Stand: 22.09.2015 11:28 Uhr

Was tun bei einer Pilzvergiftung?

Mehrere Tausend Pilzarten gibt es in Deutschland. Und obwohl viele von ihnen lecker aussehen, kann ihr Genuss lebensgefährlich sein. Daher empfehlen Experten den Verzehr selbst gesammelter Pilze nur geübten Sammlern.

Ein Pilz wird im Wald gepflückt.

Pilze: Vorsicht vor giftigen Doppelgängern

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Leichte Übelkeit oder Brechdurchfall, Halluzinationen oder Bewusstlosigkeit - meist zeigen sich die Symptome einer Pilzvergiftung sehr schnell. Bei welchen Arten besteht Gefahr?

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Fast jeder Speisepilz hat einen giftigen Doppelgänger. Bei der Identifizierung reicht es nicht, ausschließlich auf ein Pilzbestimmungsbuch zu vertrauen. Pilzsachverständige können dabei helfen zu entscheiden, ob ein Pilz essbar ist oder nicht. Die Deutsche Gesellschaft für Mykologie hat bundesweit ehrenamtliche Pilzberater ausgebildet und geprüft.

Gefahr Knollenblätterpilz

Für mehr als 90 Prozent der tödlich verlaufenden Pilzvergiftungen ist der Knollenblätterpilz (Amanita phalloides) verantwortlich. Er wird häufig mit dem Wiesenchampignon verwechselt. Der Knollenblätterpilz hat eine deutlich abgesetzte Knolle unten. Er hat aber vor allem - und das ist das wichtigste Unterscheidungsmerkmal - weiße Lamellen. Der Champignon hingegen hat immer rosafarbene und später bräunliche Lamellen.

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Die Gifte des Knollenblätterpilzes zerstören die Leber.

Die Gifte des Knollenblätterpilzes, die Amatoxine, zerstören die Leber. Erste Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, Durchfälle und Halluzinationen treten in der Regel erst sechs bis zwölf Stunden nach dem Verzehr auf. Und obwohl die Beschwerden dann zunächst zurückgehen, beginnen die Gifte bereits etwa 24 Stunden nach dem Verzehr die Leber zu zerstören.

Die Medikamente Legalon mit dem Wirkstoff Silibinin aus der Mariendistel und das Präparat N-Acetylzystein hemmen die Giftaufnahme in die Leber. Mithilfe von medizinischer Kohle kann die Giftaufnahme aus dem Magen gestoppt werden. Ausgewählte Krankenhäuser verfügen über ein Gerät, das sogenannte M.A.R.S. (Molecular Adsorbents Recirculating System), das die ausgefallene Leberfunktion so lange übernehmen kann, bis sich das Lebergewebe wieder erholt hat. Beginnt die Therapie zu spät und ist die Leber bereits zu stark geschädigt, stellt eine Lebertransplantation häufig die einzige lebensrettende Behandlungsmöglichkeit dar.

Vorsicht vor Gifthäuptling und Co.

Auch der Gifthäuptling ist für den Menschen gefährlich. Er ähnelt dem essbaren Stockschwämmchen. Der wächst an Stämmen von Laubbäumen. Eine Verwechslung der beiden Sorten passiert deshalb, weil der Gifthäuptling mittlerweile nicht mehr nur an den Stämmen von Nadelhölzern wächst, sondern auch an Laubbäumen.

Der giftige Zwillingsbruder des essbaren Perlpilzes ist der Pantherpilz. Vor allem im jungen Stadium sieht er dem beliebten Speisepilz sehr ähnlich. Der Orangefuchsige Rauhkopf zählt ebenfalls zu den gefährlichen Giftpilzen. Er wird vor allem mit Pfifferlingen verwechselt, kommt in unseren Breiten jedoch selten vor. Sein Giftstoff (Orellanin) schädigt die Nieren.

Bei Verdacht auf Vergiftung sofort ins Krankenhaus

Bei jedem Verdacht auf eine Pilzvergiftung sollte schnellstmöglich der Transport ins Krankenhaus erfolgen und die Giftinformationszentrale verständigt werden. Reste der verzehrten Pilze, Putzabfälle oder Erbrochenes sollte zur Untersuchung mitgebracht und alle an der Mahlzeit beteiligten Personen informiert werden.

Giftnotruf

Das Giftinformationszentrum Nord berät rund um die Uhr:
Tel. (0551) 192 40

Aber auch Speisepilze sind nicht ausnahmslos genießbar. Pilze, die matschig oder madig sind, dürfen nicht mehr gegessen werden, denn bei ihnen hat bereits die Zersetzung des Pilzeiweißes begonnen und das kann im schlimmsten Fall zu einer Lebensmittelvergiftung führen. Viele Waldpilze, vor allem Steinpilze und Maronen, sind mit rohem Hack oder Fisch vergleichbar und sollten innerhalb von 24 Stunden zubereitet werden. Die Reste dürfen im Kühlschrank höchstens einen Tag aufbewahrt werden.

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Interviewpartner im Beitrag:

Prof. Dr. Michael P. Manns
Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie
Zentrum für Innere Medizin
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Str. 1, Hannover
Tel. (0511) 532 39 06
Fax: (0511) 532 48 96
Internet: mh-hannover.de/gastro.html

Prof. Berhard Högemann
Chefarzt der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie, Stoffwechselkrankheiten, Endokrinologie, Rheumatologie, Infektiologie (Medizinische Klinik II)
Klinikum Osnabrück GmbH
Am Finkenhügel 1
49076 Osnabrück
Tel. (0541) 405 63 01
Fax: (0541) 405 63 99
E-Mail: med.klinik2@klinikum-os.de

Klaus Bornstedt
Pilzexperte
Donnerburgweg 48
38601 Braunschweig
Tel. (0531) 23 17 07 26
E-Mail: info@MeinePilze.de
Internet: www.klaus-bornstedt.de

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