Sendedatum: 29.09.2018 08:30 Uhr

Navigationsgürtel für Blinde

Sehende Menschen nehmen es als selbstverständlich, sich mit ihrem Sehsinn zu orientieren. Für blinde oder sehbehinderte Menschen ist das ganz anders, da sie sich nicht auf ihre Augen verlassen können. Dabei soll ein Navigations-Gürtel helfen.

Wie ein Zugvogel

Begonnen hat alles in einer Arbeitsgruppe am Institut für Kognitionswissenschaften an der Uni Osnabrück. Silke Kärcher, Jessica Schwandt und Susan Wache untersuchten, wie neue Sinneseindrücke gelernt werden. Sie wollten wissen, ob sich bei Menschen ein Sinn für Norden entwickeln kann. Wie bei Zugvögeln. Dazu entwickelten sie einen Kompassgürtel. Aus dieser Idee entstand dann schnell sehr viel mehr.

Blinde Frau findet mit dem Navigationsgürtel ihren Weg durch einen Fußgängerzone. © NDR

Navigationsgürtel für Blinde

Wenn man als blinder oder sehbehinderter Menschen unterwegs ist, kann schon ein kleines Hindernis dafür sorgen, dass man die Orientierung verliert. Ein Navigationsgürtel soll helfen.

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Drei Gürtel-Prototypen, eine Crowdfunding-Kampagne und eine Auszeichnung von dem Niedersächschischen Gründerpreis später, war der Navigations-Gürtel geboren. In zwei Versionen: Eine Version, die mittels Vibration die Himmelsrichtung Norden oder mithilfe einer App die Luftlinie zu einem gewählten Ziel anzeigt. Eine zweite, weiterentwickelte Gürtelversion, leitet den Benutzer mit einem konkreten Weg zum zuvor definierten Ziel.

Den Weg finden

Der Gürtel wird am Bauch befestigt und ist über Bluetooth mit einer App verbunden. 16 Vibrationselemente sind in ihm verbaut. In der Version eines konkreten Weges, zeigen die Vibrationen an, in welche Richtung man gehen muss. Vibriert der Gürtel rechts am Bauch, muss man nach rechts gehen. Vibriert der Gürtel links, muss man nach links. In der Mitte dann geradeaus. Die Intensität kann man einstellen. "Manche Menschen sind sehr kitzelig," erklärt Susan Wache amüsiert.

In der Kompassfunktion hat man die Himmelsrichtung Norden als Ankerpunkt. Dies hilft als Orientierung, falls man von seiner Richtung abweicht. Leichtere Drehungen werden auch erkannt. Kurven und Richtungsänderungen können besser eingeschätzt werden. Straßen und Plätze in einer geraden Linie zu überqueren oder Hindernissen auszuweichen, kann mit dieser Funktion besser gemeistert werden. Kurz um, Dinge, die man als Sehender ständig macht und für gegeben annimmt, werden durch den Gürtel für Blinde Menschen einfacher.

"Wir haben mit vielen Blinden gesprochen und den Gürtel für deren Bedürfnisse optimiert. Und dann sieht man einfach, wie jemand, der sonst Schwierigkeiten hat, geradeaus zu gehen, plötzlich problemlos geradeaus gehen kann." - Susan Wache

Von der Idee bis zum Start-Up

Herkömmliche Navigationsgeräte haben meistens einen Display und die Option, die Navigationsanweisung per Sprache auszugeben. Dies lenken aber die visuelle und auditorische Aufmerksamkeit von der aktuellen Verkehrssituation ab. Es muss außerdem aus der Tasche und in die Hand genommen werden. Durch den Gürtel, kann man sich weiterhin auf das Geschehen um einen herum konzentrieren.

Das Gerät kann auch von sehenden Menschen verwendet werden. Zum Beispiel bei Outdooraktivitäten, wie beim Fahradfahren. So muss man nicht mehr auf den Screen des Handys schauen, um sich zu orientieren. "Unsere Hauptzielgruppe sind aber vor allem blinde und sehbehinderte Menschen," so Susan Wache. Aus einer Arbeitsgruppe ist ein Start-Up mit fünf Stellen geworden. Die Einzelteile werden in Deutschland gefertigt, Teile dann in Osnabrück zusammen gesetzt. Insgesamt 100 Gürtel hat das Start-Up 2017 verkauft. Aktuell gibt es kein vergleichbares Gerät auf dem Markt.

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Dieses Thema im Programm:

29.09.2018 | 08:30 Uhr

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