Stand: 11.07.2013 08:16 Uhr  | Archiv

"Gifte in vielen Produkten des Alltags"

Marike Kolossa ist Toxikologin am Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau/Berlin. Sie arbeitet und forscht dort im Bereich Gesundheit und Hygiene und befasst sich intensiv mit der Schadstoffbelastung des Menschen und den Quellen. Im Gespräch mit NDR.de erklärt sie, welche Kunststoffe besonders gefährlich sind.

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Dr. Marike Kolossa ist Toxikologin beim Umweltbundesamt.

NDR.de: Im Film wird aller Hausrat aus Plastik aus dem Haus verbannt. Muss man so weit gehen?

Marike Kolossa: Die schädlichen Eigenschaften eines Stoffes kommen ja nur dann zum Tragen, wenn eine tatsächliche Belastung des Menschen vorliegt: ohne Exposition keine Wirkung. Für die meisten Weichmacher sind Lebensmittel der wichtigste Aufnahmepfad in den Körper, die Luft in Innenräumen, die Aufnahme über Hausstaub und den Kontakt mit der Haut.

Ist ein Leben ohne Plastik überhaupt möglich?

Kolossa: Plastik hat nicht immer existiert, der Mensch kann also prinzipiell ohne Plastik leben. Der übliche Lebensstil führt aber in jedem Fall zu einem Leben mit Plastik. Es ist zudem heute bei vielen Produkten schwierig, die Geschichte ihrer Herstellung und der genauen Zusammensetzung zu verfolgen. Daher gibt es wahrscheinlich noch mehr Plastikkontakte, derer man sich nicht bewusst ist.

Welche Kunststoffe sind besonders riskant?

Kolossa: Die Phthalate lösen wegen ihrer hormonartigen Wirkung zunehmend Besorgnis aus. Die Weichmacher sind in vielen verbrauchernahen Produkten eingesetzt. Sie machen den harten und spröden Kunststoff Polyvinylchlorid (PVC) elastisch. Phthalate sind häufig in Bodenbelägen, Tapeten, Kunstleder, Verpackungen, Schuhen sowie Sport- und Freizeitartikeln angewendet. Damit ist der Mensch einer ständigen Belastung ausgesetzt. Bei praktisch jedem sind die Weichmacher im Urin nachweisbar.

Auch Bisphenol A gehört zu den Stoffen, bei denen ungünstige Wirkungen auf die Entwicklung von Kindern befürchtet werden. Es wird zu Polykarbonat und Epoxidharzen verarbeitet, die in vielen Produkten unseres täglichen Lebens enthalten sind. Dazu gehören zum Beispiel CD-Hüllen, Gehäuse von elektrischen Geräten wie Handys, Wasserkocher, Kaffeemaschinen oder Computer, Kunststoffflaschen, mikrowellengeeignetes Geschirr, Kunststoffbestecke, Motorradhelme, Lacke, Beschichtungen in Dosen, Klebstoffe. Die Substanz wirkt im Körper unter bestimmten Bedingungen wie das weibliche Sexualhormon Östrogen.

Welche Gesundheitsgefahren drohen?

Kolossa: In Kunststoff sind Substanzen enthalten, von denen man weiß oder befürchtet, dass sie die Fruchtbarkeit oder auch Entwicklung, das Verhalten und den Stoffwechsel stören oder Fettleibigkeit, Diabetes oder Allergien fördern können. In den letzten Jahrzehnten hat Studien zufolge die Fruchtbarkeit von Männern in Deutschland stark abgenommen, gleichzeitig ist die Zahl von Erkrankungen an Hodentumoren gestiegen. Giftstoffe aus Plastik können ein Grund dafür sein.

Gibt es besonders gefährdete Personen?

Kolossa: Phthalate wirken besonders auf die sexuelle Entwicklung. Daher sollen vor allem Kinder und Jugendliche bis zur Pubertät, Schwangere und stillende Mütter vor Belastung geschützt werden. Die fünf am häufigsten eingesetzten Weichmacher sind seit 2007 in Babyartikeln und Spielzeug verboten. Diese Artikel können trotzdem eine Gefahrenquelle sein, wenn sie beispielsweise vor 2007 hergestellt wurden oder zu den Importen gehören, die nicht die EU-Anforderungen erfüllen.

Wie gelangen die Stoffe in den Körper?

Kolossa: Wir nehmen Phthalate über die Nahrung, die Atemluft oder die Haut auf. Bei Babys, die alles in den Mund nehmen, können die Weichmacher sich im Speichel lösen und vom Körper aufgenommen werden. Bei Anwendungen im medizinischen Bereich wie Schläuchen oder Blutbeuteln können Phthalate direkt in die Blutbahn gelangen. Lebensmittel können durch Weichmacher in Plastikverpackungen oder in der Umwelt belastet sein.

Bisphenol A nehmen wir vor allem über die Nahrung auf. Unter bestimmten Bedingungen kann sich die Chemikalie beispielsweise aus der Beschichtung von Konservendosen lösen und in die Nahrung gelangen.

Vielen Verbrauchern sind die Gesundheitsrisiken nicht bewusst. Wird zu wenig aufgeklärt? Wenn ja, wen sehen Sie in der Pflicht?

Kolossa: Das Umweltbundesamt, aber auch andere Behörden im Bereich Umwelt und Gesundheit bieten vielfältige Informationen und Materialien an. Wer Interesse hat, kann sich hier gut informieren.

Das Interview führte Angela Hachmeister, NDR.de

Dieses Thema im Programm:

Die Reportage | 19.07.2013 | 21:15 Uhr

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