Stand: 07.05.2013 15:15 Uhr  | Archiv

Endlich wieder frei atmen

von Peter Jagla, NDR.de

Eine Atemtherapie verspricht Abhilfe bei Asthma und das komplett ohne Medikamente. Buteyko heißt die alternative Technik, die nach ihrem russischen Erfinder benannt wurde und langsam in Deutschland immer mehr Anhänger findet. Die einzige Ausbilderin für Buteyko-Lehrer in Deutschland wohnt in Cremlingen bei Braunschweig.

Es ist mucksmäuschenstill. Silvia Smolka schaut in die Runde und setzt sich aufrecht auf ihren Stuhl. Sie ist hoch konzentriert, schließt ihre Augen und drückt mit der linken Hand ihre Nasenlöcher zu. Mit der rechten startet sie die kleine viereckige Stoppuhr, die sie in der Hand hält. Auch Gian Carlo Brunetti aus Wolfsburg und Andreas Scholze aus Hannover sind jetzt so weit. Sie halten sich die Nase zu und starten ihre Stoppuhren. Niemand sagt etwas. Auch nicht die anderen Frauen, die im Halbkreis sitzen.

Einfach mal weniger atmen

"So", schließlich sagt Smolka dann doch etwas, als das kurze Piepgeräusch vom Anhalten der Stoppuhren immer öfter erklingt, "wenn ihr eure Zeit notiert habt, dann messen wir noch einmal den Puls." Die Buteyko-Lehrerin, die selbst neue Lehrer ausbildet, ist zufrieden. Die sieben Teilnehmer des Kurses machen Fortschritte. Schon nach wenigen Übungen merken alle positive Veränderungen - obwohl sie weniger atmen. Sie sind hier, weil sie Beschwerden haben. Die meisten haben Asthma, andere sind hier, weil sie stressbedingt mit Problemen kämpfen.

Buteyko - die alternative Asthma-Therapie

Weniger Atmen ist mehr

Es klingt fast paradox: Asthmatiker, die Panik kriegen, weil sie nicht genug Luft bekommen, sollen weniger atmen. Doch der Trick hinter der Methode ist simpel: weniger Atmung bedeutet weniger Sauerstoff im Blut und das wiederum bedeutet, dass die Bronchien sich erweitern. Der gleiche Effekt tritt ein, wenn man ein Asthma-Spray benutzt. Durch die Übungen sollen die Teilnehmer einen Luftwunsch verspüren und aktiv versuchen, ihre Atmung zu kontrollieren.

"Ich habe nie wieder ein Spray nutzen müssen"

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Ziel der Asthma-Patienten soll es sein, weniger zu atmen.

Silvia Smolka erklärt gerade eine neue Übung: Die Teilnehmer sollen sich bunte Federn an die Nase halten und versuchen, ganz flach zu atmen. "Aus den Augenwinkeln beobachtet Ihr die Feder. Die soll sich möglichst nicht bewegen", sagt die zweifache Mutter, die früher selbst an Asthma litt. 1999 waren die Beschwerden so groß, dass sie verzweifelt im Internet nach alternativen Lösungen suchte und über Buteyko stolperte. Die Methode war damals vor allem in Australien und Neuseeland bekannt. Smolka machte ein Seminar in England. "Sofort habe ich gemerkt, dass es mir besser ging. Mein Asthma-Spray habe ich seitdem nie wieder benutzt." Mittlerweile würde bei ihr Asthma nicht einmal mehr nachgewiesen werden. Auch Kortison muss die gelernte Mikrobiologin seitdem nicht mehr nehmen.

"Eine gute Komplementär-Lösung"

Dass Buteyko komplett von Medikamenten befreit, daran glaubt Michael Barczok nicht. Der Lungenarzt und Vorsitzende des Bundesverbandes der Pneumologen ist dennoch fasziniert von der Methode. Lungenärzte müssten viel offener für solche Methoden sein und sie öfter verschreiben. Auch der Nürnberger Chefarzt Prof. Heinrich Worth kennt Buteyko. Als Schulmediziner sollte man "solche Methoden nicht verteufeln. Im Gegenteil muss man offen für sie sein, denn neue Studien belegen die Wirksamkeit sehr gut." Das Problem sei, dass die Studien eher kleine Fallzahlen hätten, weil keine großen Pharmakonzerne als Geldgeber für die teuren Studien gefunden werden können. Wohl auch, weil durch die Methode weniger Medikamente eingenommen werden müssen. Noch wird die Therapie nur in Einzelfällen von Krankenkassen übernommen. "Ich halte es aber für sehr wahrscheinlich, dass sich dies bald ändern wird", so Worth weiter, der Buteyko für eine der besten Atemtechniken hält, die es gibt.

Alle Menschen sollen von Buteyko erfahren

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Während die Teilnehmer ein "Atemgedicht" rezitieren, dürfen sie nur durch die Nase atmen.

Mittlerweile geht Silvia Smolka mit ihren Teilnehmer unkoordiniert durch den Raum. Sie alle zitieren ein Atemgedicht - und dürfen dabei nur durch die Nase atmen. "Das Schöne ist, dass man die meisten Übungen einfach so nebenbei machen kann und selbst in Eigeninitiative etwas für seine Gesundheit tun und gleichzeitig die Medikamenteneinnahme stark reduzieren kann", sagt Smolka. Heute am Welt-Asthma-Tag freut sie sich über das immer größer werdende Interesse an der Methode. "Trotzdem sollten es noch mehr Menschen wissen", so ihr Wunsch. Dann könne jeder selbst entscheiden, ob er es einmal ausprobieren will - oder nicht.

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/ratgeber/gesundheit/asthma125.html