Stand: 10.02.2012 17:50 Uhr

Die Nacht, als das Wasser kam

von Maiken Nielsen

Es war in einer Nacht Anfang Dezember 2011, als ich begann, von der Sturmflut zu träumen. Eiskaltes Wasser, das mich im Schlaf erwischt. Die Bilder sollten mich zwei Monate lang nicht verlassen, und im Lauf meiner Gespräche mit 120 Zeitzeugen kamen täglich neue hinzu. Etwa 250 Zuschauer und Zuhörer waren dem Aufruf des Landesfunkhauses Hamburg gefolgt, von ihren Erinnerungen an die Sturmflut 1962 zu berichten. Viele sandten Bilder, tippten ihre Tagebuchaufzeichnungen ab oder mailten uns Anekdoten. Und so unterschiedlich diese Erinnerungen auch waren, eines hatten sie alle gemeinsam: Sie waren klar und lebendig, auch jetzt, nach 50 Jahren noch.

Kletterpartie bei Windstärke 14

Meine Aufgabe bestand darin, Zeitzeugen für eine 45-minütige Fernsehdokumentation zu finden. Und mein Problem war, dass ich nicht die erste bin, die die Geschichte jener Nacht erzählt. Wie kann man über etwas berichten, habe ich mich gefragt, das fast schon im Bereich der Legendenbildung liegt? Gemeinsam mit der Redakteurin Susanne Dobke habe ich mich dafür entschieden, den Spuren des Orkans zu folgen. Vincinette, so der Name, den die Meteorologen ihm gaben, hatte 7.000 Kilometer in nur 24 Stunden zurückgelegt. Dort, wo er toste, kenterten Schiffe, brachen Deiche, stürzten Fluten über Behausungen herein.

Aus dem Tatsachenroman von Alexander Schuller über die Sturmflut wusste ich von einem Meteorologen namens Peter Emmrich, der damals auf der Nordsee unterwegs war, auf einem Wetterbeobachtungsschiff. Über das Hamburger Seewetteramt gelang es mir, ihn zu finden. Noch heute weiß er genau, wie sich das anfühlte auf seinem Schiff bei Windstärke 14, das sich gegen die meterhohen Brecher aufbäumte. Wie er sich zu seiner Wetterbeobachtungsstation emporhangelte, an der nassen und salzigen Reling entlang. 

Vor Dagebüll vergessen

Eine, die unserem Zeitzeugenaufruf gefolgt war, heißt Irene Liebig und war damals elf Jahre alt. Am 16.2.1962 sollte sie mit einem Kindertransport zur Mastkur verschickt werden. Der Krieg war seit siebzehn Jahren zuende, und noch immer waren Kinder in Deutschland unterernährt. Weil die Gleise überspült waren, konnte der Zug nicht weiterfahren und blieb vor Dagebüll stehen. Heizung und Licht fielen aus, die Lok wurde abgekoppelt, der Zug mit den kränklichen, überaus zarten Kindern vergessen. Irene Liebig beschreibt den Blick aus dem Fenster: "Der Himmel war schwefelgelb."

Sturmflut 1962: überflutete Kleingartensiedlung in der Neuhöferstraße in Hamburg-Wilhelmsburg. © NDR Foto: Karl-Heinz Pump
Sturmflut 1962: überflutete Kleingartensiedlung in der Neuhöferstraße in Hamburg-Wilhelmsburg.

1962 - das war die Zeit, in der viele Menschen noch in provisorischen Unterkünften lebten, weil sie ausgebombt gewesen waren. In Behelfsheimen an der Elbe und in Laubenkolonien. Hier, in den Kleingartensiedlungen, schlug Vincinette am stärksten zu. Die Menschen, die endlich ein neues Zuhause gefunden hatten, verloren abermals ihr Heim. Um diese Menschen sollte es in meinem Feature gehen, beschlossen wir. Und davon, was aus ihrer zerbrechlichen Nachbarschaft geworden ist. Etwa jener in Waltershof, der kleinen Elbinsel, die "wie eine Wanne voll lief", wie mir alle ehemaligen Waltershofer übereinstimmend schilderten. Waltershof ist nach der Sturmflut als Siedlungsort aufgegeben worden. Heute steht eines der weltweit leistungsfähigsten Containerterminals hier, der Burchardkai. Die Flut hat auch das heutige Stadtbild geprägt.

Geboren im Inferno

315 Menschen starben in jener Nacht, aber viele wurden auch geboren. Mir war es wichtig, auch diesen Aspekt zu zeigen: Wie verläuft eine Geburt, wenn Strom und Warmwasser ausfallen, wenn Telefonleitungen zusammenbrechen, habe ich mich gefragt. Wenn draußen die Welt untergeht? Gespräche mit ehemaligen Hebammen, in Altersheimen, Krankenhaus-Archiven,  über Bürgerhäuser und Geschichtswerkstätten brachten mich allerdings nicht weiter. Auf unseren Aufruf hin hatte sich zwar eine Frau gemeldet, die in jener Nacht ihr erstes Kind bekommen hatte, aber vor die Kamera wollte sie damit auf keinen Fall. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, als ich zwei Tage vor Drehschluss doch noch ein Paar fand, das in jener Nacht ein Kind bekam. Der Mann war Bereitschaftspolizist und musste am Morgen des 17.2. in die überfluteten Gebiete ausrücken. Erst eine Woche später konnte er zu seiner Frau.

Am Ende sind es zehn Menschen geworden, die ihre Geschichte im Film erzählen. Und egal, ob sie Retter waren oder Opfer, wie  sie mit  der Kälte, der Angst, mit dem Verlust ihres Zuhauses, oder schlimmer noch, mit dem Verlust von Angehörigen umgegangen sind,  eines ist mir bei ihren Schilderungen bewusst geworden: Erst Extremsituationen bringen das Wesentliche im Menschen hervor.

Hintergrund
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1962: Hubschrauber des Fernsehteams auf dem Gelände der Tagesschau in Lokstedt © Freig. Luftfahrtamt Hbg.100517, 100524, 89 004

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