Stand: 16.12.2016 15:27 Uhr

"Der Fall Mundo begleitet mich Tag und Nacht"

Erst seit anderthalb Jahren ist Chritoph Grabitz zugelassener Strafverteidiger. Der 33-Jährige ist voller Idealismus: Der Fall Mundo ist seine Chance. Sein Mandant, Markus Mundo, sitzt seit fünf Jahren wegen Mordes an seinem Vater Dieter und seinem Bruder Heiko in Haft, beteuert aber seine Unschuld.

Christoph Grabitz.
Christoph Grabitz ist der vierte und aktuelle Anwalt von Markus Mundo.

Grabitz war nicht immer Anwalt. Angefangen hat er seine Ausbildung als Journalist in München. Er spezialisierte sich unter anderem auf Justizberichterstattung, schrieb über Kriminalgeschichten und das Strafrecht. Nebenbei fing er ein Jurastudium an. Eines Tages schrieb er über einen Justizirrtum, im Zuge dessen ihn der damalige Anwalt von Markus Mundo kontaktiert. Der junge Journalist sollte über den Fall Mundo schreiben. Grabitz wollte Markus Mundo persönlich kennenlernen und besuchte ihn in der JVA. Er entschied sich gegen einen Artikel.

Einige Monate später meldete sich Sandra Dittmar, die Ex-Partnerin des getöteten Heiko Mundo. Zu diesem Zeitpunkt hatte Markus Mundo keinen Anwalt mehr. Sie setzte sich für Markus Mundo ein und bat Grabitz ebenfalls, über den Fall zu schreiben. Diesmal sagte Grabitz zu, allerdings nicht um über Mundo zu schreiben: Er wollte ihn verteidigen.

Was reizt Sie als Strafverteidiger am Fall Mundo?

Christoph Grabitz: Das ist ein Fall, wo aus meiner Sicht von Anfang an sehr viel schiefgelaufen ist. Das ist jetzt für mich natürlich eine David-gegen-Goliath-Aufgabe. Ich bin noch ein recht junger Anwalt und es ist einer meiner ersten großen Fälle. Manche Aspekte scheinen aussichtslos, aber ich sehe da eine gewisse Hoffnung. Ich glaube, man kann in dem Fall Klarheit schaffen, wenn man nur lange genug dabei bleibt.

Hatten Sie jemals Zweifel an Ihrem Mandanten?

Grabitz: Ja, natürlich. Das ist in der Wiederaufnahme anders, als wenn ich in der Instanz verteidige. Da muss man sich genau überlegen: Wie sehr glaubt man an die Unschuld seines Mandanten? Und das war für mich persönlich auch ein relativ weiter Weg, weil ich mich natürlich immer gefragt habe: Nützt dieses zeitliche Engagement, was ich hier einbringe, überhaupt was? Oder sollte ich das gar nicht wagen, weil der Erfolg vielleicht ausbleibt? Daher hatte ich schon meine Zweifel. Aber ich habe mich dagegen entschieden, dass mich diese Zweifel beherrschen.

Können Sie nach Ihrer Arbeit abschalten oder beschäftigt Sie das Schicksal Ihres Mandanten auch nach Feierabend?

Grabitz: Der Fall Mundo begleitet mich tatsächlich Tag und Nacht. Ich habe auch immer ein paar Akten unter dem Bett, falls ich nicht schlafen kann. Ich bin froh, dass das nicht bei allen meiner Fälle so ist, das würde gar nicht gehen. Die Akten nerven mich auch schon fast zu Tode, weil ich sie alle 30 bis 40 Mal von vorne bis hinten gelesen habe. Aber da kommt auch immer wieder etwas Neues raus, das macht dann Spaß und ist wie eine sportliche Herausforderung.

Sie sind schon der dritte Verteidiger, der sich des Falles annimmt. Was glauben Sie machen Sie besser als Ihre Vorgänger?

Grabitz: Ich bin ein sehr junger Anwalt und möchte mich durchboxen. Und dass ich mich in diesen Fall festgebissen habe und für momentan noch relativ kleines Geld mehr Engagement bringe, als das vielleicht Kollegen machen können, die sehr viele Fälle haben. Ich hab mich entschieden, den Fall zu meinem persönlichen Aufschlag zu machen. Außerdem habe ich einen Vorteil durch meine Fremdsprachen. Mit meinen Französisch- und Spanischkenntnissen bin ich auch für die fremdsprachigen Ermittlungsakten gut gerüstet.

Inwiefern träumt man als Anwalt von einem so großen Fall, der einen möglicherweise berühmt macht?

Grabitz: Nun ja, genau wie bei der Polizei ist das Leben eines Anwalts nicht wie im "Tatort". Klar ist es spannend, ich mache den Job ultragern. Der Fall Mundo hat durch seine Dramatik für einen Anwalt auch sehr viel Rock'n'Roll drin. Daher ist es für einen jungen Anwalt natürlich ein Stück Sahnebaiser. Bei meinen anderen Fällen kann man zum Beispiel ruhig schlafen und sich dem Rechtstaat irgendwo hingeben. Der Fall Mundo ist da für mich aber ein Ausnahmefall, an dem man auch toll üben kann. Wo man gucken kann: Wo kann ich Salz in die Wunde streuen? Wo kann ich gut nachhaken?

Welche Spuren hinterlässt es persönlich, wenn man tagtäglich mit Mördern zu tun hat?

Grabitz: Das ist ganz interessant, weil ich da gerade eine kleine Krise durchlebe. Ich habe zurzeit vier Kapitaldelikte beziehungsweise möglicherweise Mord. Das hinterlässt dann schon Spuren. Abgesehen vom Fall Mundo, der unter meinem Bett liegt, habe ich mir zur Regel gemacht, meine Mordfälle abends in der Kanzlei zu lassen und mit dem Papier auch den Rest abzulegen. Es gibt natürlich Tatverläufe und Bildmaterial, was einfach gruselig ist. Und das ist bei mir dann teilweise so, dass, wenn ich abends mal ein Buch lese oder einen Wein trinke, und dann knackt es plötzlich in der Wohnung, dann denke ich manchmal an meine Fälle. Was könnte das jetzt sein? Da wird man teils paranoid. Da muss man sich schützen. Man hat natürlich immer vor Augen, wie schnell das gehen kann, dass ein Menschenleben erlischt. Auf der anderen Seite muss man auch Realismus an den Tag bringen. Ich blicke beispielsweise sehr entspannt auf die Mordrate in Deutschland. Die Tötungsdeliktrate ist ja seit Jahren rückläufig. Sie merken schon, ich versuche mir das persönlich immer schönzureden. (schmunzelt)

Das Interview führte Alisha Elling.

Weitere Informationen
Rückenansicht eines Mannes, der durch einen Gefängnisflur geht. © NDR

MUNDO. Die Spur des Mörders

Seit fünf Jahren sitzt Markus Mundo wegen Doppelmordes im Gefängnis. Er beteuert seine Unschuld. Profiler Harbort rollt den Fall neu auf - eine wahre Geschichte voller Widersprüche. mehr

Dieses Thema im Programm:

Film im NDR | 24.11.2019 | 00:45 Uhr

JETZT IM NDR FERNSEHEN

DAS! 05:15 bis 06:00 Uhr