Sendedatum: 08.10.2013 20:15 Uhr  | Archiv

Brustkrebs-OP: Chemo nicht immer notwendig

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Viele Brustkrebspatientinnen haben nach der Chemotherapie mit Spätfolgen zu kämpfen.

Mit mehr als 72.000 Neuerkrankungen pro Jahr ist Brustkrebs in Deutschland die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. In den Industrieländern wird etwa jede zehnte Frau im Laufe ihres Lebens mit dieser Diagnose konfrontiert.

Um das Metastasierungs- und Rückfallrisiko zu senken, erhalten viele Patientinnen nach der operativen Entfernung der Krebsgeschwulst eine Chemotherapie. Doch für die betroffenen Frauen bedeutet das eine heftige Belastung, die auch quälende Spätfolgen mit sich bringen kann. Dabei ist eine Chemotherapie nicht immer notwendig.

Internationale Leitlinien geben Orientierung

Gerade bei hormonell bedingten Tumoren  gibt es viele Patientinnen, bei denen die behandelnden Ärzte abwägen müssen, ob das Risiko eines Rückfalls oder das einer Chemotherapie höher ist. Das gilt vor allem für kleine, sogenannte luminale Tumore, die noch nicht begonnen haben, Tumorzellen im Körper zu streuen. Nach den gängigen Leitlinien liegt hier ein mittleres Metastasierungsrisiko vor, bei dem der behandelnde Arzt entscheiden soll, ob er lediglich eine Bestrahlung und die relativ schonende hormonelle Therapie verschreibt oder eine Chemotherapie empfiehlt.

Um keine Möglichkeit für eine Heilung unversucht zu lassen, empfehlen Gynäkologen und Onkologen in unsicheren Fällen oft eine Chemotherapie, obwohl diese möglicherweise für eine überwiegende Mehrheit der Patientinnen nicht notwendig wäre.

Molekularer "Fingerabdruck" gibt Aufschluss

Bei der Entscheidung für oder gegen eine Chemotherapie können in diesen Fällen spezielle Labortests, sogenannten Genexpressionstests,  eine wertvolle Hilfe sein. Für die Entwicklung dieser Tests wurden Gewebeproben von Frauen genetisch untersucht, die vor mehr als zehn Jahren an Brustkrebs erkrankten, keine Chemotherapie erhielten und bis heute keinen Rückfall erlitten. Die genetische Struktur dieser Frauen dient nun als Schablone, um das Risiko aktueller Patientinnen anhand von Gewebeproben einzuschätzen.

Der Test misst Zwischenprodukte bei der Herstellung der Eiweißmoleküle, die ein Tumor für sein Wachstum benötigt. Diese sogenannten Messenger- oder Boten-Ribonukleinsäuren (mRNA) liefern den Bauplan, nach dem die Tumorzelle die Eiweißmoleküle aufbaut. Die gleichzeitige Analyse mehrerer dieser mRNA-Moleküle liefert eine Art molekularen "Fingerabdruck" des Tumors, an dem sich sein Wachstum und seine Gefährlichkeit ablesen lassen.

Überarbeitete Tests noch genauer

Inzwischen ist die zweite Generation dieser Tests auf dem Markt, die offenbar noch genauere Ergebnisse liefert. In den bisherigen Studien ersparten die Tests bis zu vier Mal mehr Frauen die Chemotherapie als die gängigen Leitlinien. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen diese Tests bislang nicht, da die Aussagekraft der Tests noch nicht ausreichend in Studien belegt sei.

Interviewpartner

Im Studio:
Prof. Dr. Volkmar Müller
Gynäkologe
Stellv. Klinikdirektor, Leiter konservative gynäkologische Onkologie
Klinik und Poliklinik für Gynäkologie
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52
20246 Hamburg
Tel. (040) 741 05 25 10
Fax (040) 741 05 43 55

Im Beitrag:
Priv.-Doz. Dr. Kay Friedrichs
Mammazentrum Hamburg am Krankenhaus Jerusalem
Moorkamp 2-6
20357 Hamburg
Tel. (040) 44 19 05 00
Fax (040) 44 19 05 04

Dieses Thema im Programm:

Visite | 08.10.2013 | 20:15 Uhr

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