Sendedatum: 06.08.2012 22:45 Uhr  | Archiv

Bibliotherapie - Heilen mit Literatur?

von Natascha Geier
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Adelheid Liepelt hat langjährige Erfahrungen in kreativem, biografischem und poesietherapeutischem Schreiben.

Adelheid Liepelt ist Poesietherapeutin. Sie arbeitet mit Schwerkranken, aber auch mit Menschen, die sich um Kranke kümmern, wie zum Beispiel ehrenamtliche Sterbehelfer der Hospiz Initiative Kiel. Sie suchen in ihrer Schreibwerkstatt Unterstützung für ihre seelisch belastende Arbeit.

Jede Stunde beginnt mit einem Text. Die Teilnehmer sollen Erinnerungen und Gedanken, die der Text auslöst, aufschreiben. "Es geht darum, welche Gefühle aufs Papier kommen. Es geht um Hoffnung, Trauer, Trost, Zorn und dann einen Ausdruck zu finden und es zu benennen. Es zu benennen in künstlerisch gestalteter Sprache, das ist das Heilende - nicht Alltagssprache, sondern Sprache zu finden in einer bestimmten Form", erläutert Liepelt.

Ein Bewusstseinsprozess, keine Literaturkritik

Was die Teilnehmer geschrieben haben, wird anschließend vorgelesen, aber nicht bewertet. Hier geht es nicht um Literaturkritik, sondern darum, Ängste oder lang Verdrängtes zuzulassen und zu benennen. "In dem Moment, wo es gelesen wird, ist es ein ganz anderer Bewusstseinsprozess, dann wird es noch mal ganz deutlich, dann laufen Tränen, dann bricht die Stimme weg", erzählt Liepelt. "Das ist der eigentlich heilende Prozess in der Poesietherapie: in der Gruppe auf den Text einzugehen - ein Eingehen, die Resonanz der Gruppe, ein Teilen."

Der Beginn der Bibliotherapie

Heilen durch Literatur: Diese Idee entstand in amerikanischen Lazaretten nach dem Ersten Weltkrieg. Um traumatisierten Soldaten zu helfen, gab man ihnen Bücher - als Ablenkung und Trost: der Beginn der Bibliotherapie. In Deutschland hat sich vor allem eine Variante durchgesetzt: die Poesietherapie, das Heilen durch Schreiben.

Ob Literatur tatsächlich heilen kann, ist wissenschaftlich nicht belegt. Zweifelsohne aber können Biblio- oder Poesietherapie dem Einzelnen helfen, mit der eigenen Geschichte Frieden zu schließen. Für die Hospizmitarbeiter ist die Poesietherapie vor allem eine ganz konkrete Hilfe für ihr Leben - und ihre Arbeit, wie Cornelia Lemburg sagt: "Dass ich offener bin, dass irgendein Wort, worüber man sich mit den Sterbenden unterhält, irgendetwas auslösen kann, worüber sie erzählen, worüber sie sprechen möchten. Ich glaube, das hilft mir gut."

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 06.08.2012 | 22:45 Uhr

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