Stand: 27.09.2020 18:05 Uhr

Zur Sache: 30 Jahre deutsche Einheit

Am 3. Oktober 2020 feiern wir 30 Jahre Deutsche Einheit. Die Politik stand damals vor einer wahrlich historischen Aufgabe. Vieles ist gelungen, es wurden aber auch - im Nachhinein betrachtet - viele Fehler gemacht. Wie fällt die Bilanz 30 Jahre danach aus? Was wurde erreicht, wo sind noch Defizite spürbar? Wie lässt sich die Einheit weiter voranbringen? Darüber haben wir mit dem damaligen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein Björn Engholm (SPD) und dem amtierenden Ministerpräsidenten Daniel Günther (CDU) gesprochen.

Mann mit Deutschland-Flagge am Hut © dpa Foto: Jens Wolf

AUDIO: Zur Sache: 30 Jahre deutsche Wiedervereinigung (44 Min)

Ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk

Schon der Fall der Mauer am 9. November 1989 war für Björn Engholm etwas ganz Besonderes - nämlich ein unglaubliches, unverhofftes Geburtstagsgeschenk für ihn, erzählt er. "Und ein Jahr später war die Euphorie, der Taumel dieses Zusammengehens ein wenig abgeflaut, aber er war an dem Oktobertag noch vorhanden." Während der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl prognostizierte, in zwei Jahren werde alles blühen in den deutschen Landen im Osten, war Engholm der Meinung, das dauere mindestens eine Generation.

Weitere Informationen
Zuschauer nehmen am Tag der Deutschen Einheit mit Deutschlandfahnen an den Festlichkeiten in Kiel teil. © dpa Picture Alliance Foto: Kay Nietfeld

Einheit soll verstärkt Thema im Unterricht werden

30 Jahre Wiedervereinigung - dieses historische Ereignis war am Donnerstag Thema im Landtag. Die Abgeordneten beschlossen, dass die Deutsche Einheit im Unterricht eine größere Rolle spielen soll. mehr

Der Westen reagierte mit Überheblichkeit

"Es war keine Vereinigung im klassischen Sinne, sondern - wenn man so will - ein einseitiger Beitritt des Ostens zum Westen", sagt Engholm im NDR Interview. "Der Osten hat überhaupt keine Chance gehabt, sich selbst zu finden." Die industrielle Basis wurde nach der Wiedervereinigung zerschlagen, die Arbeitslosenquote war hoch. "Wir haben alles, was die Menschen drüben 40 Jahre lang zu ihrem Leben gezählt haben, infrage gestellt. Ich glaube, wir haben ihnen am Ende gesagt: Euer Leben war insgesamt miserabel und wir haben ihnen damit ein Stück ihres noch vorhandenen Selbstbewusstseins, ihrer Identität genommen."

Es muss nachgebessert werden

Es müsse nachgelegt werden, da wo der Osten in der Anfangszeit der Vereinigung gelitten habe, sagt Engholm. So müssten dort unter anderem Industriezentren entstehen, um das nachzuholen, was damals verpasst worden sei. Das meiste sei im Westen geblieben. Besonderen Wert legt Engholm auf eine bessere Zusammenarbeit zwischen Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. So sprach er sich für eine gemeinsame Kabinettssitzung einmal im Jahr aus.

Auch Ministerpräsident Günther sieht noch Probleme

Der amtierende Ministerpräsident Daniel Günther war am Tag der Wiedervereinigung noch ein Teenager, 17 Jahre alt. Am Fernseher hat er damals alles mit Spannung verfolgt, sagt er. "Das hat mich politisch auch sehr geprägt, das war auch einer der Gründe, warum ich später in die Politik gegangen bin." Einige Baustellen gebe es bis heute. "Eine, die ich besonders wichtig finde, ist die geringe Präsenz von Menschen mit ostdeutscher Biografie in Führungsämtern." So habe es 30 Jahre gedauert, bis die erste ostdeutsche Frau Richterin am Bundesverfassungsgericht wurde. "Das ist schon hart", so Günther.

Ausführliche Interviews in der Live-Sendung

In der Sendung Zur Sache mit Moderator Jörn Schaar haben Engholm und Günther noch weitere Aspekte der Wiedervereinigung angesprochen. Auch ein Historiker kam zu Wort kommen.

Weitere Informationen
Björn Engholm lacht in die Kamera. © NDR Foto: Mechthild Mäsker

Björn Engholm bilanziert 30 Jahre Deutsche Einheit

Der Tag der Deutschen Einheit jährt sich am 3. Oktober 2020 zum 30. Mal. Ex-Ministerpräsident Björn Engholm hat ganz spezielle Erinnerungen an die Ereignisse 1990, wie er im Interview sagt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Zur Sache | 27.09.2020 | 18:05 Uhr

Podcast Bild für die Sendung "Zur Sache". ©  Roman Gorielov/fotolia Foto:  Roman Gorielov

Podcast: Zur Sache

Jeden Sonntag diskutieren Experten in der Sendung "Zur Sache" von 18 bis 20 Uhr über das Thema der Woche. Auch die Meinungen und Fragen der Hörerinnen und Hörer sind gefragt. mehr

Montage Jahresrückblick: Nachrichtenbilder aus den Bundesländern Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern in einem Filmstreifen © dpa, Fehmarnbelt Development Joint Venture Foto: Jochen Lübke, Jens Wolf, Jens Ressing

Die Themen im Überblick

Mitschnitte, Zusammenfassungen, Hintergrundberichte - alles zu den Sendungen "Zur Sache" zum Nachlesen und Nachhören. mehr

Livestream NDR 1 Welle Nord

Moin! Der Tag in Schleswig-Holstein

15:00 - 19:00 Uhr
Live hörenTitelliste