Stand: 27.03.2015 13:34 Uhr  | Archiv

"Keine einfache, freie Willensentscheidung"

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Der Copilot war zum Zeitpunkt des Absturzes alleine im Cockpit. Den Ermittlern zufolge hatte er den Piloten offenbar ausgesperrt.

Wenn sich die Ermittlungsergebnisse der französischen Staatsanwaltschaft bewahrheiten, dann war der Germanwings-Absturz mit 150 Todesopfern kein Flugzeugunglück, sondern quasi Mord. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Copilot die Maschine gezielt zum Absturz gebracht hat. Sie beziehen sich dabei auf die Flugbewegungen und die Aufzeichnungen des Stimmenrekorders aus dem Cockpit des Airbus A320 mit der Flugnummer 4U-9525. Das Motiv des Copiloten ist noch unklar. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Düsseldorf war er für den Tag des Absturzes krankgeschrieben. Die Ermittler hatten bei der Durchsuchung seiner Wohnung eine zerrissene Krankschreibung gefunden.

Suizid im Ausnahmezustand

Wie ist ein Mensch zu einer solchen Tat fähig? Dr. Hans-Peter Unger, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Zentrum für Seelische Gesundheit der Asklepios-Klinik in Hamburg-Harburg, spricht in diesem Zusammenhang von einer "extem schwer verständlichen, fast sinnlos anmutenden Situation". Über 90 Prozent der Suizide würden nicht im Zustand des freien Willens passieren, sagte Unger auf NDR Info. Es sei keine bewusste, freie Entscheidung: "Denken und Fühlen ist in dem Moment einfach extrem eingeengt."

Unger betonte, dass man die laufenden Untersuchungen abwarten müsse, um etwas über die Beweggründe und die Dynamik für die Tat zu sagen. "Was man jetzt schon sagen kann: Es ist keine einfache, freie Willensentscheidung. Und das macht es so tragisch, dass dabei eben 149 Menschen mit in den Tod gerissen worden sind."

Anzeichen für psychische Erkrankungen schwer zu erkennen

Es könne zwar sein, dass Kollegen Anzeichen für eine Erkrankung hätten erkennen können, aber es gebe Situationen, in denen das extrem schwer ist, sagte Unger weiter. Er habe das selbst in seiner Arbeit erlebt, dass er sich mit jemanden normal unterhalten habe, ohne Anzeichen für eine Depression - und wenige Minuten später sei die Katastrophe passiert. "In der Beziehung zwischen Menschen gebe es keine absolute Sicherheit. "Es geht darum, unseren Blick für diese Dinge zu schärfen. Psychische Störungen oder Depressionen können auch Leistungsträger treffen, Menschen, die sonst komplett funktionieren und sozial eingebunden sind." Eine Spontanentscheidung sei der Selbstmord des Copiloten wohl nicht gewesen, so Unger: "Zumindest der Gedanke ist sicher schon längere Zeit in Planung, in Absicht, in Überlegung, in Abwägung im Kopf gewesen."

Eine Lehre aus dem schrecklichen Ereignis müsse es nun laut Unger sein, die Schwelle zur Hilfe zu senken. "Es geht darum klarzumachen, diese Dinge können auftreten." Wenn er es geschafft hätte, Hilfe zu suchen, wäre die vollkommen sinnlose Tat eventuell zu verhindern gewesen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 27.03.2015 | 06:50 Uhr