Stand: 11.11.2011 18:03 Uhr

Die gefährlichen Nebenwirkungen von Aspirin

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Aspirin Proctect - eine von vielen Varianten des Medikamentes. Der nicht ungefährliche Wirkstoff Acetylsalicylsäure ist aber in allen enthalten.

Aspirin Complex, Protect, Effect, Direkt, Coffein, Plus C und Migräne - Aspirin scheint es gegen fast jede Form von Schmerz zu geben. Seit über 100 Jahren ist es der Verkaufsschlager in den Apotheken. Fünf Milliarden Tabletten jährlich produziert Hersteller Bayer am Standort Bitterfeld für den internationalen Markt. Rund 40 Millionen Packungen Aspirin werden jedes Jahr in Deutschland verkauft, mit steigender Tendenz. Für das Pharmaunternehmen bedeutete das im Jahr 2010 einen Riesenumsatz von 776 Millionen Euro weltweit. Aspirin gilt als das erfolgreichste Medikament auf der Erde. Das Problem: Was rezeptfrei zu bekommen ist, gilt für viele Menschen als ungefährlich.

Aspirin - das Allheilmittel?

Die 10-20-Regel

Schmerzmittel sollten maximal an zehn Tagen pro Monat verwendet werden. Zwanzig Tage im Monat sollten also frei von deren Einnahme sein. Bei dieser Regel werden nicht die an den zehn Tagen verwendeten Tabletten gezählt, sondern nur der jeweilige Tag, unabhängig von der eingenommen Menge.

Quelle: Schmerzklinik Kiel

Schon um 1900 hatte sich Aspirin als Allheilmittel gegen Schnupfen, Tuberkulose, Thrombose, Mandelentzündungen, Kopfweh und vor allem Rheuma etabliert. Dass die Einnahme von Acetylsalicylsäure, dem Wirkstoff in Aspirin und seinen vielen Nachahmer-Produkten, sogar lebensgefährlich sein kann, ist dagegen weniger bekannt. Da hat die Werbung ganze Arbeit geleistet, indem sie den Eindruck erweckt, Aspirin sei gesundheitsfördernd wie eine Vitamin-Tablette. "Bei vielen meiner Patienten genießt das Aspirin den Ruf des Allheilmittels", erklärt der Hamburger Gastroenterologe Friedrich Hagenmüller. "Einige betrachten Aspirin auch gar nicht als Medikament, was Nebenwirkungen hat, sondern als eine hilfreiche Lifestyle-Unterstützung und einen Lebensverlängerer in allen Lebenslagen sozusagen." So entsteht leicht eine missbräuchliche Verwendung des Präparates. Und den Beipackzettel lesen die Konsumenten in der Regel überhaupt nicht.

Magengeschwüre oder Nierenschäden, ausgelöst durch ASS

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Christa K. kam mit einem blutenden Magengeschwür in die Klinik zu Professor Hagenmüller. Für sie war Aspirin bis dahin ein harmloses Hausmittel.

Acetylsalicylsäure, kurz ASS, wirkt gleich dreifach: gegen Schmerzen, fiebersenkend und entzündungshemmend. Doch Aspirin kann auch schwere Nebenwirkungen haben. Es kann Geschwüre und Blutungen im Magen oder Darm hervorrufen, weil es die Schleimhäute im Verdauungstrakt angreift. Das Medikament kann zudem Asthmaanfälle und Nierenschäden auslösen. Friedrich Hagenmüller schätzt, dass die Zahl der jährlichen Todesfälle in Deutschland, an denen Aspirin beteiligt ist, vierstellig ist: "Man muss annehmen, dass sich die Anzahl der Fälle zwischen 1.000 und 5.000 bewegt."

Unterschätzte Gefahr: blutverdünnende Wirkung

Anders als andere Schmerzmittel wirkt Aspirin nicht nur schmerzstillend, sondern verdünnt auch das Blut. Das kann schon bei einem zahnärztlichen Eingriff problematisch werden. Die blutverdünnende Wirkung von Aspirin wurde entdeckt, weil Patienten nach Mandeloperationen immer weiter bluteten. Auch heute noch ist Aspirin vor Operationen ein Problem. Deshalb soll fünf Tage vor Operationen kein Aspirin eingenommen werden, denn die blutverdünnende Wirkung von einer Tablette Aspirin hält noch so lange nach der Einnahme an. Bei bestimmten Krankheiten wie Herzinfarkt oder Schlaganfall ist allerdings genau diese blutverdünnende Nebenwirkung erwünscht und verhilft Aspirin damit womöglich zu einer zweiten Karriere.

