Stand: 13.05.2013 09:00 Uhr

Horst Königstein: Ein erfindungsreicher Grenzgänger

von Dr. Christian Hißnauer, Joanna Jambor M. A. und Prof. Dr. Bernd Schmidt

Horst Königstein ist als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent vor allem durch die enge Zusammenarbeit mit Heinrich Breloer bekannt geworden (der sich selbst und die gemeinsamen Projekte stets offensiver zu präsentieren verstand). Die produktive Zusammenarbeit, die entscheidend von den Ideen und dem kritischen Blick Königsteins lebte, begann bereits in den 1970er-Jahren mit medienkritischen, dokumentarischen Produktionen für das dritte Fernsehprogramm. 

Friedrich Nowottny und Ernst-Dieter Lueg (rechts) - zwei Hauptakteure des medienkundlichen Dokumentarfilms über die Bonn-Berichterstattung von ARD und ZDF.

Das Team machte in vier Filmen das Fernsehen selbst zum Thema, "als Legendenproduzent und Arbeitsplatz" (Königstein): zunächst in "Fernsehen über Fernsehen. Eine Woche wie jede andere" (1974) und dann in drei Arbeiten für die Reihe "Fernsehauge": "Ein Korrespondentenbericht; Mein Leben war auch kein Spaß"; "Rollen und Geschichten der Inge Meysel"; "Auch ein Bericht aus Bonn".

Dramaturgische Kunstgriffe

In einigen dieser Produktionen fungiert Breloer als eine fiktive Reporterfigur. Diesen Kunstgriff verwendet Königstein - immer wieder variiert - auch in anderen Filmen (so etwa 1980 in "Adolph-Passage"). Der Einsatz solcher Kunstfiguren stellt einen ersten Schritt zur stärkeren Vermischung aus Fakten und Fiktion dar. Die hybriden Formen werden von den 1980er-Jahren an immer bestimmender in Königsteins Werk.

Für entsprechende dramaturgische Mittel stehen etwa der Kommentator und Moderator in "Jenninger" (1989), die englische Freundin in "Gütt- Ein Journalist" (1991), die Reporterin in "Hamburger Gift" (1992) und die fiktive Nachrichten-Sprecherin in "Verkauftes Land" (2003). In einigen Filmen setzt Königstein auch fiktive und nachgestellte Interviews ein, am konsequentesten in "Hamburger Gift". Zum Teil verknüpft er dabei nachgestellte und/oder fiktive Interviews mit authentischen Interviews, so beispielsweise in "Unser Reigen" (2006) und "Die Treuhänderin" (2009).

Das DokuDrama als eigenständige Darstellungsform

Mit ihren DokuDramen lehnen sich Königstein und Breloer an Produktionen aus den 1970er-Jahren an (z.B. Franz-Peter Wirth "Operation Walküre", 1971; Rolf Hädrich "Erinnerung an einen Sommer in Berlin", 1972). Sie können zwar somit nicht als Erfinder des DokuDramas gelten, aber sie haben mit ihren Arbeiten das DokuDrama zweifellos entscheidend weiterentwickelt und als relevante, eigenständige Darstellungsform etabliert. Im deutschsprachigen Raum stehen die Namen Breloer und Königstein für die Form des DokuDramas - allerdings zu Unrecht in dieser wertenden Reihenfolge.

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Für den Film "Das Beil von Wandsbek" befragt Heinrich Breloer den einstigen "Ersten Architekt" Hitlers, Albert Speer.

Zum ersten Mal verbinden die beiden Autoren/Regisseure Dokumentarisches und Inszeniertes in der filmischen Umsetzung von Arnold Zweigs Roman "Das Beil von Wandsbek". Dies galt seinerzeit als kühnes, wenn nicht gar tollkühnes Unterfangen. Dazu Horst Königstein: "Knapper Kommentar einiger Fernsehchefs: 'So etwas geht nicht'. Es ging. Damals, 1981, war unser erklärtes Ziel, zwei Fernsehgenres, den Dokumentarfilm und das Drama, derart miteinander zu verschränken, dass, gleichgültig wie der Zuschauer zappte, er immer wieder im gleichen Film landete."

Diese Produktion brachte dem Team national und international den Durchbruch. Breloer und Königstein erhielten vom nordrhein-westfälischen Kultusminister den Preis für die beste Literaturverfilmung. Auf dem renommierten italienischen Festival teleincontro wurden sie mit dem Preis für "beste Idee, bestes Buch, beste Regie" einer europäischen Fernsehproduktion ausgezeichnet.

