Kulenkampffs Schuhe

In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, 12. Juni 2019, 00:00 bis 01:30 Uhr

In den 1960er- und 1970er-Jahren erlebte das deutsche Fernsehen in der Bundesrepublik mit Einschaltquoten von 80 Prozent goldene Zeiten. Die Familie saß am Sonnabendabend im Wohnzimmer, alle freuten sich auf "Einer wird gewinnen" mit Hans-Joachim Kulenkampff oder die "Peter-Alexander-Show".

Der Dokumentarfilm "Kulenkampffs Schuhe", der vollständig aus Archivmaterial besteht, zeigt Nachkriegsgeschichte auf überraschende, ungewöhnliche und berührende Art und Weise: Anhand von zahlreichen Showausschnitten von damals, Interviews, privatem Super-8-Material, historischen Dokumenten und Fotos eröffnet sich eine ganz neue Sicht auf das Unterhaltungsfernsehen der Bundesrepublik: Es war angetreten, eine ganze Nation von ihren Kriegstraumata zu therapieren, ein unverzichtbarer Ruhepol. Ein Film, der generationsübergreifend herausfinden möchte, wie die Deutschen wurden, was sie sind.

Unterhaltungsshows gegen Traumatisierungen

Der Quizmaster, Schauspieler und Conferencier Hans-Joachim Kulenkampff in seiner erfolgreichen Quiz-Sendung "Einer wird gewinnnen". © SWR/HR/Kurt Bethke
Der Quizmaster, Schauspieler und Conferencier Hans-Joachim Kulenkampff in seiner erfolgreichen Quiz-Sendung "Einer wird gewinnnen".

Hans-Joachim Kulenkampff und Peter Alexander waren die großen Fernsehhelden der Familie von Regisseurin Regina Schilling. Und natürlich, etwas später, Hans Rosenthal mit "Dalli Dalli". Die Quizshows verhießen leichte Unterhaltung, Entspannung, heile Welt. Entspannung hatte Schillings Vater nötig. Er arbeitete rund um die Uhr in seiner eigenen Drogerie. Eine Drogerie im Nachkriegsdeutschland? Kaum etwas wurde mehr gebraucht: aufräumen, Wunden heilen, reparieren, saubermachen, Schädlinge bekämpfen.

Was sahen die Väter der Kinder, die damals im Schlafanzug vor dem Fernseher saßen, in den Showmastern? Wussten sie, dass Kulenkampff sich an der Ostfront vier Zehen eigenhändig amputiert hatte? Fragten sie sich, ob Peter Alexander wohl auch bei der Hitlerjugend gewesen war? Bei der Wehrmacht, in Kriegsgefangenschaft wie die meisten jungen Männer dieser Generation? Hatten sie davon gehört, dass Hans Rosenthal jüdisch war, sich in den Kriegsjahren als Vollwaise in einer Berliner Laube versteckte und jeden Moment damit rechnen musste, deportiert zu werden?

Die Showmaster gehörten wie Regina Schillings Vater einer sehr besonderen Generation an: erst missbraucht vom Nationalsozialismus, dann eingespannt in das Hamsterrad der Nachkriegszeit, die von Traumatisierungen nichts wusste oder nichts wissen wollte.

Regie
Regina Schilling
Redaktion
Simone Reuter
Schnitt
Jamin Benazzouz
Ton
Kai Tebbel
Redaktion
Großpietsch, Timo
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