Stand: 18.08.2015 15:38 Uhr

Vergessenes Leid: Spätfolgen der Kinderlähmung

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Das Post-Polio-Syndrom ist eine Folgeerkrankung von Kinderlähmung - die Nervenzellen sterben ab.

Die Kinderlähmung (Poliomyelitis) gilt in Europa seit rund 20 Jahren als ausgerottet - dank einer konsequenten Impfpolitik. Bis 2018 soll das Poliovirus weltweit ausgerottet sein. Doch auch wenn Neuinfektionen durch Polio-Viren hierzulande keine Rolle mehr spielen, leiden die Betroffenen unter den Folgen ihrer Krankheit: Mehrere Jahrzehnte nach der Infektion tritt das sogenannte Post-Polio-Syndrom (PPS) als Folgeerkrankung der Kinderlähmung auf.

Bemannter Rollstuhl.

Spätes Leid durch Kinderlähmung

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Ende der 1950er-Jahre grassiert die Kinderlähmung. Die Überlebenden kämpfen sich zurück ins Leben. Jahrzehnte später werden sie vom Post-Polio-Syndrom eingeholt.

Als die ersten PPS-Patienten über Müdigkeit, Muskel- und Gelenkschmerzen klagten, wurde das meist als Alterserscheinung abgetan. Erst seit einigen Jahren gilt PPS als eigenständige Krankheit. Bis auf spezialisierte Neurologen, kennen nur wenige Ärzte das Post-Polio-Syndrom.

Anders als die Kinderlähmung, ist PPS nicht ansteckend, sondern ein unaufhaltsamer Verschleißprozess.

Polioviren zerstören Nervenzellen

Ende der 1950er-Jahre grassierte die Poliomyelitis in Deutschland, Tausende Kinder starben und die Überlebenden litten unter oft schweren Lähmungen - meist an Armen und Beinen. Was genau die Virusinfektion im Körper anrichtet, wussten die Ärzte damals noch nicht. In der Akutphase zerstören die Polioviren Nervenzellen im Rückenmark, die dann die zugehörigen Muskelfasern nicht mehr steuern können. Die Muskeln lassen sich nicht mehr bewegen.

Viele Betroffene lagen damals monatelang im Krankenhaus und kämpften sich mühsam zurück ins Leben, als sich nach der akuten Erkrankung der Körper erholte. Die übrig gebliebenen Nervenzellen übernahmen dabei die Aufgaben der abgestorbenen und die Steuerung der verwaisten Muskelfasern mit.

Was löst das Post-Polio-Syndrom aus?

Doch diese enorme Belastung führt irgendwann zum Absterben dieser Nervenzellen - die Menschen erkranken am Post-Polio-Syndrom. Die Symptome wie zunehmende Erschöpfung, Gelenkschmerzen und kalte Beine sind nicht eindeutig. So wird die Erkrankung häufig erst spät oder gar nicht erkannt. Nicht selten vermuten Ärzte fälschlich ein Rückenleiden oder eine Erkrankung des peripheren Nervensystems.

Diagnose mithilfe des Elektromyogramms

Wegweisend für die Diagnose ist das Elektromyogramm (EMG). Dabei misst der Arzt die elektrische Aktivität der Muskulatur und kann an den typischen Ausschlägen das PPS erkennen.

Links

Polio Selbsthilfe e.V

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Informationen zum Post-Polio-Syndrom, Ansprechpartner und eine Übersicht zu Polio-Ärzten. extern

Ray Ewry - Olympiasieg nach Kinderlähmung

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Als Kind sitzt der US-Athlet im Rollstuhl, später springt er zum Olympiasieg. Sportschau.de berichtet. extern

Eine Heilung gibt es nicht, die Betroffenen sollten ihre Kräfte möglichst schonen, um einer weiteren Verschlechterung vorzubeugen. Ein moderates Training für Körper und Geist hilft ihnen dabei.

Interviewpartner im Beitrag:

Dr. med. Andreas Christoph Arlt
Ärztlicher Direktor der Rehabilitationsklinik
Leitender Arzt der Klinik für Neurologische Rehabilitation
Facharzt für Neurologie, Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin
Klinikum Bad Bramstedt
Oskar-Alexander-Straße 26
24576 Bad Bramstedt
Tel. (04192) 90 23 22

Dr. Jochen Steinmetz
Facharzt für Neurologie
Klinikum Bad Bramstedt
Oskar-Alexander-Straße 26
24576 Bad Bramstedt
Tel. (04192) 90 23 22

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Visite | 18.08.2015 | 20:15 Uhr