Stand: 28.01.2015 10:03 Uhr  | Archiv

Das Ende des Osteopathie-Booms?

Es war ein regelrechter Boom, den die Osteopathie in den vergangenen Jahren erlebt hat. Seit 2012 zahlte die Techniker Krankenkasse für die alternative Heilbehandlung - und viele Kassen zogen nach. Osteopathen behandeln unter anderem Funktionsstörungen des Bewegungsapparates, Rückenschmerzen zum Beispiel. Doch die Therapie wurde zu beliebt - und damit zu teuer für Deutschlands größte Krankenkasse. Nun zog sie die Notbremse: Die Zuzahlungen für Osteopathie wurden drastisch gesenkt.

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Die Kassenausgaben für Osteopathie stiegen in den vergangenen Jahren immer weiter an.

Der Gang zum Osteopathen ist für Anja Joseph (Name geändert) wichtig. Immer wieder ließ sie sich mit der manuellen Therapie an der Wirbelsäule behandeln - mit Erfolg. Sie habe "nur positive Erfahrungen" gemacht: "Ich hatte einen sehr schweren Autounfall und da auch diverse Therapien gemacht. Und Osteopathie war das, was mir nachhaltig am meisten geholfen hat." Die 43-Jährige ist bei der Techniker Krankenkasse (TK) versichert. Deutschlands größte Kasse zahlte seit 2012 für osteopathische Behandlungen freiwillig bis zu 360 Euro im Jahr im Rahmen einer sogenannten Satzungsleistung.

Hunderttausende Versicherte osteopathisch behandelt

Auch wenn Kritiker der Osteopathie vorwerfen, es fehlten wissenschaftliche Nachweise für ihren Nutzen: Hunderttausende Versicherte ließen sich seither so behandeln. "Die Leistung ist von Anfang an sehr gut in Anspruch genommen worden", sagt Maren Puttfarcken, Leiterin der Hamburger TK-Landesvertretung. "Das hat zu einer hohen Dynamik geführt, zu einer hohen Ausgabendynamik, die gekoppelt mit veränderten Rahmenbedingungen, die der Gesetzgeber eingeführt hat, dazu geführt hat, dass wir diese Leistung anpassen mussten."

Keine Kosteneinsparungen an anderer Stelle

Der TK wurde es also schlicht zu teuer, noch dazu, weil der Kassenhaushalt durch eine Gesetzesänderung an anderer Stelle schwer belastet wurde. Nach Recherchen von NDR Info gab die TK schon 2013 deutlich über 60 Millionen Euro für Osteopathie aus - mehr als die Hälfte dessen, was von den gesetzlichen Krankenkassen insgesamt an Osteopathen gezahlt wurde.

Spareffekte durch Osteopathie an anderer Stelle - bei orthopädischen Behandlungen oder Operationen - habe es keine gegeben, so Puttfarcken: "Wir haben nicht festgestellt, dass durch die Inanspruchnahme von Osteopathie Kosten an anderer Stelle weggefallen wären."

Immer mehr Osteopathen wollten profitieren

Seit dem 1. Januar 2015 zahlt die TK für osteopathische Behandlungen nun nur noch bis zu 120 Euro im Jahr - ein Schock für die Osteopathie-Branche, die durch die Kassenmillionen kräftig gewachsen war. Nur auf Umwegen - über ein Bonusprogramm - gibt es etwas mehr Geld. Fünf weitere Kassen haben ebenfalls reduziert, andere dürften folgen. Die Techniker Krankenkasse habe zwar den Boom ausgelöst, aber nie wirklich Interesse an Osteopathie gehabt, so der Vorwurf von Michael Kaufmann, Osteopath in Hamburg: "Ich denke, das war eine Marketing-Aktion. Das Interesse hat sich ja in ihrem Verhalten gezeigt. Es ist eine Rechenschieberaktion."

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Zu beliebt, zu teuer, also habe die TK eben die Notbremse gezogen. Dabei ließen sich seit 2012 immer mehr Therapeuten in Osteopathie ausbilden - in der Hoffnung auf zusätzliche Einnahmen. Es gab neue Verbände, die Mitgliederzahlen explodierten. Der Kuchen sei jetzt groß geworden, sagt Kaufmann: "Es ist eine fette Torte. Da steigt eben das Interesse unterschiedlicher Gruppen, an diesem Kuchen teilhaben zu wollen." Die Branche habe damit ein Qualitätsproblem bekommen, sagt Jakob Setzwein vom Bundesverband Osteopathie: "Weil jede Ausbildungsstätte, jedes Fortbildungsinstitut, welche Osteopathieausbildung anbietet, die nicht den Anforderungen der großen Verbände entspricht, einen eigenen Verband gründet."

Ungewisse Zukunftsaussichten

Die Hoffnung der Osteopathen: Die Guten und Erfahrenen werden sich durchsetzen, auch wenn von den Kassen künftig deutlich weniger Geld kommt. Denn die alternative Therapie habe ihre Nische in den vergangenen drei Jahren verlassen, sagt Osteopath Kaufmann: "Die Osteopathie ist aus unserer medizinischen Landschaft nicht mehr wegzudenken. Die hat sich etabliert. Da kann die Techniker sparen, wie sie will."

Die TK-Versicherte Anja Joseph ist dennoch enttäuscht: "Ich finde das sehr schade, weil es mir sehr geholfen hat. Ich glaube, dass es viele Patienten gibt, bei denen die Osteopathie eine wichtige Stütze ist in der Therapie." Nun, so befürchtet Joseph, werde die Osteopathie eine Leistung, die man nur in Anspruch nehmen könne, wenn man genügend Geld hat.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 28.01.2015 | 07:50 Uhr