Stand: 07.12.2015 13:11 Uhr

Rheuma: Frühe Behandlung entscheidend

Der Begriff Rheuma stammt aus dem Griechischen und bedeutet "fließender Schmerz". Heute ist Rheuma ein Oberbegriff für Krankheiten der Bewegungsorgane, die in der Regel mit Schmerzen und Bewegungseinschränkungen verbunden sind. Zum sogenannten rheumatischen Formenkreis zählen mehr als 400 verschiedene Erkrankungen. Sie lassen sich in vier Hauptgruppen unterteilen:

  • entzündlich-rheumatische Erkrankungen, zum Beispiel rheumatoide Arthritis
  • degenerative Gelenkerkrankungen, zum Beispiel Arthrose
  • Weichteilrheumatismus, zum Beispiel Fibromyalgie
  • Stoffwechselerkrankungen mit rheumatischen Beschwerden, zum Beispiel Gicht

Bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen hat die Medizin große Fortschritte gemacht: Musste sich noch vor rund zehn Jahren mehr als die Hälfte aller Betroffenen früher oder später einer Operation unterziehen, um ein zerstörtes Gelenk versteifen oder ein Kunstgelenk einsetzen zu lassen, ist dies dank neuer Medikamente und Therapieverfahren heute nur noch selten nötig. Je früher die Behandlung der rheumatoiden Arthritis beginnt, umso größer ist die Chance auf eine komplette Rückbildung der Beschwerden (Remission).

Wie rheumatische Arthritis entsteht

Entzündlich-rheumatische Erkrankungen

Bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen sind nicht nur eines oder mehrere Gelenke entzündet, sondern der ganze Körper ist befallen. Die Betroffenen fühlen sich krank und geschwächt, im Blut sind oft Entzündungswerte erhöht.

  • Die bekannteste entzündlich-rheumatische Erkrankung ist die Polyarthritis (rheumatoide Arthritis) mit fast einer halben Million Betroffenen allein in Deutschland. Frauen sind davon drei Mal so häufig betroffen wie Männer, die Erkrankung kann in jedem Alter auftreten, am häufigsten zwischen dem 50. und dem 70. Lebensjahr.
  • Auch die sogenannten Spondyloarthritiden (zum Beispiel Morbus Bechterew, Psoriasis-Arthritis) gehören zur Hauptgruppe der entzündlich-rheumatischen Erkrankungen. Sie können neben den Gelenken die gesamte Wirbelsäule betreffen und treten nicht selten als Folge von Harnwegsinfekten oder chronischen Darmentzündungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa auf.
  • Bei einer reaktiven Arthritis ist eine bakterielle Infektion in Magen, Darm, Harnwegen oder Geschlechtsorganen Auslöser für eine Gelenkentzündung. Treten weitere Entzündungen an den Schleimhäuten der Harnwege, der Augen oder des Munds auf, spricht man von einem Reiter-Syndrom.
  • Kollagenosen und Vaskulitiden können lebensbedrohlich verlaufen, weil auch innere Organe und Gefäße beteiligt sind. Zu den Kollagenosen zählen der Systemische Lupus erythematodes, die Systemische Sklerose (Sklerodermie) und die Dermatomyositis (Polymyositis). Mischkollagenosen wie das Sharp­Syndrom und das Sjögren­Syndrom treten gelegentlich zusammen mit der rheumatoiden Arthritis auf. Zu den häufigsten Vaskulitiden zählen die Muskelerkrankung Polymyalgia rheumatica und die Riesenzellarteriitis.

Weitere Informationen

Chat-Protokoll zum Thema Rheuma

Um eine rheumatoide Arthritis behandeln zu können, muss die Erkrankung früh erkannt werden. Prof. Dr. Gabriela Riemekasten hat Fragen beantwortet. Das Chat-Protokoll zum Nachlesen. mehr

Ursachen der entzündlich-rheumatischen Erkrankungen (Polyarthritis)

Wirklich geklärt ist die Ursache der Polyarthritis bis heute nicht. Forscher vermuten, dass eine Fehlregulation des Immunsystems dazu führt, dass bestimmte Zellen die Gelenkinnenhaut und den Gelenkknorpel angreifen. Dabei wird vor allem ein Botenstoff des Immunsystems (TNF-α) in großen Mengen produziert. Er setzt sich an der Gelenkinnenhaut fest und signalisiert der körpereigenen Abwehr eine Entzündung, Fresszellen werden angelockt und zerstören die Gelenke.

