Stand: 16.08.2011 14:41 Uhr

Konflikte, Kämpfe, Kontroversen: Der NWDR 1948-1955

Mit den politischen Turbulenzen beim NWDR ging eine Blütezeit des Nachkriegsradios einher. In der ersten Hälfte der 1950er-Jahre war Radio noch unangefochten das Leitmedium. Der NWDR verfügte über die Gebühren von insgesamt mehr als sechs Millionen angemeldeten Hörern (1954) und war damit die größte Rundfunkanstalt in der Bundesrepublik. Seine finanzstarke Position nutzte der Sender auf vielfältige Art und Weise.

Weg vom "nordwestdeutschen Einheitsprogramm"

Rosa Retro-Radio vor schwarzem Hintergrund © Kirsty Pargeter - Fotolia

Eröffnungsansage UKW-Nord

"Hier ist der Norddeutsche Rundfunk auf Ultrakurzwellen mit den Sendern..."

Eine der enormen Aufgaben, denen sich der NWDR damals stellte, war die Entwicklung der Ultrakurzwellentechnik zur Marktfähigkeit. Als Reaktion auf den Kopenhagener Wellenplan 1948, bei dem Deutschland hinsichtlich der zur Verfügung stehenden Mittelwellen-Frequenzen stark beschnitten worden war, hatte die Technische Direktion unter Werner Nestel die UKW-Forschung entscheidend vorangetrieben. In den Diskussionen um die Einführung der UKW war man übereingekommen, dass der NWDR kein Kontrastprogramm zu seinem ersten, auf Mittelwelle gesendeten Radioprogramm ausstrahlt. Vielmehr sollten auf UKW regionale Programme eingeführt werden.

Mit UKW-West, verantwortet vom Funkhaus in Köln, und UKW-Nord, verantwortet von Hamburg, sollte dem Wunsch nach mehr regionaler Präsenz entsprochen werden. Das Echo darauf war sehr positiv. Einer der einflussreichsten Medienjournalisten damals, Eduard Rhein, der Chefredakteur der auflagenstarken Programmzeitschrift "Hör Zu!", propagierte die Einführung der "Welle der Freude". Mit der Trennung der beiden Programme sei eine "unheilbare Krankheit" besiegt und die Erlösung vom "nordwestdeutschen Einheitsprogramm" erfolgt.

Die UKW als Test- und Kontrastprogramm

Auf UKW-Nord hieß es bald: "Von Binnenland und Waterkant". Aber nicht nur regionale Magazinsendungen sowie landschaftlich gebundene Unterhaltung und Musik waren im UKW-Programm zu hören. Mitunter verbanden die Verantwortlichen geschickt Heimatliches mit Fernweh, wie beispielsweise mit der Sendereihe "Zwischen Hamburg und Haiti", die am 16. Mai 1951 an den Start ging. Aber auch regelrechte Tests liefen auf UKW. So erprobten die Radiomacher die Reaktion der Hörer am 20. Dezember 1950, indem sie die Hörer aufforderten, zwischen drei Schlussvarianten des Hörspiels "Die gekaufte Prüfung" von Günter Eich zu entscheiden. 5.000 Hörerbriefe sollen damals eingegangen sein. Drei Wochen später lief das Hörspiel auf der Mittelwelle. Schließlich wurde die UKW-Frequenz zum Forum für ein regelrechtes Kontrastprogramm. Von Mai 1954 an war der circa dreistündige Themenabend als "Abend für junge Hörer" speziell für die Zielgruppe der 16- bis 24-Jährigen reserviert.

Radio-Highlights

Auf der Basis der zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel und vor dem Hintergrund der engagierten Programmmacher in den Funkhäusern und Studios setzte das Radioprogramm des NWDR in jenen Jahren Maßstäbe. Die Radio-Highlights aus Hamburg und Hannover sind zahlreich und umfassen alle Bereiche - Unterhaltung und Politik, die Zielgruppenprogramme, das literarische und kulturelle Wort-Programm ebenso wie die klassische und moderne Musik.

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"Wer hört, gewinnt" war eine Funklotterie des NWDR (v.l.: Just Scheu, Dr. Walter Hilpert und Hansi Eggeling).

Aus der Vielzahl seien nur einige Titeln exemplarisch genannt: "Wer hört, gewinnt", "Gestatten, mein Name ist Cox" oder "Das Politische Forum". Im "Wirtschaftsfunk" kommentierte die Redakteurin Julia Dingwort-Nusseck die "Wirtschaftswunder"-Entwicklung der Bundesrepublik und erläuterte komplexe Sachverhalte. Die Schulfunk-Programme jener Jahre erwiesen sich als prägend und werden, wie etwa "Neues aus Waldhagen", bis heute erinnert. Viele Hörspielereignisse jener Jahre wurden im Hamburger Hörspielstudio realisiert - darunter Günter Eichs "Träume" und Fred von Hoerschelmanns "Schiff Esperanza".

Der Musikredakteur Herbert Hübner startete am 1. Februar 1951 die öffentliche Veranstaltungsreihe "das neue werk" und gab der modernen Musik damit ein eigenes Forum. In der ersten Hälfte der 1950er-Jahre bildeten alle diese Sendungen die sogenannte Blütezeit des Radios. Denn noch war der Hörfunk unangefochten das Leitmedium.

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02:15

Wege zur elektronischen Musik

Ein Vortrag von Herbert Eimert, Musikwissenschaftler und Leiter des "Studio für elektronische Musik" des WDR, anlässlich des 26. Konzertes der Reihe "das neue werk". Audio (02:15 min)

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