Stand: 23.04.2020 14:31 Uhr

Corona, oder: Wie ich lernte, den Larvenroller zu lieben

von Uwe Schwering, ARD-Korrespondent Tokio

Ok, dachte ich, so geht also Pandemie. In Lokstedt durfte ich nicht aufs NDR Gelände, weil ich aus Japan kam. Und zurück in Japan durfte ich nicht ins Studio, weil ich ja aus Deutschland kam. Hüben wie drüben verbotene Zone. Catch-22 (Anmerk. d. Red.: Zwickmühle, Dilemma). Kein Vor, kein Zurück. Ich hatte es schon immer geahnt: Ich bin ein Risiko.

"Gehen Sie nicht über Los!"

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Das Leben ist eine Baustelle, und wir müssen draußen bleiben! Hörfunkkollegin Kathrin Erdmann und ich im Außendienst.

Kollegin Erdmann vom Hörfunk ging’s auch nicht besser. Kathrin war noch vor dem, was Japan vollmundig einen zahnlosen "State of Emergency" nennt, zweimal unterwegs, in Südkorea und Taiwan. Und beide Male hieß es nach Rückkehr: Gehen Sie nicht über Los, gehen Sie direkt ins Gefängnis! Also zweimal 14 Tage Hausarrest, Homeoffice.

Japan - die Corona-Black-Box

Mittlerweile wissen wir, dass man sowohl in Südkorea als auch in Taiwan, den globalen Musterknaben in Sachen Virusbekämpfung, in guten Händen ist. Japan hingegen gilt da als Corona-Black-Box: nichts Genaues weiß man nicht. Zitat aus dem "Landsleutebrief" von Auswärtigem Amt und deutscher Botschaft: "Das Infektionsrisiko in Japan ist nicht seriös einzuschätzen. Von einer hohen Dunkelziffer von Infektionen, bedingt durch die geringe Zahl durchgeführter Tests, ist auszugehen."

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Verrechnet: Zwei Masken pro Haushalt

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Für die Entscheidung, pro Haushalt nur zwei Masken zu verteilien, erntet Premierminister Abe im Netz viel Spott.

Mit anderen Worten: Das Land hat’s wohl verbockt. Mal abgesehen vom Mythos des (besonders unter älteren Semestern verbreiteten) japanischen Exzeptionalismus - "uns passiert so was nicht, wir sind ja anders" - gab es handfeste Gründe. Erstens: Olympische Spiele retten, zweitens: die Wirtschaft. Also passierte mal wieder (fast) nichts. Statt viel Testing nur Tracing, Cluster-Strategie. Wird schon gutgehen. Nee, ging in die Hose. In einem Anflug von Aktionismus lässt Premier Abe jetzt exakt zwei (!) Masken an jeden der etwa 60 Millionen Haushalte Japans verteilen. Auch dort, wo es mehr als zwei Personen gibt. Für den Spott musste er nicht sorgen: #abenomasks.

Inzwischen kommen wir auch nicht mehr runter von der Insel; wenn wir denn nicht riskieren wollen, nicht wieder einreisen zu dürfen. Heißt, wir bleiben, wo wir sind. Im absoluten Notfall fliegt uns sicher der Bundesadler aus. Im Studio entstanden und entstehen - in Abstimmung mit der Zentrale - währenddessen mehr Eventual- und Notfallpläne als Beiträge. Leider. Das Virus hindert einen zwar an der Arbeit, macht aber auch welche.

Mission (Entkopplung) possible

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Dank unserer Technik ist die Entkopplung vom Studio möglich.

Alle im Studio mussten sich ein bisschen neu erfinden und zeigen, was dem japanischen Gemeinwesen sonst gern abgeht: Flexibilität. So habe ich viele Urlaubsstornos unterschreiben müssen - Verzicht, weil Ersatzpersonal ganz einfach nicht mehr reinkommt. Danke an alle! Und über allem steht unser Versuch der "'Entkopplung" (insbesondere die räumliche vom Studio), also: Wie kriegen wir es hin, auch ohne die gewohnte Infrastruktur zu produzieren und nur mit personeller Rumpfbesetzung?