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Manche Ärzte sehen ASS als Schmerzmittel kritisch

Als Schmerzmittel aber haben, so die Meinung vieler Ärzte, Medikamente mit Acetylsalicylsäure ausgedient. "Aspirin zur Schmerzbehandlung braucht man eigentlich nicht. Es hat seine Segnungen und guten Effekte auf anderen Gebieten, aber als Schmerzmittel ist es eigentlich verzichtbar, da haben wir bessere Mittel", meint Friedrich Hagenmüller. Uwe Gessner, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bayer-Tochter Bayer Vital sieht das natürlich anders: "Aspirin ist ein Medikament, das seit über 110 Jahren auf dem Markt ist. Es ist hervorragend untersucht. Es gibt kaum ein Medikament, was besser untersucht ist und es wird auch in Zukunft nach meiner Meinung ein Medikament sein, das gegen Schmerzen und Fieber und Entzündungen seinen Stellenwert haben wird".

Vorstoß zur Verkleinerung der Verpackungen gescheitert

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Zu viele Menschen greifen zu häufig zu Schmerzmitteln.

8,3 Millionen Deutsche nehmen regelmäßig Kopfschmerz-Tabletten. Um zumindest die Gefahr des sorglosen Umgangs der Menschen mit Aspirin und anderen ASS-Produkten einzuschränken, sollte nach Meinung von Pharmakologen und Apothekern der Zugang zu größeren Mengen Schmerzmitteln erschwert werden. Ein erster Schritt in diese Richtung wäre die Verkleinerung der Packungsgrößen gewesen, wie es das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizin-Produkte (BfArM) im September vorgeschlagen hat. "Ziel ist, dass frei verkäufliche Schmerzmittel bei Patientinnen und Patienten nur noch bis zu vier Tage lang Anwendung finden können. Und dass bei einer Anwendungsdauer über vier Tage auf jeden Fall ein Arzt konsultiert werden muss", erklärte Maik Pommer, Pressesprecher des BfArM. Zur Diskussion standen nicht nur die Acetylsalicylsäure, sondern auch die frei verkäuflichen Schmerzmittel Iboprofen, Diclofenac, Paracetamol und Naproxen und die weniger bekannten Mittel Phenazon und Propyphenazon.

Um jedoch beim verantwortlichen Bundesgesundheitsministerium eine entsprechende Gesetzesinitiative zu erreichen, muss der "Sachverständigenausschuss für Verschreibungspflicht" eine Empfehlung dafür aussprechen. Doch überraschenderweise hat der Sachverständigenausschuss Ende September den Vorschlag des BfArM abgelehnt. Formelle und juristische Gründe haben dazu geführt. Denn mit der neuen Regelung wären größere Verpackungen aller Schmerzmittel, auch von Aspirin, rezeptpflichtig geworden. 

Patienten müssen geschützt werden

"Die Umsetzung dieses Antrages wäre ein sehr guter Weg gewesen in Richtung Verbraucherschutz, zum Risikobewusstsein beim Verbraucher sowie zur Risikominimierung insgesamt", meint Professor Hartmut Göbel. Der Ärztliche Direktor der Kieler Schmerzklinik hat täglich mit Menschen zu tun, die unter den Folgen eines zu sorglosen Umgangs mit Schmerzmitteln leiden. Bessere Aufklärung und ein erschwerter Zugang zu Schmerzmitteln sind notwendig, auch, um Patienten vor dem missbräuchlichen Umgang mit den Medikamenten zu schützen. Denn Schmerzmittel sind hochwirksame Medikamente. Und die haben auch ernstzunehmende Nebenwirkungen.

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Dieses Thema im Programm:

45 Min | 20.04.2013 | 12:00 Uhr

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