Sendedatum: 19.02.2013 20:15 Uhr  | Archiv

Blutegel gegen Gelenkschmerzen

"Hirudo medicinalis" ist der lateinische Name des Süßwasseregels. Er ist etwa fünf bis zehn Zentimeter lang, hat fünf Augenpaare, zwei Mäuler mit je 240 spitzen Zähnen und ernährt sich von Blut. Schon seit Jahrtausenden werden die Tiere erfolgreich in der Medizin eingesetzt. Zwar gerieten sie im vergangenen Jahrhundert etwas in Vergessenheit, doch heute erleben sie eine Renaissance in der modernen Medizin. 

Medizinische Süßwasseregel sind lebende Mini-Apotheken, denn ihr Speichel ist ein Cocktail aus 30 bis 50 Wirkstoffen. Er hemmt die Blutgerinnung, lindert Entzündungen und Schmerzen, erweitert die Gefäße. Besonders bei Gelenkbeschwerden (Arthrose) setzen immer mehr Ärzte und Heilpraktiker auf die Kunst der tierischen Kollegen.

Schmerzlinderung bis hin zur Schmerzfreiheit

Dass sie Spritzen, Pillen und Salben oft überlegen sind, haben sie in mehreren Studien bewiesen: 80 Prozent der Arthrosepatienten und 70 Prozent der Patienten mit einem Tennisellenbogen erfuhren durch die Blutegel eine deutliche Schmerzlinderung bis hin zur Schmerzfreiheit.

Pilotstudie zur Behandlung von Rückenschmerzen gestartet

Wegen des großen Erfolgs bei Gelenkerkrankungen und positiver Erfahrungen in Einzelfällen startet derzeit eine Pilotstudie zur Behandlung von Rückenschmerzen mit Blutegeln. Die Therapie mit den extra für den medizinischen Einsatz gezüchteten Tieren ist denkbar einfach: Die Haut muss frei von Duftstoffen sein, deshalb darf sie vorher nicht mit Seife gewaschen oder eingecremt werden. Der Grund: Die Tiere haben hochsensible Sinnesorgane.  Werden diese durch Gerüche von Seife, Parfüm oder Nikotin gestört, kann es sein, dass der Egel zur Flucht ansetzt und nicht beißt.

Heilsamer Speichel gelangt in die Wunde des Patienten

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Süßwasseregel sind lebende Mini-Apotheken, denn ihr Speichel ist ein Cocktail aus 30 bis 50 Wirkstoffen.

Vier Egel, die zuvor acht Monate hungern mussten, werden auf das schmerzende Gelenk gesetzt. Sie beißen sich fest und saugen bis zu drei  Stunden lang  Blut, bis sie von allein wieder abfallen. Dabei injizieren sie ihren heilsamen Speichel in die Wunde. Er enthält Enzyme wie Hirudin und Calin, die die Gerinnung hemmen, die Blutgefäße weiten und sowohl Entzündungen als auch Schmerzen lindern. Das Gewebe wird gereinigt und von frischem Blut durchströmt.

Die Bisswunden bluten bis zu 24 Stunden nach, oft kommt es schon während oder kurz nach der Therapie zu Juckreiz, Rötungen und Schwellungen. Daher sollte ein steriler, saugfähiger Verband angelegt und die Wunde regelmäßig kontrolliert werden. In seltenen Fällen kann die Behandlung mit Blutegeln Allergien oder Infektionen auslösen, weshalb die Behandlung nur bei einem therapieerfahrenen Heilpraktiker durchgeführt werden sollte.

Krankenkassen zahlen in der Regel stationäre Behandlung

Eine Blutegelbehandlung kostet  etwa 80 bis 120 Euro, bei einer stationären Behandlung übernehmen die meisten Krankenkassen die Kosten, ambulant müssen die Patienten bis auf wenige Ausnahmen selbst zahlen.

Interviewpartner im Beitrag:

Prof. Dr. Andreas Michalsen
Chefarzt der Abteilung für Naturheilkunde  
Immanuel Krankenhaus Berlin
Stiftungsprofessur für klinische Naturheilkunde an der
Charité – Universitätsmedizin Berlin
Königstraße 63
14109 Berlin

Christoph Hohmann
Arzt
Auber Steig 10, 13465 Berlin
Tel. (030) 680 74 201
E-Mail: christoph.hohmann(at)charite.de

Tanja Frei
Heilpraktikerin
Georges-André-Kohn-Straße 16
22457 Hamburg
Tel. (040) 48 50 58 60

Dieses Thema im Programm:

Visite | 19.02.2013 | 20:15 Uhr

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