Stand: 05.08.2014 20:15 Uhr  | Archiv

Antibabypille birgt Gefahr von Lungenembolie

Die Antibabypille ist das beliebteste Verhütungsmittel in Deutschland. Sie ist 1960 in den USA und kurze Zeit später auch in Deutschland auf den Markt gekommen. Heute nutzen bereits fünf bis zehn Prozent der Mädchen ab dem 12. Lebensjahr die Pille. Zwischen dem 18. und dem 20. Lebensjahr sind es sogar 80 Prozent.

Verhütung durch Pille zuverlässig

Wie zuverlässig ein Verhütungsmittel wirkt, wird im sogenannten Pearl-Index erfasst. Danach ist der verhütende Effekt der Pille sehr zuverlässig: Von 1.000 Frauen, die mit der Pille ein Jahr lang verhüten, werden nur etwa drei trotzdem schwanger. Die Pille bietet ein Sicherheitsfenster von zwölf Stunden. Das bedeutet: Wer vergisst, sie einzunehmen, kann das innerhalb von zwölf Stunden nachholen - ohne dass die empfängnisverhütende Wirkung nachlässt.

Die meisten erhältlichen Pillenpräparate sind sogenannte Mikropillen. Sie enthalten eine Kombination aus einem Östrogen und einem Gestagen - weibliche Geschlechtshormone. Dabei wird zwischen vier verschiedenen Pillengenerationen unterschieden. Das Östrogen ist bei allen vier Generationen das Gleiche: das sogenannte Ethinylestradiol. Es variiert jedoch in seiner Dosierung.

Die Unterschiede der vier Generationen

In der ersten Generation war der Östrogenanteil noch sehr hoch. Ein hoher Östrogenanteil geht mit einem höheren Thromboserisiko und damit mit einem Risiko für Schlaganfall, Herzinfarkt oder Lungenembolie einher. Daher enthalten Pillen seit der zweiten Generation deutlich geringere Östrogendosen.

Es gibt noch einen weiteren Unterschied: Pillen der zweiten, dritten und vierten Generation enthalten andere Gestagene. Die Pillen der dritten und vierten Generationen sind deshalb besonders in Kritik geraten. Sie sollen im Vergleich zu den Pillen der zweiten Generation ein deutlich erhöhtes Risiko für Thrombosen und Embolien haben.

Entscheidend dafür ist ihr Gestagenanteil. Pillen der zweiten Generation enthalten den Gestagenwirkstoff Levonorgestrel. Das Risiko für Frauen, die diese Pille einnehmen, ist etwa doppelt so hoch wie für Frauen, die keine hormonellen Verhütungsmethoden nutzen.

Pillen der dritten Generation enthalten die Gestagenwirkstoffe Desogestrel oder Gestoden. Einige der vierten Generation enthalten Drospirenon. Bei ihnen ist das Thrombose-Risiko laut neuer Studien und Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM)mindestens doppelt soch hoch als bei Präparaten der zweiten Generation.

Die Generationen der Antibabypille
GenerationenGestagenÖstrogen
1. GenerationNorethisteron, LynestrenolEthinylestradiol
2. GenerationLevonorgestrelEthinylestradiol
3. GenerationDesogestrel, Norgestimat, Gestoden, EthonogestrelEthinylestradiol
4. GenerationDrospirenon, Chlormadinonazetat, Dienogest, NomegestrolacetatEthinylestradiol, Estradiolvalerat

Junge Frauen sollten Pille der zweiten Generation vorziehen

Experten vermuten, dass jedes Jahr etwa 260 junge Frauen eine Lungenembolie erleiden, die hätte vermieden werden können, wenn sie eine andere Pille eingenommen hätten. Deshalb gilt die Empfehlung: Gerade bei jungen Frauen unter 30 Jahren, Pillen der zweiten denen der neueren Generationen vorzuziehen.

Links

Selbsthilfegruppe Drospirenon-Geschädigter

Die Selbsthilfegruppe Drospirenon-Geschädigter informiert, welche Antibabypillen ein erhöhtes Thrombose-Risiko haben. Außerdem berichten sie von Betroffenen. extern

Das Thrombose-Risiko ist neben der Hormondosis und -zusammensetzung aber auch von der Dauer der Einnahme abhängig. Zusätzliche Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht und genetische Veranlagungen erhöhen das Risiko zudem um ein Vielfaches.

Neue europäische Richtlinie

Seit dem 1. August 2014 muss - entsprechend der europäischen Richtlinie für Beipackzettel - verstärkt auf die Gefahren der Pille hingewiesen werden. Das bedeutet, dass die Hersteller die Angaben der Beipackzettel ändern mussten.

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Wer erfand die Antibabypille?

Der auf einer Party 1951 geäußerte Wunsch, durch eine Pille nicht schwanger zu werden, war der Beginn für Gregory Pincus nach einem Hormon-Cocktail zu forschen. 1960 war dann die Pille erfunden. Audio (03:51 min)

Interviewpartner im Beitrag:

Dr. Matthias Gasthaus
Chefarzt
Ev. Amalie-Sieveking-Krankenhaus
Klinik für Innere Medizin - Kardiologie
Haselkamp 33
22359 Hamburg

Wolfgang Becker-Brüser
Arzt und Apotheker
arznei-telegramm
Berlin
Internet: www.arznei-telegramm.de

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