Stand: 01.10.2021 18:39 Uhr

Interview zur Kühnert-Dokuserie: "Politik erfahrbar machen"

Drei Jahre lang haben die NDR Filmemacher*innen Katharina Schiele und Lucas Stratmann den Jungpolitiker mit der Kamera begleitet. Sie zeigen, wie das politische Agieren des ehemaligen Juso-Vorsitzenden und heutigen Partei-Vizes Kevin Kühnert aussieht. Und sie fragen, welchen Einfluss er auf die politische Ausrichtung der SPD hat und ob er sie nach links gerückt hat. Im Interview mit NDR.de erzählen Schiele und Stratmann, warum sie eine mehrteilige Serie über einen einzigen Politiker gedreht haben und berichten von den Drehbedingungen.

Wann und wie kam die Idee zu diesem Projekt?

Katharina Schiele © NDR Foto: Jan Littelmann
Seit ihrem NDR Volontariat arbeitet Katharina Schiele als Autorin für Panorama und als Filmemacherin. Für ihren Film "Rechte Terroristen: Hass auf Frauen" wurde sie mit dem Juliane-Barthels-Preis ausgezeichnet.

Katharina Schiele: Als die SPD vor vier Jahren ihr historisch schlechtestes Wahlergebnis bei einer Bundestagswahl bekommen hat, war ich im Willy-Brandt-Haus. Als um 18 Uhr die ersten Prognosen kamen, herrschte Totenstille. Es war klar, die kommende Legislaturperiode wird entscheidend für die SPD, immerhin die älteste Partei Deutschlands. Ich dachte mir, eigentlich müsste man heute Abend anfangen eine Langzeitbeobachtung zu machen und diese Jahre festhalten.

Lucas Stratmann: Wir haben dann viel überlegt, wie man denn einen Dokumentarfilm "über die SPD" macht, der nicht schon hundertmal gemacht wurde oder zu 90 Prozent aus Archivmaterial und Pressekonferenzen besteht. Wir hatten erst überlegt, dass wir den ältesten SPD-Ortsverein Deutschlands und verschiedene SPD-Politiker*innen durch diese Zeit begleiten. Letztlich haben wir uns aber entschieden alles auf eine Karte zu setzten und Kevin Kühnert zu fragen. Ein junger Politiker und eine Reizfigur in der eigenen Partei, der schon damals im Zentrum der Debatte stand.

Wie haben Sie es geschafft Kevin Kühnert davon zu überzeugen mitzumachen?

NDR Autor Lucas Stratmann im Porträt. © Lucas Stratmann
Lucas Stratmann ist seit 2010 Journalist beim NDR - zunächst im ARD Studio in Washington, dann als Volontär und nun als Autorenfilmer. Sein Schwerpunkt: politische und gesellschaftliche Dokumentationen.

Stratmann: Ich habe ihn im Rahmen einer anderen NDR Produktion kennengelernt und einfach gefragt. Dann sind wir nach Berlin gefahren, haben einmal mit ihm und seinem Pressesprecher besprochen, wie wir uns das vorstellen und unter welchen Bedingungen wir da zusammenkommen können. Klar war, dass wir nach der Bundestagswahl senden, weil sie der dramaturgische Höhepunkt ist. Das ausschlaggebende Argument für Kühnert und seinen Pressesprecher Benni Köster war, dass wir einen Film über ihn machen, der auch das politische Geschäft erfahrbar macht. Ob uns das gelungen ist, müssen jetzt die Zuschauer*innen entscheiden.

Warum habt ihr euch für eine Doku-Serie entschieden anstatt für einen Dokumentarfilm?

Stratmann: Erst mal waren wir froh, dass die Dokumentarfilmredaktion des NDR von unserem Vorschlag überzeugt war und wir sofort loslegen konnten. Dann haben wir schon relativ früh angefangen, unser Material zu sichten und vorzuschneiden und gemerkt, dass wir einfach viele spannende und interessante Einblicke haben.

Wir wollten Situationen so auserzählen, dass man als Zuschauer*in tatsächlich das Gefühl hat dabei zu sein und politische Prozesse wirklich zu verstehen. Ein Blick hinter die Kulissen. Da wurde uns dann relativ bald klar, dass ein sechzig- oder neunzigminütiger Film nicht das richtige Format ist. Die ARD-Mediathek bietet ja nun zum Glück auch die Möglichkeit seriell zu erzählen.

