Sendedatum: 15.01.2013 20:15 Uhr  | Archiv

Krebs: Geheilt, aber nicht gesund

Durch Fortschritte in Diagnostik und Therapie überleben heute viele Krebspatienten die bösartige Erkrankung. 62 Prozent der Frauen und 57 Prozent der Männer haben in den ersten fünf Jahren nach der Erstdiagnose kein Rezidiv (Rückfall) und gelten somit als geheilt. Das sind in Deutschland 1,4 Millionen Menschen. Dazu kommen derzeit 2,1 Millionen, bei denen die Krebserkrankung mehr als zehn Jahre zurück liegt, sogenannte Langzeitüberlebende.

Aber vielen von ihnen geht es nicht gut. Jeder dritte leidet an den Spätfolgen: an den Spätfolgen des Tumors, aber auch an den Spätfolgen der oft aggressiven Behandlung. Operation, Bestrahlung und Chemotherapie haben bleibende Schäden hinterlassen. So kann zum Beispiel eine  Chemotherapie mit Anthrazyklinen Ursache einer Herzschwäche sein, die sich erst Jahre später entwickelt. 

Andere Krebsmedikamente schädigen die Lunge, die Nieren oder den Magen-Darm-Trakt. Auch Operationen und Strahlenbehandlungen können zu Spätfolgen führen. Weitere Langzeitfolgen nach Krebs sind dauerhafte Veränderungen im Blutbild und eine chronische bleierne Müdigkeit, das Fatigue-Synndrom. 

Junge Brustkrebspatientinnen erhalten oft eine langjährige Anti-Hormon-Therapie erhalten und viele leiden dann stark unter den vorgezogenen Wechseljahren. Andere bekommen Aromatasehemmer, die einen Rückfall verhindern, aber häufig zu Gelenkschmerzen und Osteoporose führen.  

Viele Patienten haben psychosoziale Probleme

Nicht zuletzt leben viele Patienten mit der ständigen Angst vor einem Rückfall. Die Belastung kann sogar so weit gehen, dass die Betroffenen nicht mehr arbeitsfähig sind. Rund die Hälfte aller Krebsüberlebenden klagt über psychosoziale Probleme.

Mit diesen vielschichtigen Beschwerden fühlen sich die Patienten dann meist allein gelassen. Für jede Krebsart gibt es zwar für die ersten Jahre detaillierte Nachsorgepläne, doch die konzentrieren sich darauf zu erkennen, ob der Krebs zurückkommt oder nicht. Eine umfassende Langzeit-Nachsorge ist in Deutschland noch weitgehend unbekannt.

Infrastruktur und Bewältigungsstrategien fehlen

Das Gesundheitssystem ist darauf nicht vorbereitet. Neben dem medizinischen und psychologischen Verständnis fehlt es sowohl an der Infrastruktur als auch an Bewältigungsstrategien. Nicht immer können die Beschwerden mit Medikamenten gelindert werden. Die psychoonkologische Betreuung, alternative Behandlungsmethoden wie der Akupunktur zur Therapie des chronischen Fatigue-Syndroms sowie naturheilkundliche Ansätze zur Behandlung von Verdauungsbeschwerden gewinnen zunehmend an Bedeutung.

Daneben ist eine flexible Wiedereingliederung in das Berufsleben von erheblicher Bedeutung für die Zufriedenheit und Leistungsfähigkeit der Betroffenen. Erst allmählich wird den Medizinern klar: den Krebs zu überleben darf nicht das einzige Erfolgskriterium für eine gute Behandlung sein.

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Visite | 15.01.2013 | 20:15 Uhr

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