Stand: 01.12.2014 11:30 Uhr

Vergesslich nach Operation - Demenz verhindern

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Eine Bewusstseinstrübung bei älteren Menschen nach einer OP ist nicht selten.

Patienten sehen weiße Mäuse, Spinnen oder Fliegen, erkennen ihre Angehörigen nicht, sind verwirrt oder aggressiv: Etwa 5 bis 15 Prozent aller Patienten leiden nach einer Operation unter Narkose an einer Bewusstseinstrübung, dem sogenannten post- oder perioperativen Delir - oder auch Durchgangssyndrom genannt. Bei den über 60-Jährigen sind es sogar 30 bis 40 Prozent.

Zeitpunkt des Auftretens sehr unterschiedlich

Das Delir kann direkt nach dem Erwachen aus der Narkose auftreten, sich innerhalb der ersten Stunden nach der Operation zeigen oder sich erst einige Tage später entwickeln. Die Symptome variieren stark in ihrer Art und ihrem Ausprägungsgrad.

Welche Symptome sind typisch?

Typisch sind Phasen von Desorientierung, Verwirrtheit, stärkster körperlicher Unruhe sowie Wahnvorstellungen und Halluzinationen. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um eine vorübergehende Störung ohne gravierende Spätfolgen. Etwa 40 Prozent der Betroffenen sind jedoch auch ein Jahr nach dem Ereignis noch so stark in ihrer geistigen Leistungsfähigkeit eingeschränkt, dass sie dauerhaft pflegebedürftig sind.

Stichwort Narkose

Der Begriff Narkose kommt aus dem Griechischen und bedeutet "In-Schlaf-Versetzen". Die Narkose oder Allgemein-Anästhesie ist eine mithilfe mehrerer Medikamente erreichte und kontrollierte Bewusstlosigkeit. Dabei werden nicht nur das Schmerzempfinden, sondern auch Abwehrreflexe, Muskelspannung und das Bewusstsein ausgeschaltet, damit der Patient während des Eingriffs ruhig liegt und keine Schmerzen oder Angst erleidet.

Ein Delir kann sogar das Auftreten von Demenzerkrankungen fördern. Junge Patienten leiden nur sehr selten an postoperativen Bewusstseinsstörungen.

Genaue Ursache noch ungeklärt

Die genauen Ursachen für die Entstehung sind noch nicht ganz geklärt. Fest steht, dass es sich bei einem postoperativen Delir um ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren handelt. So gelten ein hohes Alter des Patienten, das männliche Geschlecht sowie Vorerkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck als Risikofaktoren. Auch die Art und Dauer der Operation und Narkose spielen eine entscheidende Rolle. Große Operationen am Herzen oder nach Oberschenkelhalsbrüchen bergen ein besonders hohes Risiko.

Wissenschaftler vermuten, dass bei vielen älteren Menschen aufgrund verschiedener Erkrankungen minimale Entzündungsprozesse im Gehirn ablaufen und ihr Immunsystem deshalb dauerhaft aktiviert ist. Eine Operation provoziert das Immunsystem noch mehr, es kommt zu einer übertriebenen Abwehrreaktion, die besonders in den Stunden nach dem Eingriff das Gehirn schädigt.

Einfacher Test gibt Aufschluss

Um dauerhaften Einschränkungen der kognitiven Fähigkeiten vorzubeugen, gilt es, das postoperative Delir möglichst zu verhindern oder schnell und zuverlässig zu erkennen und zu behandeln. Mithilfe eines einfachen Tests lässt sich bereits kurz nach dem Erwachen aus einer Narkose der geistige Zustand des Patienten beurteilen und das Risiko einer Bewusstseinsstörung abschätzen. Dazu werden mittels einfacher Fragen die Orientierung des Patienten zu Zeit, Ort und Person überprüft. Außerdem wird beurteilt, ob sich der Betroffene angemessen zu Ort und Person verhält und ob eine einfache, aber sinnvolle Kommunikation möglich ist. Zusätzlich wird getestet, ob Halluzinationen bestehen.

Ist der Test positiv, bekommen die Patienten in der Regel Medikamente, sogenannte Neuroleptika: Sie greifen in den Dopamin-Stoffwechsel des Gehirns ein, der durch die Operation durcheinandergeraten ist und die Wahnvorstellungen und Halluzinationen auslöst. Auch das Risiko einer Demenz soll so verringert werden.

St. Franziskus-Hospital Münster: Persönliche Betreuung erfolgreich

Das St. Franziskus-Hospital in Münster geht jetzt neue Wege: Bereits vor der Operation prüfen die Mitarbeiter die geistige Leistungsfähigkeit der Patienten. Wer dabei Schwächen zeigt, wird als Risikopatient eingestuft und bekommt eine persönliche Betreuerin, die sich von der Aufnahme bis zur Entlassung um ihn kümmert. Das vertraute Gesicht beugt Verwirrung, Ängsten und Stress in der ungewohnten Umgebung vor. Angstlösende Medikamente werden hier nicht eingesetzt, denn gerade diese Arzneimittel steigern bei Älteren das Risiko für geistige Schäden. Und wenn möglich, verzichten die Ärzte bei den Risikopatienten auch auf eine Vollnarkose. Prinzipiell ist jede Operation unterhalb des Bauchnabels in einer Teilnarkose möglich. Um Ängste zu vermeiden, bleibt die Betreuerin während des Eingriffs beim Patienten und beruhigt ihn.

Das Konzept geht auf: In dieser Klinik erleiden nur zehn Prozent der Operierten ein Delir - 30 Prozent weniger als üblich. Und auch der höhere Personalaufwand rechnet sich, weil die Patienten gesünder und früher die Klinik verlassen und die Betten schneller wieder belegt werden können.

Flüssigkeitsaufnahme wichtig

Zur Vorbeugung eines Delirs sollten Patienten ausreichend Flüssigkeit trinken. Laut Leitlinien sind bis zu zwei Stunden vor der Operation Wasser, klare Fruchtsäfte, Kaffee und Tee erlaubt. Nach der Operation sollte Patienten erlaubt sein zu trinken, sobald sie Durst haben.

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Interviewpartner

Im Studio:
Dr. Simone Gurlit
Oberärztin der Klinik für Anästhesie und Operative Intensivmedizin
Leiterin der Abteilung für perioperative Altersmedizin
St. Franziskus-Hospital Münster
Hohenzollernring 72
48145 Münster
Internet: www.sfh-muenster.de/de/medizinische-kompetenzen/anaesthesie-operative-intensivmedizin/perioperative-altersmedizin.html

Im Beitrag:
Prof. Dr. Michael Möllmann
Chefarzt der Klinik für Anästhesie und Operative Intensivmedizin
Ärztlicher Direktor des St. Franziskus-Hospitals Münster
Hohenzollernring 72
48145 Münster

Priv.-Doz. Dr. Ulf Günther
DESA, EDIC, geschäftsführender Oberarzt
Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin
Universitätsklinikum Bonn
Sigmund-Freud-Straße 25
53127 Bonn
Internet: www.kai.uni-bonn.de

Dieses Thema im Programm:

Visite | 02.12.2014 | 20:15 Uhr

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