Stand: 12.08.2010 09:31 Uhr

Deutsche Airlines fürchten neue Sicherheitsdebatte über Gift in der Kabinenluft

Die deutschen Fluggesellschaften fürchten eine neue Sicherheitsdebatte, die zu einem "massiven Reputationsverlust" und Passagierrückgängen führen könnte. Hintergrund sind Berichte über Giftstoffe in der Kabinenluft, die als Ursache von Erkrankungen von Piloten und Flugbegleitern diskutiert werden. In einem dem Radioprogramm NDR Info vorliegenden vertraulichen Papier des Bundesverbandes deutscher Fluggesellschaften (BDF) äußern sich die Mitgliedsunternehmen, zu denen alle großen deutschen Airlines gehören, besorgt über ein "potenzielles Aufflammen der öffentlichen Diskussion" über dieses Thema. Der BDF warnt darüber hinaus vor einer "neuen Dimension", "wenn durch die Medien sich das Thema vom bisherigen Betroffenenkreis Besatzungsmitglieder zum Betroffenenkreis Passagiere verlagern würde". Zudem äußert der Branchenverband Befürchtungen, dass sich die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen (BFU) und die zuständige Berufsgenossenschaft Verkehr einschalten könnten: "Hier könnte eine zusätzliche Dynamik entstehen, wenn beide Institutionen weitere Untersuchungen vornehmen." In dem Dokument wird eine "gemeinsame Sprachregelung" aller deutschen Fluggesellschaften angemahnt.

Nach Angaben von Jörg Handwerg, Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit (VC), gibt es weltweit schon mehr als 500 Fälle, in denen Besatzungsmitglieder Erkrankungen auf das Einatmen von Giftstoffen in der Kabinenluft zurückführen. Betroffen seien auch Passagiere, so Handwerg: "Nicht nur Vielflieger, denn es gibt auch Menschen, die schon nach einmaligem Einatmen dieser Giftstoffe gesundheitliche Beeinträchtigungen haben." Konstruktionsbedingt wird die Kabinenluft bei Verkehrsflugzeugen am Triebwerk gezapft. Unter bestimmten Umständen können Öldämpfe und damit Schadstoffe wie das Nervengift TCP in die Kabine gelangen. Die Fluggesellschaften verweisen in dem Papier jedoch darauf, dass "zur spezifischen Frage der Gesundheitsgefährdung bei Menschen durch Spuren von TCP in Flugzeugkabinen bisher weltweit keine wissenschaftlich fundierten Ergebnisse" vorlägen. Zudem sei es teuer, solchen Zwischenfällen vorzubeugen: "Ein wirksamer Rückhalt von Schadstoffen (...) ist technisch sehr aufwendig und erfordert völlig neue Konstruktionen", heißt es in dem unter Verschluss gehaltenen Dokument.

VC-Sprecher Handwerg kritisiert die Haltung der Fluggesellschaften scharf: "Der Eindruck ist, dass hier eine sehr große Angst vorhanden ist, dass sich das negativ aufs Geschäft auswirken kann. Dabei ist es ein Problem, das Tausende von Flugzeugen weltweit betrifft. Trotzdem möchte man kein Geld ausgeben. Wir fordern eine unabhängige und umfassende Untersuchung der Kausalkette Kontamination der Luft bis hin zum Krankheitsbild." Eine Sprecherin des BDF lehnte es ab, zu den Inhalten des vertraulichen Dokuments Stellung zu nehmen. Das Papier, das Mitte Juni verfasst worden war, sei noch "im Projektstadium" und nur ein "allererster Entwurf".

Zitate frei bei Nennung NDR Info.

11. August 2010 / RC


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