Königstein: immer kreativ, nicht immer verstanden

Im Unterschied zu Breloer hat Königstein immer wieder aufs Neue andere Formen und Zugänge zu seinen Themen gesucht - bis hin zu seinem Musicalfilm "Liane". Er hat wesentlich experimentierfreudiger mit den Grenzen zwischen wahren Ereignissen/Hintergründen und fiktiver Zuspitzung gespielt. So ist zum Beispiel die Collage "Unser Reigen" entstanden, bei der Fiktion und Wirklichkeit zunehmend verschwimmen oder gar miteinander verschmelzen. Ansätze solcher Verbindungen finden sich bereits in "Gütt". Diese Arbeit ist in der ersten Hälfte eine klassische Dokumentation über das Leben des Journalisten Dieter Gütt, in der zweiten Hälfte eine fiktive Fantasie über seine letzten Lebensstunden.

"Reichshauptstadt privat" dagegen ist eine völlig fiktive Geschichte. Sie basiert aber auf einer akribischen Recherche des alltäglichen Lebens im sogenannten Dritten Reich. Auf den ersten Blick mag dieser Film unkritisch wirken. Aber Königstein entwickelt Szenen, die die Unmenschlichkeit der nationalsozialistischen Zeit - und die Verdrängung - drastisch vor Augen führen. Da bringt ein jüdischer Junge einen deutschen Schäferhund in den Luftschutzbunker, weil der völlig verängstigt jaulte. Der Hund darf bleiben.

Königstein vermeidet hier eine Dämonisierung finsterer Nazi-Bonzen, die letztendlich zu einer Ent-Schuldigung der Mitläufer führt. Er zeigt stattdessen das, was Hannah Arendt die "Banalität des Bösen" nannte - und macht damit bewusst, dass die Grenzen zwischen Mitläufern und Mittätern fließend sind. Auf einer zweiten Zeitebene, angesiedelt in der Gegenwart der Produktionszeit, tauchen dieselben Darsteller auf. Ein aktualisierender Kunstgriff. Er verweist auf die fortwährende Gefahr, dass Menschen zu Mitläufern und Mittätern werden können. Solche bewussten, subtilen Aussagen entgingen den meisten Beobachtern der zeitgenössischen Kritik. Königstein wurde immer wieder zu wenig begriffen oder falsch verstanden.

Richtungsweisender Autor einer Neuen Hamburger Schule

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Eberhard Fechner (1926 - 1992), machte sich als Regisseur einen Namen.

Horst Königstein ist geprägt von Autoren der sogenannten Hamburger Schule - in erster Linie von Eberhard Fechner, Egon Monk und Klaus Wildenhahn. Ihre Arbeiten inspirierten ihn, "das aufklärerische Potenzial des Mediums auszuschöpfen". Einen besonders starken Einfluss übte dabei Fechner aus: mit seinen interviewbasierten Erzählfilmen wie mit seinen Kempowski-Adaptionen - mit der Art der Dokumentation und dem Stil der Inszenierung - und vor allem auch bei der Themenwahl.

Königstein bezeichnete Fechner in einem Nachruf als "stets präsenten Übervater": "Wir brauchten seine Arbeiten - zum Anregen und Abgrenzen. ... Er hat uns gelehrt, dem Schlager und dem Talisman zu trauen; er hat vorurteilsfrei die kitschige Zellendekoration des Henkers vorgestellt - wie ebenso auch das Andenken an Menschen, die ermordet wurden."

Horst Königstein ist seinerseits zu einer prägenden Figur der bundesdeutschen Fernsehgeschichte geworden. Seine Bedeutung geht weit über sein Werk hinaus. So betont einer seiner Studenten, der Autor und Regisseur Jan Bonny: "Ich glaube, dass er als Person mindestens so viel Einfluss gehabt hat auf indirekte und direkte Art und Weise wie mit seinen Arbeiten. Er war einfach nah dran an vielen anderen Leuten, die geschaffen und gearbeitet haben. Sei es als jemand, der Texte für Udo Lindenberg geschrieben hat und für Peter Gabriel; sei es als Redakteur; sei es als jemand, der Schauspieler entdeckt hat; jemand, der Themen entdeckt hat. […] Horst hat nicht diese fünf Filme gemacht, die jeder kennt. Sondern er war vielmehr eine Figur, die so viel rumgezündelt hat an vielen Stellen." (aus einem Interview mit den Verfassern)

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Horst Königstein wird 2010 von NDR Intendant Lutz Marmor verabschiedet.

Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb 2010, als Horst Königstein beim NDR ausschied: "Der Zuschauer kennt ihn nicht, aber er hat über Jahrzehnte den Produzenten, Regisseur, Autor, Ideengeber und guten Geist Königstein gesehen, gehört, gefühlt, erlebt."

Horst Königstein steht für überraschende Konturen - und bleibende Linien. Er ist der richtungsweisende Autor einer Neuen Hamburger Schule.

 

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