Stand: 27.04.2020 10:52 Uhr

Zur Sache: Corona - Kinder in der Krise

Die anhaltende Corona-Krise stellt Familien vor enorme Herausforderungen. Für viele Eltern heißt das: Dauerstress. Aber auch für Kinder kann die Situation belastend sein. Nach Angaben des Kinderschutzbundes melden sich rund ein Viertel mehr Kinder und Eltern beim Sorgentelefon oder dem "Sorgenchat". In unserer Sendung Zur Sache am Sonntagabend sprachen Experten über die Folgen, wenn Kinder sozial isoliert und Eltern überfordert sind.

Bildungsschere geht immer weiter auseinander

Gerade für Kinder aus armen oder sozial schwachen Familien sei es wichtig, Kitas und Schulen wieder zu öffnen, sagte die Landesvorsitzende des Kinderschutzbundes Schleswig-Holstein, Irene Johns. Die Bildungsschere gehe sonst immer weiter auseinander. Die Erzieherin Heike Köhler aus Lübeck meinte, wenn die Kitas wieder geöffnet würden, dann müsse auch klar sein, dass Abstand halten bei so vielen Kindern nicht mehr möglich sei.

Zunahme von Gewalt befürchtet

Johns befürchtet auch eine Zunahme von Gewalt. Denn die Risikofaktoren seien extrem gestiegen. Psychosoziale und wirtschaftliche Belastung, Isolation, das Fehlen von Netzwerken und soziale Distanz würden dafür sorgen, dass die Gefahr für Kinder steigt, Opfer von Gewalt zu werden.

Normalerweise falle Gewalt in Familien zum Beispiel in der Schule auf - dafür wurden Lehrkräfte extra geschult. Johns appellierte an Nachbarn, sozial aufmerksam zu sein sowie Stress und Geschrei "wahrzunehmen". Mögliche Anlaufstellen könnten dann zum Beispiel der Kinderschutzbund oder das Jugendamt sein, die Beratung und Hilfe bieten.

Kinder reagieren mit ihrem Körper

Der Kinder- und Jugend-Psychotherapeut, Wolf-Dieter Gerber, betonte, dass Kinder, die zum Beispiel unter Bewegungsarmut leiden, häufig Bauchweh hätten oder auch aggressiv reagierten. "Die Kinder entwickeln körperliche Symptome. Besonders auch dann, wenn sie erleben, dass auch die Eltern genervt sind, sich mehr streiten. Das heißt, das ganze Klima in der Familie wird dadurch natürlich sehr problematisch. Und das Schlimme bei der ganzen Sache ist natürlich, dass die Kinder gar nicht wissen, wie ihnen geschieht."

Außerdem wies Gerber darauf hin, dass laut Weltgesundheitsorganisation etwa 40 Prozent alle Kinder im Laufe ihrer Jugend psychische Probleme haben werden. "Die Zeit wird sich nach der Krise etwas erhöhen", sagte er. Gerber verwies darauf, dass sogenannte Anpassungsstörungen auftreten können, ausgelöst dadurch, wenn die Kinder mit der Lebenssituation nicht klarkommen.

Experten: Stärker am Bedarf der Kinder orientieren

Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin befürchtet "langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit der nachwachsenden Generation, wenn die Einschränkungen in dieser Strenge lange fortbestehen". Die Experten fordern in einer Stellungnahme, sich bei der schrittweisen Öffnung von Kindertagesstätten zuerst am Bedarf der Kinder zu orientieren - und nicht an dem der Eltern oder Arbeitgeber. Außerdem müsse dringend wissenschaftlich geklärt werden, ob Kinder und Jugendliche überhaupt relevante Überträger des Coronavirus seien. Der Kinderschutzbund in Schleswig-Holstein fordert, die Spielplätze wieder zu öffnen und auch die Betreuung in den Kitas auszuweiten. Auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) meint, eine allgemeine Kita-Schließung bis August sei keine Lösung. Sie rechnet damit, dass das Thema bei der nächsten Schaltkonferenz der Ministerpräsidenten und der Bundesregierung am 30. April geklärt wird.

Kinderschutz-Einrichtungen in SH


Kinderschutzbund Landesverband SH

  • (0431) 666 679 0
  • www.kinderschutzbund-sh.de
  • Kinder- und Jugendtelefon: "Nummer gegen Kummer", erreichbar Mo. bis Sa., 14 bis 20 Uhr unter Tel. 116 111
  • Elterntelefon, erreichbar Mo. bis Fr., 9 bis 17 Uhr sowie Di. und Do., 9 bis 19 Uhr. Tel. (0800) 111 0 550

Kinderschutz-Zentren Schleswig-Holstein
erreichbar Mo bis Fr 8 bis 12 Uhr
  • Kinderschutz-Zentrum Kiel, Tel. (0431) 12 21 80, E-Mail: info@kinderschutz-zentrum-kiel.de
  • Kinderschutz-Zentrum Lübeck, Tel. (0451) 78 881, E-Mail: kinderschutz-zentrum-luebeck@awo-sh.de
  • Kinderschutz-Zentrum Westküste, Husum: Tel. (04841) 69 14 50, E-Mail: kinderschutz@dw-husum.de
  • Heide: Tel. (0481) 68 37 307, Nebenstelle Brunsbüttel: Tel. (04852) 39 11 29 Nebenstelle Niebüll: Tel. (04661) 90 19 66
  • Kinderschutz-Zentrum Holstein-Mitte, Tel. (04561) 51 230, Email: info@kinderschutzbund-oh.de
  • Deutscher Kinderschutzbund Segeberg, Tel. (04551) 88 888, info@kinderschutzbund-se.de

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Die Themen im Überblick

Mitschnitte, Zusammenfassungen, Hintergrundberichte - alles zu den Sendungen "Zur Sache" zum Nachlesen und Nachhören. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Zur Sache | 26.04.2020 | 18:05 Uhr

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