Sendedatum: 01.10.2012 22:45 Uhr  | Archiv

Erschreckende Missstände in Altenheimen

Endstation Altenheim
von Anette Dowideit
Vorgestellt von Maryam Bonakdar und Andrea Wiehager

"Ich habe gespielt, dass ich halbseitig gelähmt bin, also das linke Bein und den linken Arm nicht bewegen kann. Und dass ich eine Sprachstörung habe. Dabei war ich überrascht, wie ausgeliefert man sich fühlt, wie hilflos. Und wie stark man auf einmal über die eigene Würde nachdenkt. Wenn man auf eine Toilette gehoben wird, wenn einer einen im Intimbereich wäscht, das sind Dinge, die sind unvorstellbar."

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Um nachempfinden zu können, wie sich ein pflegebedürftiger Mensch fühlt, hat sich Autorin Anette Dowideit in die Rolle eines Menschen mit Handicap begeben.

Eigentlich schlüpfen im Kölner Herz-Jesu-Seniorenzentrum zukünftige Pfleger in die Rolle eines Pflegebedürftigen. Um zu spüren, was es heißt, ein Pflegefall zu sein. Für die Journalistin Anette Dowideit war es der emotionale Einstieg in ein Thema, das wir gerne von uns schieben: alt sein, abhängig und ausgeliefert. Dowideits Ergebnisse sind erschreckend: 14.000 Menschen, die ohne eine Zustimmung an ein Bett oder einen Rollstuhl fixiert werden. 40.000 Heimbewohner, die Hunger und Durst leiden, weil nicht genug Personal da ist, um Essen und Trinken zu reichen. 240.000 Demenzkranke, die mit Psychopharmaka ruhiggestellt werden, zum Teil ohne ärztliche Verordnung.

"Wir leisten uns in einem reichen Land wie Deutschland keine menschenwürdige Pflege", sagt Dowideit. "Wir haben heute knapp 2,4 Millionen Pflegebedürftige deutschlandweit. Im Jahr 2050 wird prognostiziert, dass es 4,7 Millionen sein werden. Gleichzeitig sinkt aber die Zahl der Einzahler. Es ist einfach eine riesige potenzielle Katastrophe, die da auf das Land zurollt."

Menschen werden ins Bett hineingepflegt

Zwei Jahre hat die Journalistin recherchiert. Sie legt ein System offen, das schon lange krankt. Die Träger der Heime wollen Profit: Gewinnmaximierung auf Kosten der alten Menschen! Dowideit enttarnt eine absurde Realität, in der Bedürftige nicht aufgepäppelt, sondern bewusst ins Bett reingepflegt werden: "Jemand, der pflegebedürftiger ist, der in eine höhere Pflegestufe kommt, ist lukrativer für einen Betreiber. Denn dann bekommt er von den Krankenkassen mehr Geld für ihn. Insofern entsteht eine massive Fehlkonstruktion in dem System, entstehen viele Anreize zu sagen: Schlechte Pflege wird finanziell begünstigt, gute Pflege, die einen Bewohner aktiviert, wird bestraft."

Menschliche Zuwendung bleibt auf der Strecke

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Häufig sind die Pfleger überbelastet, und die menschliche Zuwendung kommt zu kurz.

Doch gute Pflege ist ohnehin oft nicht möglich. Wenn eine Person allein 20 Pflegebedürftige waschen muss, bleibt nicht nur Zuwendung auf der Strecke. Am Personal wird gespart, und sogar am lebensnotwendigsten: am Essen. "Es gibt von den Kassen im Schnitt eine Vorgabe, dass man pro Person und Tag nicht mehr als fünf Euro ausgeben soll", berichtet die Journalistin. "Aber viele Heime geben noch weniger aus, weil sie nicht nur unter dem Druck der Krankenkassen stehen, sondern weil auch noch Investoren dahinterstehen, die sagen, wir möchten daraus Profit ziehen. Und so kann es sein, dass manche Heime sagen, unsere Vorgaben sind drei Euro pro Tag." Kleine Portionen, wenig Frisches, Essen wird gestreckt.

Auch in Pflegeheimen gelten die Gesetze der freien Marktwirtschaft

Die Autorin kritisiert in ihrem Buch "Endstation Altenheim", dass Heime die Preise unterbieten, um mehr Bewohner zu bekommen. Wenn ein Heimbetreiber sagt, er kann billiger, dann drückt die Pflegekasse die Preise auch bei anderen. Eine unabhängige Prüfung für die Heime gibt es kaum - die Kassen sind meist Geldgeber und Kontrolleure zugleich. "Wenn ich als Angehörige sage, meine Mutter muss ins Heim, dann habe ich eine unheimliche Angst, weil ich nicht weiß, wem kann ich vertrauen. [...] Die haben kein Interesse daran, ein neutrales Bild dessen zu zeigen, wie gut oder wie schlecht Pflege geleistet wird. Und so kommt es zustande, dass diese Pflegenoten, die Sie im Internet sehen können, völlig unrealistisch sind."

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Den Bundespolitikern seien die Missstände bekannt, sagt Anette Dowideit.

Dowideit plädiert für ungeschönte Prüfberichte, die jedem zugänglich sind. Und es soll mehr Geld in die Pflegekassen fließen. Erst jetzt gerade hat die Regierung eine Anhebung der Pflegeversicherung von 0,1 Prozent beschlossen: macht gut eine Milliarde mehr. Doch das reicht nicht. "Jedem Bundespolitiker sind die Missstände bekannt. Jeder, mit dem ich gesprochen habe, der sich auf Bundesebene mit dem Thema Pflege beschäftigt, sagt: 'Wir brauchen sofort vier bis fünf Milliarden Euro zusätzlich für die Pflege, nur um die gröbsten Missstände, die wir heute haben, zu beseitigen.' Und trotzdem passiert nichts. Ich habe neulich mit einem Politiker gesprochen, der gesagt hat: 'Was wir eigentlich brauchen, auch wenn es sich zynisch anhört, ist ein Fukushima der Pflege. Wir brauchen eigentlich eine riesige Katastrophe, die uns allen die Augen öffnet und uns zeigt, so geht es nicht weiter.'"

Aber was muss noch passieren, wenn bereits jetzt schon tagtäglich Menschen vernachlässigt werden? Und was sagt das über uns als Gesellschaft aus, dass wir es uns erlauben, die Regeln des Kapitalismus auf den Rücken der Menschen auszutragen, die sich nicht wehren können? Es geht um unsere Eltern und irgendwann vielleicht um uns selbst.

(Beitrag: Maryam Bonakdar und Andrea Wiehager)

Endstation Altenheim

von
Seitenzahl:
388 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Redline
Bestellnummer:
978-3-868813449
Preis:
19,99 €

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 01.10.2012 | 22:45 Uhr