Risikofaktoren: Vererbung und Rauchen?

Was die Fehlregulation des Immunsystems auslöst, ist bis heute unklar. Als sicher gilt, dass eine erbliche Veranlagung eine entscheidende Rolle spielt, die vermutlich zusammen mit bestimmten Giften zum Krankheitsausbruch führen kann. So belegen Studien, dass Zigarettenrauchen für einen Großteil der Krankheitsfälle verantwortlich ist, oft zu schwereren Verläufen der rheumatoiden Arthritis führt und den Therapieerfolg beeinträchtigen kann. Große Fortschritte hat in den vergangenen Jahren die Erforschung der an der Entzündung beteiligten Gewebshormone (Zytokine) gemacht, die sich mit neuen Medikamenten wirksam beeinflussen lassen.

Symptome der rheumatoiden Arthritis

Eine rheumatoide Arthritis beginnt meist an den kleinen Finger- und Zehengelenken, die plötzlich schmerzen und anschwellen. Morgens schmerzen die Gelenke besonders und lassen sich nur eingeschränkt bewegen. Die Morgensteifigkeit kann mehrere Stunden anhalten. In einigen Fällen sind zunächst aber auch nur einige große Gelenke entzündet, im höheren Lebensalter oft das Schultergelenk. Im weiteren Verlauf können sich weitere Gelenke entzünden und anschwellen, auch Sehnenscheiden, Halswirbelsäule und Schleimbeutel können betroffen sein. Hinzu kommen Allgemeinsymptome wie Erschöpfung, Schwächegefühl, Müdigkeit, Fieber, Nachtschweiß und Gewichtsverlust, da der gesamte Körper unter der Entzündung leidet. Bei jedem fünften Betroffenen treten sogenannte Rheumaknoten auf, vor allem am Ellenbogen und an den Fingern.

Frühe Anzeichen erkennen

  • Rheumatoide Arthritis

    • weiche Schwellung von mindestens zwei Gelenken über mehr als sechs Wochen
    • Schwellungen, die mit ziehenden Schmerzen einhergehen
    • Morgensteifigkeit der Gelenke, die länger als eine Stunde anhält
    • Allgemeinsymptome wie Abgeschlagenheit und Fieber

  • Spondyloarthritis (Morbus Bechterew)

    • tiefsitzender Rückenschmerz seit mindestens drei Monaten, der vor dem 45. Lebensjahr begonnen hat
    • Besserung des Rückenschmerzes durch Bewegung
    • nächtliches oder frühmorgendliches Erwachen wegen des Rückenschmerzes
    • Morgensteifigkeit im Rücken, die länger als 30 Minuten anhält
    • Spondyloarthritis in der Familie

  • Vaskulitiden und Kollagenosen

    • allgemeine Abgeschlagenheit und Bewegungsschwäche
    • kalte Hände mit Verfärbungen der Finger bei Kälte
    • teigig geschwollene Hände oder Finger, die länger als einen Monat andauern
    • entzündete Stellen an Fingerkuppen mit Narbenbildung
    • Hautausschlag nach Aufenthalt in der Sonne, besonders im Nasenbereich ("Schmetterlingserythem")
    • trockenes oder sandiges Gefühl der Augen, Mundtrockenheit, Blut oder Eiweiß im Urin

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Diagnose der rheumatoiden Arthritis

Um eine rheumatoide Arthritis behandeln und aufhalten zu können, muss die Erkrankung möglichst frühzeitig erkannt werden. Deshalb haben zahlreiche Rheumazentren spezielle Sprechstunden eingerichtet. Dort können sich Betroffene untersuchen lassen, bei denen erstmals der Verdacht auf eine entzündlich-rheumatische Erkrankung besteht. Die Diagnose erfolgt in mehreren Schritten:

  • Abtasten des Gewebes
  • Blutuntersuchung im Labor auf Rheumafaktoren, Entzündungsmarker und Antikörper gegen bestimmte Eiweiße (CCP­Antikörper): Sie helfen dem Rheumatologen, den weiteren Krankheitsverlauf besser einzuschätzen.
  • Röntgenaufnahmen geben Auskunft über das Ausmaß der Knochenschädigungen.
  • Weichteile der Gelenke werden mit Ultraschall untersucht. Dabei erkennt der Arzt zum Beispiel einen Gelenkerguss oder eine entzündlich verdickte Gelenkinnenhaut (Synovitis).
  • Bei speziellen Fragestellungen kann eine Kernspintomografie erforderlich sein.

