Stand: 17.05.2012 11:44 Uhr

Mit Blick aufs Meer - Jahrestreffen der "Gruppe 47"

von Heiner Herde

Die "Gruppe 47"-Tagung in Niendorf war für die Entwicklung der deutschen Nachkriegsliteratur insofern von besonderer Bedeutung, als hier die Wende von der sogenannten Trümmer- und Kahlschlagliteratur der ersten Nachkriegsjahre zu poetischeren Ausdrucksformen eingeläutet wurde.

Walter Jens nannte die Tagung eine "Sekunde des Umschlags" in der Nachkriegsliteratur. In Niendorf habe man "neue Töne" gehört, was Jens an drei Namen beziehungsweise Texten festmacht: Ilse Aichinger, eben mit ihrer preisgekrönten "Spiegelgeschichte", Ingeborg Bachmann mit ihren Gedichten aus der "Gestundeten Zeit", für die sie ein Jahr später bei der Tagung in Mainz den Gruppen-Preis erhielt und Paul Celan, den jüdischen, in Paris lebenden Dichter, der jedoch in Niendorf für seine "Todesfuge" auch Kritik einstecken musste.

Bild vergrößern
Hans Werner Richter war Gründer und Organisator der "Gruppe 47".

Für den Hans-Werner Richter, den unermüdlichen, aber auch unerbittlichen Chef der Gruppe, ist die Niendorf-Tagung im Rückblick "vielleicht die seltsamste, aber auch die erfolgreichste der ersten Jahre" gewesen. Sein Resümee: "Es scheint, als begänne in der Mitte dieses Jahrhunderts eine neue Literaturentwicklung in Deutschland."

Der Rundfunk als "Mäzen"

Neben Richter als Initiator und "Sitzungspräsident" war es vor allem NWDR-Intendant und Gastgeber Ernst Schnabel, der der Niendorf-Tagung seinen Stempel aufdrückte. Nicht so sehr dadurch, dass er, wie sich Richter erinnert, am Vorabend der Tagung "nackt ins Wasser" gelaufen sei, "obwohl es noch sehr kalt war".

Der Erfolg der Niendorf-Tagung besteht vor allem in der öffentlichen Aufmerksamkeit, die die von Schnabel initiierten Hörfunk-Berichte über die Tagung auslösten. Damit wurden die "Gruppe 47", ihre Autoren und ihre Texte weiten Kreisen der damaligen bundesrepublikanischen Gesellschaft bekannt. Das ist zugleich der Anfang eines viele Jahre anhaltenden "Mäzenatentums" des Rundfunks gegenüber der deutschen Nachkriegsliteratur.

Ein Besuch im Funkhaus

Bild vergrößern
Nach dem Treffen in Niendorf besuchten die Schriftsteller das NWDR-Funkhaus an der Hamburger Rothenbaumchaussee.

In dieser Mäzenaten-Rolle zeigten sich Ernst Schnabel und der NWDR auch bei dem Besuch der "Gruppe 47"-Autoren im Anschluss an die Niendorf-Tagung im Hamburger Funkhaus. "Nun, sie waren hier, sie haben ihre Frühjahrstagung in Niendorf abgehalten und waren anschließend beim NWDR in Hamburg", so Schnabel in einem Hörfunk-Kommentar. "Wir haben mit ihnen gesprochen, wir haben ihnen Bänder vorgeführt. Wir haben ihnen das Fernsehen gezeigt, das für viele ein Novum war und in dem mancher nun eine Chance sieht, Neues mit neuen Mitteln auszuprobieren. Wir haben gemeinsame Pläne geschmiedet, und wir haben darüber hinaus einiges schon fest abgemacht."

Unter anderem wurden mit Wolfgang Hildesheimer, Ilse Aichinger, Günter Eich, Walter Kolbenhoff, Walter Jens und auch Hans Werner Richter feste Projekte abgesprochen. "Es steht uns und Ihnen", versprach Schnabel den Hörern, "eine Fülle neuer Namen und neuer Programme bevor." Eines allerdings verschwieg Schnabel seinen Hörern, dass er nämlich zum Abschluss mit einigen der Besucher, darunter Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann, einen Reeperbahn-Bummel unternahm, einschließlich Kaffeetrinken in einem Bordell.

Verewigt an der Strandpromenade

Ende der 60er-Jahre zerbrach die "Gruppe 47", die letzte ordentliche Tagung fand 1967 statt. Spätere Wiederbelebungsversuche scheiterten. Die "Gruppe 47" hat sich, daran gibt es keinen Zweifel, große Verdienste um die deutsche Nachkriegsliteratur erworben. Und die Tage in Niendorf mit Blick aufs Meer sowie der anschließende Funkhaus-Besuch in Hamburg haben hierzu einen nicht unwichtigen Beitrag geleistet.

Bild vergrößern
Eine Tafel erinnert heute an das Treffen der "Gruppe 47" in Niendorf an der Ostsee.

An die Tagung in Niendorf erinnert eine im Jahr 2009 unmittelbar neben dem "Haus des Kurgastes" aufgestellte Gedenktafel an der Strandpromenade in Sichtweite der Seebrücke. Sie erwähnt nicht nur die Namen der prominentesten Teilnehmer und Teilnehmerinnen, sondern auch, dass der Tagungsort, das "Hotel Kasch" damals ein Ferienheim des NWDR war und dass an der Einladung auch der damalige NWDR-Intendant Ernst Schnabel beteiligt war.

Die Jahre 1948 bis 1955

Am 1. Januar 1948 wird der NWDR eine "Anstalt des öffentlichen Rechts" und treibt die technische Entwicklung energisch voran. Das Nachkriegsradio erlebt eine Blütezeit. 1952 startet der Fernsehbetrieb. mehr