NDR/Michael Donnerhak, honorarfrei
Das Postschiff "Lermontov" ist auf dem Jenissej unterwegs.

Das Postschiff ist die einzige Verbindung zu den Menschen. Es fährt Tag und Nacht an endlosen Wäldern entlang, an winzigen Dörfern und kleinen Städten vorbei.

Nur vier Monate eisfrei

Die Reise auf dem Fluss beginnt in Krasnojarsk. Von dort aus werden die Menschen in den Dörfern bis hinauf zum Nordpolarmeer mit Kohle, Lebensmitteln, Medikamenten und Post versorgt. Alles wird sehnsüchtig von ihnen erwartet. Nur vier Monate im Jahr ist Zeit, notwendige Dinge in die Siedlungen zu schaffen. Dann friert der Fluss bei Temperaturen von bis zu minus 40 oder gar 50 Grad Celsius zu.

Winzige Dörfer ohne Anlegestelle

Anlegestelle in einer kleinen Siedlung am Jenissej. © NDR
Sehnsüchtig erwarten die Menschen in den kleinen Siedlungen das Postschiff.

Kapitän Pachomov kennt den Jenissej, den stürmischen, gefährlichen Fluss mit reißender Strömung. Vom Schiff aus sieht man, dass manche Ufer wie "abrasiert" wirken. An Bord sind Nenzen, die zu den Ureinwohnern Sibiriens gehören. Vor der russischen Eroberung lebten sie nicht in festen Häusern, sondern als Nomaden. Ihr Dorf ist so winzig, dass es keine Anlegestelle hat. Die Menschen klettern mitsamt ihren Habseligkeiten wie Kühlschränken, Fernsehapparaten und Sofas die Bordwand herunter und steigen in Transportboote um. An einigen Anlegestellen warten Babuschkas mit Kartoschki, Kartoffeln, Gemüse und Obst aus ihrem Garten auf die Reisenden, um sich zur kargen Rente etwas dazuzuverdienen.

Fischfang am Jenissej. © NDR
Einige Menschen im sibirischen Norden leben vom Fischfang am Jenissej.

Die Menschen am Jenissej haben schon einiges durchgestanden. Viele kapitulieren vor der großen Kälte, der Einsamkeit und Weite des sibirischen Nordens, wollen ins "materik" nach Zentralrussland zurückkehren. Aber es gibt auch Naturfreund*innen im hohen Norden, die auf dem Schiff die Zeit nutzen, ihre Netze zu flicken, die vom Fischfang leben, von der Jagd auf Bären, Zobel, wilde Rene und den kargen Ernten ihrer winzigen Gärten.

Die Traditionen der Kosacken

Schon die russischen Zaren verbannten unbotmäßige Untertanen in diese unwegsame Gegend. Später kamen im Auftrag des Zaren Kosaken, die auf der Jagd nach dem Zobel zu märchenhaftem Reichtum kamen und Vorposten des russischen Imperiums in Sibirien errichteten. Heute pflegen die Kosaken wieder ihre Traditionen, rekrutieren junge Leute und lehren sie, nach Kosakenart für Gott und Russland zu kämpfen.

Die reichste Stadt am Strom, die unter dem Schutz der Kosaken stand, war einst Jenisseisk. Von hier aus gingen die Zobelfelle nach Nischni Nowgorod und dann auf die Rauchwarenmesse nach Leipzig.

Siedlungen der Russlanddeutschen

Küchenfrau Luba arbeitet in der Kombüse und versorgt die Passagiere. © NDR/Michael Donnerhak, honorarfrei
Küchenfrau Luba arbeitet in der Kombüse und versorgt die Passagiere.

Auch während der Sowjetzeit wurden Menschen an den Jenissej verbannt: Die Nachfahren entlassener Lagerhäftlinge der Stalinzeit leben hier und Russlanddeutsche, die von ihren Siedlungen an der Wolga zu Beginn des Großen Vaterländischen Krieges 1941 nach Sibirien verschleppt wurden und heute noch in altmodischem Deutsch dem Fremden antworten. Einige von ihnen trifft das Filmteam an Bord und besucht sie in ihren Siedlungen.

Rohstoff-Paradies hoch im Norden

Das Gebiet, wo sich der Jenissej ins Nordmeer ergießt, ist für Menschen aus dem Ausland gesperrt. Man braucht eine Ausnahmegenehmigung vom russischen Geheimdienst FSB. Der hohe Norden ist einer der rohstoffreichsten Regionen Russlands. Unweit des Jenissej liegt Norilsk mit dem größten Nickelwerk der Welt. Hier, jenseits des Polarkreises, ist es ein halbes Jahr lang dunkel und eisig kalt. Das Werk zahlt hohe Löhne, um die Arbeitskräfte für das gigantische Werk, etwa 60.000 Menschen, bei der Stange zu halten.

Bedrückende Erinnerungen an den Gulag

In den 1930er-Jahren wurden Menschen nach Norilsk deportiert oder abkommandiert. Die Stadt ist eine Schöpfung der Stalinzeit. Die ersten Industriebetriebe wurden von Gefangenen gebaut: Das Lager Norilag war einer der größten Komplexe des sowjetischen Gulag. Zehntausende politische Gefangene sind dort an Kälte, Schwäche und Hunger gestorben. Stalin wusste, was er tat, als er die Menschen in den hohen Norden schickte, denn er selbst war am Jenissej verbannt.

Einst stand ein gigantisches Stalin-Denkmal am Fluss. Die Alten wissen noch heute zu berichten, dass nach dem Tod Stalins und den Enthüllungen über seine Verbrechen aufgebrachte Bauern das Denkmal auf einen Traktor luden und im Fluss versenkten. Nur der Sockel blieb stehen und ist vom Ufer aus zu besichtigen.

Redaktion
Ralf Quibeldey
Autor/in
Rita Knobel-Ulrich
Produktionsleiter/in
Bettina Wieselhuber