Stand: 26.11.2013 20:15 Uhr

Schmerzmittel auf Dauer gefährlich

Die regelmäßige Einnahme von Medikamenten wie Ibuprofen oder Diclofenac kann das Herzinfarkt-Risiko erhöhen.

Sie gehören zu den beliebtesten Schmerzmitteln, sind zum Teil rezeptfrei erhältlich und werden vor allem bei Schmerzen und Entzündungen des Bewegungsapparates eingesetzt: Medikamente aus der Wirkstoffgruppe der Nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) wie Diclofenac, Ibuprofen oder Naproxen. Dass diese Arzneimittel auf Dauer Magenbeschwerden verursachen, ist vielen bewusst. Doch es kann noch zu vielen weiteren, gefährlicheren Nebenwirkungen kommen, sogar zu Herzinfarkt, Schlaganfall oder Nierenversagen.

Schmerzmittel nehmen Einfluss auf Enzyme

Der Nutzen und das Risiko der Medikamente liegen in der Hemmung des Enzyms Cyclooxygenase (COX). Es existieren zwei verschiedene Unterformen des Enzyms - die Cyclooxygenase-1 und -2. Sie haben eine zentrale Funktion in der Regulation von Entzündungsprozessen. Dabei sind sie auch für die Entstehung von Schmerzen verantwortlich. Sie beeinflussen außerdem die Blutgerinnung und sind für den Schutz der Magenschleimhaut und der Nieren zuständig. Wird das Enzym gehemmt, werden also gleich mehrere Prozesse beeinflusst.

Nicht jeder Wirkstoff erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen gleichermaßen. Die Nebenwirkungen sind abhängig davon, welche Untergruppe der Cyclooxygenase gehemmt wird. Die Wirkstoffe Ibuprofen und Diclofenac hemmen sowohl die COX-1 als auch die COX-2. Daher kann die dauerhafte und hochdosierte Einnahme der Medikamente auch das Risiko von Magenblutungen und Nierenschäden erhöhen.

Warnung der europäischen Zulassungsbehörde EMA

Inzwischen warnt die europäische Zulassungsbehörde EMA bei Patienten mit Herzschwäche, koronarer Herzkrankheit, arterieller Verschlusskrankheit oder Gefäßerkrankungen im Gehirn vor dem Einsatz des Wirkstoffs Diclofenac und rät auch bei Rauchern sowie Menschen mit Bluthochdruck, Diabetes oder erhöhten Cholesterinwerten zu erhöhter Vorsicht. Hintergrund sind unter anderem Erkenntnisse, dass NSAR eine bestehende Herzschwäche verschlechtern und die Wirkung blutdrucksenkender Medikamente beeinträchtigen können.

Große Unterschiede bei Wirkung der NSAR

Dabei gibt es zwischen den einzelnen NSAR große Unterschiede, die Ärzte bei der Verordnung berücksichtigen sollten. So ist der Wirkstoff Naproxen besonders gefährlich für den Magen, was sich aber durch Kombination mit magenschützenden Substanzen (Protonenpumpenhemmer) nahezu aufheben lässt. Das Risiko für einen Herzinfarkt und andere Gefäßkomplikationen ist dagegen bei Diclofenac deutlich höher als bei Ibuprofen oder Naproxen. Hinzu kommen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten wie ASS, dessen plättchenhemmende Wirkung zum Schutz vor Herz-Kreislauf-Krankheiten durch NSAR eingeschränkt oder sogar aufgehoben werden kann.

Wer auf beide Medikamente angewiesen ist, sollte ASS deshalb in möglichst großem zeitlichem Abstand vor dem NSAR einnehmen. Eine dauerhafte Anwendung von NSAR kann zudem Kopfschmerzen verursachen, die nicht mit NSAR behandelt werden dürfen, weil sie sich dann verschlimmern.

Anwendungsdauer und Dosierung möglichst gering halten

Die 10-20-Regel

Schmerzmittel sollten maximal an zehn Tagen pro Monat verwendet werden. Zwanzig Tage im Monat sollten also frei von deren Einnahme sein. Bei dieser Regel werden nicht die an den zehn Tagen verwendeten Tabletten gezählt, sondern nur der jeweilige Tag, unabhängig von der eingenommen Menge.

Quelle: Schmerzklinik Kiel

Experten empfehlen deshalb, die Anwendungsdauer und Dosierung von NSAR möglichst gering zu halten und bei erhöhtem Risiko auf andere Medikamente wie Paracetamol bei leichten Schmerzen oder Metamizol/Novaminsulfon bei starken Beschwerden zurückzugreifen. Beide Schmerzmedikamente haben ebenfalls Nebenwirkungen: Paracetamol schädigt bei hoher Dosierung die Leber. Metamizol kann in seltenen Fällen die Menge der weißen Blutkörperchen verringern.

Wenn möglich, sollten die Beschwerden vor allem mit nicht-medikamentösen Methoden wie Physiotherapie, Wärme, Kälte, Massagen oder Bewegungstraining bekämpft werden. Keinesfalls sollten Patienten wochenlang NSAR einnehmen, ohne der Ursache ihrer Schmerzen auf den Grund zu gehen und einen Arzt zu Rate zu ziehen.

Weitere Informationen

Die gefährlichen Nebenwirkungen von Aspirin

Es hat das Image eines jederzeit einsetzbaren Allheilmittels. Doch der Wirkstoff in Aspirin kann im Einzelfall sogar lebensgefährlich sein. Was ist zu beachten? mehr

Paracetamol vorsichtig verwenden

Der Gefahr, die von der häufigen Einnahme von Schmerzmitteln ausgeht, sind sich viele Menschen nicht bewusst. Insbesondere die Nieren werden häufig geschädigt - lange unbemerkt. mehr

Kopfschmerz - Wenn Schmerzmittel schuld sind

Durch die Einnahme von Schmerzmitteln lassen sich Kopfschmerzen oft einfach unterdrücken. Die Schmerzmittel selbst können aber auch Auslöser für neue Beschwerden sein. mehr

Placebos können Schmerzen lindern

Scheinmedikamente und Scheintherapien wirken oft besser als tatsächliche Wirkstoffe. Vor allem in der Schmerztherapie werden Placebos erfolgreich eingesetzt. mehr

Interviewpartner

Im Studio:
Dr. Jan Stork, Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin
Zusatzbezeichnung Spezielle Schmerztherapie   
Ärztlicher Leiter Bereich Schmerztherapie
Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52
20246 Hamburg
E-Mail: schmerz(at)uke.de

Im Beitrag:
Prof. Dr. Bauersachs
Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Straße 1
30625 Hannover

Dr. Maja Falckenberg
Anästhesistin, Schmerztherapeutin
Schmerzambulanz Alten Eichen
Wördemannsweg 23
22527 Hamburg
Tel. (040) 540 40 60
Fax (040) 540 72 57

Dr. Christian Sturm
Orthopäde, Unfallchirurg
Oberarzt der Klinik für Rehabilitationsmedizin
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Straße 1
30625 Hannover

Dr. med. Corinna Harnisch
Fachärztin für Innere Medizin, Nephrologie
KfH Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation e.V.
KfH Nierenzentrum Oldenburg
Brandenburger Straße 17
26133 Oldenburg
Tel. (0441) 444 02

Dieses Thema im Programm:

Visite | 26.11.2013 | 20:15 Uhr