Stand: 03.01.2014 13:02 Uhr

"Der Film-Club" im NDR Fernsehen

Szene aus dem Film "Der letzte Mann" mit Emil Jannings (1924).

Auf dem Gebiet der Filmgeschichte dominierten Stummfilme, die heute zu den Klassiker dieser Ära zählen. Da waren zum einen die schauspielerischen Leistungen von Emil Jannings in "Der letzte Mann" (1924) und Werner Krauß in "Die Hose" (1927) zu bewundern. Zum anderen wurde die Kameraleistung von Karl Freund in "Faust" (1925/26) gewürdigt, der als der Entwickler der sogenannten entfesselten Kamera gilt. Schließlich wurde die gesamtkünstlerische Qualität eines Films wie "Das Kabinett des Dr. Caligari" (1919/20) gerühmt.

Aber nicht nur Stummfilm-Klassiker aus Deutschland waren im Programm, auch internationale Stummfilm-Highlights gab es wieder zu entdecken. René Clair wurde mit seinem 1927 produzierten Werk "Un chapeau de paille d’Italie" vorgestellt. Mit "Nanuk, der Eskimo" wurde ein 1921 entstandener amerikanischer Stummfilm gezeigt, der als "Dokumentarspielfilm" - wie es in der Programmankündigung hieß - in der Weimarer Republik große Aufmerksamkeit gefunden hatte. Die dänische Avantgarde war mit Carl Theodor Dreyer und seinem 1928 entstandenen Historienfilm "La Passion de Jeanne d’Arc" vertreten.

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Szenenbild aus "Das Cabinet des Dr. Caligari" (1920).

Daneben gab es die deutsche Tonfilm-Geschichte mit "Bel Ami" (1939), deren nationalsozialistischer Kontext in der Programmankündigung überraschenderweise nicht erwähnt wurde.

Die internationale Tonfilm-Historie repräsentierten einige herausragende Werke, die zwischen 1930 und 1950 entstanden waren. Der Schauspieler Charles Laughton wurde in seiner Paraderolle als "Heinrich VIII." vorgestellt. Der amerikanische Regisseur John Ford war mit zwei Filmen vertreten: "The Informer" (1935) und "The Long Voyage Home" (1940). Die Filmkunst des französischen Regisseurs Jean Renoir wurde anhand des unvollendeten Filmprojekts "Une partie de campagne" (1936) gewürdigt.

Übergang zur neuen Filmkunst

Einige Werke, die im "Film-Club" gezeigt wurden, markieren den Übergang von filmgeschichtlichen Klassikern hin zur neuen Filmkunst. Das Hitchcock-Frühwerk "Blackmail" (1929) zeigte einen solchen Rückgriff auf die cineastischen Anfänge eines damals aktuell wichtigen Filmregisseurs.

Mit "Le sang d’un poète" wurde zwar ein surrealistisch beeinflusster Film aus dem Jahr 1931 präsentiert, sein Drehbuchautor und Regisseur Jean Cocteau aber gleichzeitig in einem aktuellen Interview als Vorläufer der Nouvelle Vague vorgestellt.

Eine andere Brücke schlug man mit dem 1939 entstandenen Film "L’espoir" über den spanischen Bürgerkrieg, dessen Drehbuchautor und Regisseur André Malraux inzwischen als amtierender französischer Kultusminister für Schlagzeilen sorgte. Der Italiener Vittorio de Sica war ein viel diskutierter Filmregisseur, als der "Film-Club" ihn Ende 1961 mit seinem ein Jahrzehnt zuvor entstandenen Film "Miracolo a Milano" vorstellte.

Auftreten der Avantgarde

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Zigarre und Hornbrille - die Markenzeichen des Filmemachers Jean-Luc Godard.

Im März 1962 nahm die Sendereihe den Grundgedanken der damals populären kommunalen und studentischen Filmclubs auf und zeigte auch Avantgardefilme, die in den deutschen Kinos zum Großteil so nicht vorgeführt wurden. Schon die Liste der Namen wie Andrzej Munk, Jean-Luc Godard, Agnès Varda, Alain Resnais, Leopoldo Torre Nilsson, Luis Bunuel und Ingmar Bergman ist beeindruckend.

Insbesondere die Cinemathek in Paris, die damals der Treffpunkt für Vertreter der Nouvelle Vague war, inspirierte Hans Brecht in seiner Tätigkeit als Redakteur. Allein sieben Sendungen spannten zwischen Frühjahr 1962 und Frühjahr 1963 einen weiten Bogen von der polnischen und schwedischen Filmkunst zur englischen Free-Cinema-Bewegung, vom französischen Kurzfilm zum lateinamerikanischen Kino. Ergänzt wurden sie von einem Porträt des spanischen Regisseurs Luis Bunuel und einer Sendung, die den Dokumentarfilm-Absolventen der Staatlichen Filmhochschule in Lodz ein Forum bot.

Kritiker und Publikum sind begeistert

Das Ende des zweiten Programms der ARD bedeutete keineswegs das Aus für den "Film-Club". Die Sendereihe wurde im Herbst 1963 in das erste Programm übernommen, wo sie am späten Abend um 22.45 Uhr zunächst als Wiederholung, ab Dezember 1963 dann mit neuen Folgen lief. Anfang 1965 wurde der "Film-Club" in das neue Dritte Programm des NDR verlegt, wo er an jedem zweiten beziehungsweise dritten Samstag direkt nach der "Tagesschau" seinen festen Programmplatz fand.

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