Stand: 04.05.2019 15:10 Uhr

Wie frei ist die Presse weltweit?

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Die Organisation Reporter ohne Grenzen berichtet jährlich, wie es um die Pressefreiheit weltweit steht.

Eine demokratische Gesellschaft ohne Pressefreiheit ist undenkbar: Informationsfreiheit, freie Meinungsbildung und -äußerung sowie staatlich unzensierte Veröffentlichungen sind nur einige wichtige Punkte, die gegeben sein müssen, damit Journalisten weltweit ungehindert ihre Arbeit machen können. Ohne die Pressefreiheit kann keine unabhängige und neutrale Berichterstattung stattfinden, was unter anderem auch die Menschenrechte verletzt:

Jeder Mensch hat das Recht auf freie Meinungsäußerung; dieses Recht umfasst die Freiheit, Meinungen unangefochten zu vertreten sowie Informationen und Ideen mit allen Kommunikationsmitteln ohne Rücksicht auf Grenzen zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten. (Artikel 19 der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" der Vereinten Nationen, Dezember 1948)

Doch wie sieht es in Ländern aus, in denen die Pressefreiheit nicht gewährleistet ist? Wie arbeiten Journalisten, wenn sie Gefahr laufen bedroht oder verhaftet zu werden? Wo können sie unbehelligt von staatlicher Einflussnahme unabhängig berichten? Und mit welchen Hürden ist zu rechnen, wenn auch Interviewpartner durch ihre Zusammenarbeit mit Journalisten Gefahren ausgesetzt sind? Wir haben mit einigen Korrespondenten der ARD gesprochen und sie gefragt, wie es in ihren derzeitigen Berichtsgebieten um die Pressefreiheit bestellt ist.

ARD-Korrespondenten zur Pressefreiheit weltweit

Europa: Norwegen erneut Spitzenreiter

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Christian Stichler, ARD-Studioleiter in Stockholm, und sein Team berichten aus den skandinavischen Ländern und dem Baltikum.

Bereits seit 2017 führt Norwegen das Ranking der Pressefreiheit an. Die Freiheit der Presse ist in Norwegens Verfassung seit 1814 garantiert. "Es gibt eine nur sehr geringe Einflussnahme der Regierung auf die Medien. Körperliche Angriffe auf Journalistinnen und Journalisten sind extrem selten", berichtet Christian Stichler, ARD-Korrespondent in Skandinavien und dem Baltikum. Der norwegische Staat unterstütze mit dem "Pressstøtte" kleinere Zeitungen finanziell, um auch in ländlichen Regionen eine Meinungsvielfalt zu gewährleisten. Die Konzentration der Medienmacht sei im Vergleich zu anderen europäischen Ländern in Norwegen gering, so Stichler. Ganz frei von Kritik ist aber auch Norwegen nicht. "Journalisten mit Migrationshintergrund sind immer wieder mal rassistischen Anfeindungen ausgesetzt. Und die Norwegische Menschenrechtsorganisation NHRF beklagt, die neue Strafprozessordnung von 2017 habe den Schutz von journalistischen Quellen verschlechtert", erklärt Stichler.


Deutschland befindet sich im europäischen Vergleich mit Rang 13 im oberen Drittel und hat gegenüber 2018 zwei Plätze gut gemacht. Schlusslicht in Europa ist mit Rang 111 Bulgarien. Die positivste Entwicklung in Europa hat Nordmazedonien gemacht. 14 Plätze konnte das Balkanland 2019 im Vergleich zu 2018 gutmachen.

 

Pressefreiheit in Großbritannien nur auf dem Papier?

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Annette Dittert leitet das ARD-Studio in London. Sie sieht die Pressefreiheit in Großbritannien aufgrund des Drucks der Brexitbefürworter in Gefahr.