So: Christian, der Kameramann, hat Kamera und Angel mit Mikroschutz zu Hause. So kann er auch mal alleine losgehen, um was zu drehen.
Toru, unser Assi und Fahrer, unterstützt ihn, holt ihn dann von zu Hause ab (im Wagen hat übrigens jeder seinen festen Platz).
Andi, sonst regulär zuständig für den Ton, kümmert sich nun - meist aus der Umlaufbahn - noch mehr um Technik und die Fernbedienung des Studios, findet zusätzliche Server- und Zugangslösungen, hat auch eine portable LiveU-Schaltoption geschaffen (siehe Foto oben); Skype ist ok, mit LiveU ist besser. Und er kann jetzt den mobilen Schnittplatz bedienen, der ist bei ihm daheim deponiert - falls Roman mal ausfällt.

Zwischen Homeoffice und Realoffice

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Homeoffice oder Realoffice? Egal, es ist immer gleich schön in Japans Masten- und Leitungsdickicht.

Roman, der Cutter, ist notgedrungen am häufigsten im Studio, mit dem Rad. Kümmert sich ums einlaufende Material und schneidet auf meine Anweisungen aus dem Off auch ganze Feature. Zuletzt etwa die Weltspiegel Reportage "Japan - Rebellen des Alltags. Producerin Mariko fädelt alles aus den eigenen vier Wänden ein. Auch die Administration mit Yuki, Yoko und Ben jongliert Buchhaltung, Übersetzungen und Büro-Organisation so gut es geht aus dem Heimbüro, jede/r ist - zeitlich und im Wochentag versetzt - nur einmal pro Woche im Büro für Post etc. Und Kathrin und die Producerin machen viel Radio von zu Hause.

Neue Kontakte in der Nachbarschaft

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Müsste mal dringend zum Dermatologen: unser Larvenroller.

Wie wir mittlerweile alle wissen: Der Abgang ins Private bedeutet nicht zwangsläufig weniger Arbeit. Im Gegenteil. Meine Frau sieht mich genauso wenig wie vorher. Tür zu, Silentio. Und doch hat sich was geändert. Ich lerne die Bewohner der Nachbarschaft jetzt besser kennen, zum Beispiel den Larvenroller!
Der Allesfresser schleicht hier jeden Abend ab halb sieben um die Häuser. Balanciert über die Stromleitung von jenseits der Straße, hangelt sich das Nachbardach entlang, biegt rechts ab, kraxelt die Klimaanlage runter und verschwindet dann über die Mauer aufs Gelände des benachbarten Luxus-Seniorenheims mit dem aparten Namen "Aria". Ich hatte das Vieh noch nie gesehen. Klar, war ja auch um die Zeit noch nie zu Hause. Sagt meine Frau: "Siehste, Du warst schon immer in Quarantäne." Da ist was dran. Jetzt gibt eine Schleichkatze meinen langen Tagen Struktur, ich freue mich auf das Tier. Zwischen E-Mails, Telefonaten und Texten gehe ich dann kurz auf die Pirsch und erfreue mich am Anblick wahren Lebens. Obwohl sich das Exemplar im Fell doch etwas räudig präsentiert. 

Moment, Schleichkatze? Da war doch was. Stimmt! Schleichkatzen, vermutlich der Larvenroller, gelten als Überträger des SARS-Virus auf Menschen samt tödlicher Epidemie 2002/2003. Ergo: Vorsicht! Aber, "social" oder "physical distancing" ist ja ohnehin das Gebot der Stunde. Trotzdem: Die für schlechte Zeiten auf dem Balkon zwischengelagerten Kohlköpfe haben wir schnell wieder rein geholt.

Wenn ich jedoch wieder in Deutschland bin, dann gehe ich zum NDR Naturfilm. Nicht, dass da jemand auf mich wartet. Aber ich spüre: SARS-CoV-2 wird irgendwann von mir und von uns allen weichen. Doch der Larvenroller, der lässt mich nicht mehr los. Mich nicht!

Bis dahin: Gute Gesundheit - und Hände waschen nicht vergessen!

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