Schiele: Außerdem haben sich die Ereignisse, die wir begleiten konnten auch einfach angeboten für eine Serie: ein Europawahlkampf mit Sozialismus-Debatte, ein Rücktritt der Parteichefin ohne geplante Nachfolge und ein parteiinterner Wettstreit - Außenseiter gegen Minister. Und jetzt auch noch ein Bundestagswahlkampf bei dem der innerparteiliche Rivale die SPD zurück zum Erfolg führt. All das sind ja Entwicklungen, die in sich spannend sind, und die vor allem über die reine Figur Kevin Kühnert hinausgehen.

 Kam es häufig vor, dass Kühnert und Entourage Sie gebeten haben die Kamera auszuschalten?

Filmemacher Lucas Stratmann auf einer SPD-Veranstaltung mit der Kamera bei Dreh. © Katharina Schiele / Lucas Stratmann
"Wir sollten Situationen so auserzählen, dass man als Zuschauer*in tatsächlich das Gefühlt hat, dabei zu sein", sagt Filmemacher Lucas Stratmann.

Stratmann: Tatsächlich selten. Hauptsächlich war das so, wenn dritte Personen involviert waren, die nicht im Film auftauchen wollten und auch immer mal wieder an spannenden Stellen, an denen es um Parteiinterna ging.

Das ist dann natürlich auf der einen Seite ärgerlich, aber auf der anderen Seite nachvollziehbar. Insgesamt haben wir aber schon das Gefühl, den Zuschauer*innen einen Einblick in den Politikbetrieb zu bieten, der eher selten ist.

Schiele: Als Kevin Kühnert noch Juso-Vorsitzender war, konnten wir mehr drehen. Dann wurde er zum stellvertretenden Parteivorsitzenden gewählt, es kam Corona und zusätzlich war jetzt Wahlkampf mit der Strategie der unbedingten Geschlossenheit der Partei. Das haben wir natürlich auch gemerkt.

Was haben Sie durch die Dreharbeiten über Politik gelernt?

Stratmann: Während der Drehs habe ich gelernt, dass Politik oft ein sehr hartes Geschäft ist, weil politische Konflikte über Personen ausgetragen werden. Das gilt für politische Lagerkämpfe genau so wie für Sachpolitik: Am Ende stehen Politiker*innen als Menschen im Fokus der Medien und der Gesellschaft. Das kann Erfolg bescheren, aber auch sehr gnadenlos sein.

Autorin Katharina Schiele im Schnittraum. Im Hintergrund mehrere Monitore mit einer Szene aus "Kevin Kühnert und die SPD". © Katharina Schiele / Lucas Stratmann
Bis zum Schnitt der Dokuserie hat es vier Jahre gedauert. Nach der Bundestagswahl 2017 hatte Filmemacherin Katharina Schiele die Idee zu dem Projekt.

Schiele: Was für eine wahnsinnige Fleißarbeit Politik ist, habe ich gelernt. Und welch langen Vorlauf politische Veränderungen haben: angefangen mit Meinungsbildung auf Juso-Kongressen, über Diskussionsvorschläge in Arbeitsgruppen, bis zu Entscheidungen über Formulierungen auf Parteitagen. Und dann ist es erst mal nur die Position der Partei, noch lange kein Gesetz. Da braucht man einen langen Atem.

Jetzt hat der Film Premiere auf großer Leinwand auf dem Filmfest Hamburg, sind sie schon aufgeregt?

Schiele: Ja, total. Wir zeigen drei Folgen im Kino und auch Kevin Kühnert wird vor Ort sein. Wir sind echt gespannt auf die direkten Reaktionen der Zuschauer*innen. Im Kino ist es schon etwas anderes als allein im Wohnzimmer auf einem Fernseher.

Stratmann: Ja wir freuen uns, dass das Filmfest uns mit ins Programm genommen hat. Danach gehen wir auch gleich Online in die ARD-Mediathek und die Serie läuft dann auch im NDR Fernsehen. Wir sind echt gespannt auf die Reaktionen.

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Kevin Kühnert auf der Stufe einer Bühne sitzend. © NDR/Lucas Stratmann Foto: Lucas Stratmann

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Dieses Thema im Programm:

Kevin Kühnert und die SPD | 06.10.2021 | 00:00 Uhr