Auch Großbritannien gehört 2019 zu den großen Aufsteigern in Sachen Pressefreiheit. Gegenüber 2018 ist das Vereinigte Königreich im Ranking um sieben Plätze nach oben gesprungen - von Platz 40 auf Platz 33. Das bedeutet jedoch nicht, dass dort alles in bester Ordnung ist. Annette Dittert, ARD-Studioleiterin in London, findet klare Worte: "In Großbritannien ist die Pressefreiheit im Prinzip nicht bedroht. Es gibt sie auf dem Papier. De facto aber ist das, was ein großer Teil der britischen Presse veröffentlicht, häufig Boulevard im schlechtesten Sinne - aufgebauschte Geschichten, oft erfunden. Selbst politische Storys in den großen Zeitungen sind zuweilen eher hitzig konfrontativ, statt nüchterne Berichterstattung. Seit dem Brexit hat sich all das verschärft. Ein Großteil der britischen Medien ist in den Händen einiger weniger Oligarchen, zum Beispiel Murdoch oder der Barclay-Brüder, die aus ganz eigenen Gründen am Brexit interessiert sind. Was früher schriller schräger Boulevard war, ist mitunter einfach nur noch nationalistische Propaganda", so Dittert. Selbst die BBC sei in das gleiche Fahrwasser gerutscht. "Um dem Druck der Brexiteers zu entgehen, gibt sie seit dem Sommer 2016 den Lügen und Halbwahrheiten der Brexit-Propaganda überdurchschnittlich viel Sendezeit. Extremisten wie Nigel Farage oder Ultra-Brexiteers wie Jacob Rees-Mogg dürfen in Interviews weitgehend unhinterfragt ihre antieuropäische Rhetorik verbreiten. Alles im Namen der Balance. Der Journalismus bleibt dabei immer häufiger auf der Strecke. Das hat zu einer Aushöhlung der Pressefreiheit geführt, die mittelfristig vielleicht genauso gefährlich ist, wie der direkte Eingriff in die Rechte der Presse", so Dittert.

Gefährliche Situation durch Rechtspopulisten

Für viele Journalisten in Europa ist die Arbeit gefährlich geworden. Sie werden verbal, aber auch körperlich angegriffen. Vor allem in Ländern, in denen Rechtspopulisten in der Regierung sitzen, werden Mitarbeiter des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu Feinden stilisiert und sollen mundtot gemacht werden. In Österreich von der FPÖ, aber auch in Ungarn, das aktuell um 14 Plätze in der Rangliste der Pressefreiheit abgerutscht ist. Der öffentliche Sender MTVA wurde dort durch Personalum- und -abbau auf Orban-Linie gebracht, sodass nur noch regierungstreu berichtet wird. Die Stimmung gegen die Medien hat sich in einigen europäischen Ländern grundsätzlich sehr verändert in den vergangenen Jahren. Sie ist brutaler geworden. Gefährlicher ist es vor allem auch für Investigativjournalisten, die korrupte Strukturen aufdecken: Auf Malta, aber auch in der Slowakei und in Bulgarien - mit Rang 111 Schlusslicht in Europa - wurden Reporter ermordet, weil sie unabhängig recherchiert und berichtet haben.

Das komplette Ranking mit den Platzierungen von 180 Ländern weltweit als Download.

Weitere Informationen

Weltbilder spezial - Pressefreiheit

30.04.2019 23:30 Uhr

Am 3. Mai ist der Internationale Tag der Pressefreiheit. Doch wie steht es weltweit um die Pressefreiheit? Unsere Korrespondenten geben Einblicke in die Situation in ihren Berichtsgebieten. mehr

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Quiz: Was wissen Sie über unsere Korrespondenten?

Sie kennen sich aus mit den Korrespondenten der ARD? Testen Sie Ihr Wissen in unserem Quiz! Mit etwas Glück gewinnen Sie Überraschungs-Souvenirs unserer Korrespondenten. Quiz

Dieses Thema im Programm:

Weltbilder | 30.04.2019 | 23:30 Uhr

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