Therapie der rheumatoiden Arthritis

Bei einer frühzeitigen Behandlung können die Beschwerden der rheumatoiden Arthritis vollständig verschwinden. Ist die Erkrankung bereits fortgeschritten, lässt sie sich zumindest bremsen. Rheumatologen stimmen die Therapie auf den individuellen Krankheitsverlauf ab und überprüfen die Wirksamkeit in Zusammenarbeit mit dem Hausarzt.

  • Um die Entzündung unter Kontrolle zu bringen, wird in der Regel Kortison verabreicht. Reicht die Wirkung nicht aus, kombinieren Ärzte das Kortison mit einem Basistherapeutikum wie Methotrexat (MTX), das hochdosiert in der Chemotherapie eingesetzt wird. In niedriger Dosierung wirkt Methotrexat gegen entzündliches Rheuma. Vielen Patienten hilft die Basistherapie so gut, dass sie nach etwa einem Jahr gar keine Rheuma-Medikamente mehr benötigen.
  • Schlägt die Therapie nicht an, setzen Rheumaexperten auf sogenannte Biologika. Diese erst seit einigen Jahren verfügbaren hochwirksamen Medikamente haben die Rheumatherapie revolutioniert. Sie bestehen aus Antikörpern (TNF-α-Blockern), die Entzündungsbotenstoffe gezielt unschädlich machen und so die weitere Gelenkzerstörung verhindern. Obwohl TNF-α-Blocker ins Immunsystem eingreifen, sind sie bis auf eine leicht erhöhte Infektneigung gut verträglich.
  • Weitere Maßnahmen sind Krankengymnastik zum Erhalt der Gelenkfunktion, Muskelkraft und Beweglichkeit, physikalische Therapie, etwa Kältetherapie, zur Schmerzlinderung, Ergotherapie zur Entlastung der Gelenke, Kortisonspritzen in die betroffenen Gelenke, Verödung der entzündeten Gelenkinnenhaut, orthopädische Maßnahmen wie Einlagen, Gehstützen und Schienen.
  • Psychologische Betreuung kann bei der Krankheits- und Schmerzbewältigung helfen. Sie werden oft ergänzt durch sozialmedizinische Maßnahmen zur Arbeitsplatzsicherung, Umschulung oder Rehabilitation.
  • Zur Unterstützung dienen sportliches Funktions- und Konditionstraining, Yoga, Walking, Aqua-Jogging und Aqua-Gymnastik, Pilates-Training, Tai-Chi und Qigong, Feldenkrais und Entspannungsverfahren. Auch eine bewusste Ernährungsumstellung kann den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen, zum Beispiel ein Verzicht auf Fleisch und Süßigkeiten.

Wann eine Operation nötig ist

Nicht immer schlagen die medikamentösen Therapien in allen betroffenen Gelenken an. In etwa zwei von zehn Fällen ist auch heute noch eine Operation erforderlich, weil die Entzündung im Gelenk nicht zum Stillstand kommt. Hier kann eine komplette Entfernung der entzündeten Gelenkinnenhaut (Synovektomie) helfen, die Schmerzen zu lindern. Weitere operative Therapiemöglichkeiten sind die Versteifung des Gelenks (Arthrodese), die wieder eine schmerzfreie Belastung ermöglicht, und der künstliche Gelenkersatz, der die Beweglichkeit wieder herstellt.

Warum eine frühe Behandlung so wichtig ist

Eine Therapie entzündlich-rheumatischer Erkrankungen kann Gelenkzerstörungen verhindern, bereits vorhandene Schäden aber nicht rückgängig machen. Nur wenn Erkrankte bereits im Frühstadium behandelt werden, haben sie die Chance, ihre Gelenke lange schmerzfrei und beweglich zu halten. Die Behandlung sollte innerhalb von drei Monaten nach dem ersten Auftreten der Symptome beginnen, auch um ein Übergreifen auf innere Organe zu verhindern.

