Sendedatum: 12.11.2013 20:15 Uhr  | Archiv

Unheimliche Hirnentzündung

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Die Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis wurde erst 2007 entdeckt.

Sie tarnt sich oft als Schizophrenie, Depression oder Demenz und lockt damit die Ärzte auf eine falsche Fährte: die Autoimmunkrankheit Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis. Hinzu kommt, dass viele Ärzte die erst 2007 entdeckte Erkrankung noch gar nicht kennen. Oft verschreiben sie über Jahre Psychopharmaka, ohne auf die tatsächliche Ursache der Symptome zu kommen. Nicht selten werden Betroffene in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen.

Doch die bei Psychosen eingesetzten Medikamente helfen bei der Autoimmunkrankheit nicht, oft wechseln die Psychiater dann das Präparat und steigern die Dosis immer weiter, bis der Patient als austherapiert gilt. Einen Anlass, die ursprüngliche Diagnose noch einmal in Frage zu stellen, sehen die Mediziner meist nur, wenn neue Symptome hinzukommen.

Fehlgesteuerte Antikörper lösen Krankheit aus

Dabei handelt es sich bei der Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis gar nicht um eine psychische, sondern um eine rein organische Krankheit, bei der das Immunsystem das Gehirn angreift. Fehlgesteuerte Antikörper stören die Synapsen - was zu Verhaltensänderungen führt. Der erste Antikörper, den die Forscher identifizierten, trägt den sperrigen Namen Anti-NMDA-Rezeptor. Seitdem werden ständig neue Antikörper entdeckt.

Die Krankheit tritt vor allem bei jungen Frauen auf, von denen auffällig viele einen Eierstocktumor (Teratom) haben, der aus Zellhaufen und Nervenzellen besteht. Die Forscher vermuten, dass sich der Körper mit den Antikörpern gegen diese Nervenzellen richtet.

Dass nicht alle Mediziner die aktuellen Forschungsergebnisse kennen, hat dramatische Folgen für die Patienten. Es ist davon ausgehen, dass einige Patienten noch unbehandelt in Krankhäusern und Pflegeheimen sind, auch wenn man deren Anzahl bisher nicht wirklich abschätzen kann. Das betrifft in vielen Fällen auch junge Menschen, die plötzlich aufgrund von Ängsten, Wahngedanken oder schweren Gedächtnisstörungen nicht mehr in der Lage sind, ein normales Leben zu führen.

Drei Viertel der Patienten werden geheilt

Erkennen lässt sich die Autoimmunkrankheit bei einer Untersuchung des Nervenwassers (Liquor). Bei einer Autoimmunkrankheit finden sich darin Antikörper. Einmal erkannt, lässt sich die Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis mit einer Immunsuppression behandeln, die die Antikörper im Gehirn vernichtet. Damit werden drei Viertel der Patienten innerhalb von zwei Jahren wieder völlig oder weitgehend gesund.

Experten gehen davon aus, dass Patienten mit einer Schizophrenie in den nächsten Jahren möglicherweise eine erweiterte Diagnostik durchlaufen müssen, um dieses seltene Krankheitsbild nicht zu übersehen.

Interviewpartner

Im Studio:
Prof. Dr. Christian G. Bien, Neurologe
Chefarzt des Epilepsie-Zentrums Bethel
Krankenhaus Mara gGmbH
Maraweg 21
33617 Bielefeld
Tel. (0521) 77 27 88 71
Fax (0521) 77 27 88 72

Im Beitrag:
PD Dr. Harald Prüß
Neurologe
Leiter Hochschulambulanz Enzephalitis und Paraneoplasien
Klinik und Poliklinik für Neurologie mit Lehrstuhl für Experimentelle Neurologie / BNIC
Charité Universitätsmedizin Berlin, Campus Charité Mitte
E-Mail: harald.pruess(at)charite.de

Dr. Holger Jahn
Psychiater
Oberarzt Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Zentrum für Psychosoziale Medizin
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52
20246 Hamburg

Dieses Thema im Programm:

Visite | 12.11.2013 | 20:15 Uhr

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