Stand: 02.09.2014 20:15 Uhr  | Archiv

Morbus Sudeck: Dauerschmerz nach Knochenbruch

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Morbus Sudeck ist für den Patienten extrem belastend: Der betroffene Körperteil ist meist sehr empfindlich.

Nicht immer klingen die Schmerzen nach einer Verletzung oder Operation an Armen oder Beinen wie erwartet ab. Kommen mit der Zeit weitere Symptome wie Schwellungen, verstärktes Haar- und Nagelwachstum, Veränderungen der Hauttemperatur, Lähmungen oder Muskelverkrampfungen hinzu, sprechen Ärzte von einem chronischen regionalen Schmerzsyndrom (CRPS), auch als Sudeck'sche Dystrophie oder Morbus Sudeck bekannt.

Beschwerden wie bei einer Entzündung

Der Hamburger Chirurg Paul Sudeck hatte im Jahr 1900 diese Krankheit als erster beschrieben und als "entgleiste Heilentzündung" bezeichnet. Sie beginnt meist wenige Wochen nach der Verletzung oder Operation mit einem starken, brennenden Schmerz, der bei Belastung oder Bewegung zunimmt. Viele Patienten empfinden den Schmerz schon bei leichten, eigentlich angenehmen Berührungen, oft verbunden mit Kribbeln, starker Schwellung und geröteter Haut. Das betroffene Gelenk scheint entzündet zu sein, die Patienten haben aber kein Fieber und auch im Blut lassen sich keine Entzündungsfaktoren nachweisen.

Innerhalb weniger Monate bildet sich die Schwellung zurück und der betroffene Körperteil wird kalt, die Haut verfärbt sich bläulich oder rötlich, wirkt glänzend und gefleckt. In diesem zweiten Krankheitsstadium ist das Gelenk meist nur noch eingeschränkt beweglich, Sehnen und Muskeln verhärten sich.

Im weiteren Verlauf (Stadium 3) versteift das Gelenk, Haut, Muskeln und Sehnen schrumpfen, die Haut ist kalt und bläulich verfärbt, die Betroffenen leiden zudem unter massivem Knochenschwund (Osteoporose).

Ursache bisher ungeklärt

Experten schätzen, dass pro Jahr zwischen 10.000 und 40.000 Patienten in Deutschland an einem CRPS erkranken. Die Ursache ist bisher ebenso ungeklärt wie der eigentliche Krankheitsprozess im Körper. Vermutlich ist bei einem CRPS die Signalverarbeitung im Gehirn gestört, sodass sich die Schmerzen verselbständigen und falsche Informationen übertragen werden. Als mögliche Auslöser eines CRPS gelten gelenknahe Operationen, das Richten von Knochenbrüchen oder auch zu enge Gipsverbände. Aber nichts davon ist tatsächlich wissenschaftlich belegt.

Da die Erkrankung häufig erst sehr spät oder gar nicht erkannt wird, ist die Dunkelziffer hoch und vielen Betroffenen bleibt eine hilfreiche Therapie versagt. Dabei haben Patienten, die bereits in den ersten Wochen richtig behandelt werden, die besten Heilungschancen. Trotzdem dauert die Krankheit meist Monate, manchmal auch Jahre.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Ein CRPS ist für den Patienten extrem belastend: Der betroffene Körperteil ist meist so empfindlich, dass die Ärzte ihn anfangs fast nur in Watte packen können und mit hoch dosierten Schmerzmedikamenten dafür sorgen müssen, dass überhaupt eine sanfte Bewegungstherapie möglich wird. Mit Physiotherapie werden dann Kraft und Beweglichkeit möglichst schmerzfrei trainiert, mit Lymphdrainagen überschüssige Flüssigkeit aus dem geschwollenen Gewebe massiert. In der Ergotherapie lernen die Patienten, alltägliche Bewegungen und Aktivitäten wieder durchzuführen.

Links

CRPS Netzwerk – Gemeinsam stark

Informationen zu Selbsthilfegruppen von Morbus Sudeck in Deutschland. extern

Das Gehirn muss wieder lernen, dass Bewegung ohne Schmerzen möglich ist, denn bei dem CRPS spielt auch die Angst vor dem Schmerz eine wichtige Rolle. Mit einer gezielten Verhaltenstherapie (Graded Exposure) überwinden die Patienten diese Angst innerhalb weniger Wochen, auch die anderen Symptome lassen daraufhin meist dauerhaft nach.

Interviewpartner

Im Studio:
Dr. Jean-Jacques Glaesener
Chefarzt
Zentrum für Rehabilitationsmedizin Hamburg (ZRH)
Berufsgenossenschaftliches Unfallkrankenhaus Hamburg
Bergedorfer Straße 10
21033 Hamburg
Internet: www.buk-hamburg.de/23-0-Zentrum-fuer-Rehabilitationsmedizin.html

Im Beitrag:
Dr. Klaus-Dieter Rudolf
Chefarzt
Abteilung für Handchirurgie, Plastische und Mikrochirurgie,
Zentrum für Schwerbrandverletzte
Berufsgenossenschaftliches Unfallkrankenhaus Hamburg
Bergedorfer Straße 10
21033 Hamburg
Tel. (040) 73 06 27 46
Fax (040) 73 06 25 04
Handambulanz: Tel. (040) 73 06 25 12
Internet: www.buk-hamburg.de/20-0-Handchirurgie.html

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