Degenerative Gelenkerkrankungen (Arthrose)

Häufig sind Gelenkbeschwerden verschleißbedingt. Bei der sogenannten Arthrose führen Schäden des Gelenkknorpels, etwa im Hüft- oder im Kniegelenk, zunehmend zu Schmerzen und eingeschränkter Beweglichkeit. Häufig sind Vorschäden oder Fehlbildungen des Gelenks Ursache des Verschleißes, zum Beispiel ein Knochenbruch, eine zu flach ausgebildete Hüftpfanne oder starke Fehlstellungen. Aber auch eine Störung des Knochenstoffwechsels oder übermäßige Belastungen des Gelenks können für eine Arthrose verantwortlich sein.

Unterschiede entzündliches Rheuma und Arthrose
Entzündliches RheumaArthrose (Verschleiß)
AlterIn jedem Lebensalter, oft zwischen 50 und 70 JahrenVor allem im höheren Lebensalter
BeschwerdenWechselnd und schubweiseBei jeder Bewegung, vor allem unter Belastung
SymptomeWie bei einer Grippe, etwa Müdigkeit und AbgeschlagenheitBis auf Schmerzen in den betroffenen Gelenken keine weiteren Symptome
RisikofaktorenEntzündliches Rheuma in der FamilieFehl- oder Überbelastung der Gelenke

Weichteilrheumatismus (Fibromyalgie)

Die bekannteste Krankheit aus der Gruppe der weichteilrheumatischen Erkrankungen ist die sogenannte Fibromyalgie, die zu den chronischen Schmerzerkrankungen zählt und zu Beschwerden im ganzen Körper führt. Zur Gruppe der nicht entzündlichen Rheumaleiden zählen zum Beispiel auch der Tennis-Ellenbogen, der "steife Nacken" und Verspannungen durch Fehlhaltungen.

Stoffwechselerkrankungen (pararheumatische Erkrankungen)

Wenn Stoffwechselerkrankungen entsprechende Beschwerden verursachen, zählen auch sie zu den Rheumaleiden. Die bekanntesten Beispiele aus dieser Gruppe sind

  • Osteoporose: Ein Abbau der Knochenmasse führt zu Wirbelkörpereinbrüchen und starken Rückenschmerzen
  • Gicht: Durch eine Störung des Harnsäurestoffwechsels kommt es zur Ablagerung von Harnsäurekristallen in den Gelenken und Gelenkentzündungen (Gichtanfall)

Gliedmaßenuntersuchung.

Rheuma: Frühe Behandlung entscheidend

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Von der chronischen Krankheit Rheuma sind Millionen Menschen betroffen. Eine frühzeitige Behandlung kann die Entzündungen in vielen Fällen stoppen.

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Interviewpartner

Interviewpartnerin im Studio:
Prof. Dr. Gabriela Riemekasten, Klinikdirektorin
Klinik für Rheumatologie und klinische Immunologie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein – Campus Lübeck
Ratzeburger Allee 160, 23538 Lübeck
Tel. (0451) 500-45 201, Fax (0451) 500-45 204
Internet: www.rheuma.uni-luebeck.de

Interviewpartner im Beitrag:
Dr. Ulrich von Hinüber, Facharzt für Innere Medizin und Rheumatologie
Rheumatologie und Osteologie Hildesheim - Gemeinschaftspraxis
Bahnhofsplatz 5, 31134 Hildesheim
Tel. (05121) 20 69 80, Fax (05121) 20 69 834
Internet: www.rheuma-hi.de

Weitere Informationen:
Deutsche Rheuma-Liga e. V.
Maximilianstraße 14, 53111 Bonn
Tel. (0228) 76 60 60, Fax (0228) 76 60 620
Internet: www.rheuma-liga.de
Ratgeber "Früher ist besser - Rheuma rechtzeitig erkennen und handeln" und weitere Informationsmaterialien zum Herunterladen

Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie e.V.
Luisenstraße 41, 10117 Berlin
Internet: www.dgrh.de/patienten.html
Fragebogen zum Selbsttest: http://rheumacheck.rheumanet.org/questionnaire.aspx

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