Stand: 23.06.2015 14:24 Uhr

Krank durch zu viele Pillen

Die meisten älteren Menschen sind auf Medikamente angewiesen. So nehmen mehr als die Hälfte aller Menschen über 65 täglich fünf verschiedene Medikamente ein, zwölf Prozent sogar zehn verschiedene Arzneimittel. Die Mehrheit der verordneten Medikamente kommt aus der Gruppe der Medikamente gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen (zum Beispiel Blutdrucksenker oder Blutverdünner), Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes sowie gegen Schmerzen und neuropsychiatrische Erkrankungen wie Schlafstörungen oder Depressionen.

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Zu viele Medikamente schaden der Gesundheit

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Viele Senioren sind auf Arzneimittel angewiesen. Sie nehmen täglich mehrere Medikamente gleichzeitig ein. Ein Risiko mit unabsehbaren Folgen, mahnen Experten.

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Medikamente wirken im Alter stärker

Mit der Anzahl der Medikamente nehmen auch unerwünschte Wirkungen und Wechselwirkungen der einzelnen Präparate zu. Manche Arzneimittel vertragen sich aufgrund ihres ähnlichen Nebenwirkungsspektrums nicht, da sie sich verstärken. In anderen Fällen hemmen sich Medikamente untereinander in ihrem Abbau. Zudem wirken Medikamente bei älteren Menschen stärker als bei jungen, denn die Empfindlichkeit des Organismus gegenüber Medikamenten nimmt mit dem Alter zu. Im Rahmen des normalen Alterungsprozesses verändern sich nicht nur der Wasser- und Fettanteil, sondern auch die Organfunktionen von Leber und Nieren. Sie sind maßgeblich für die Verstoffwechslung und den Abbau von Medikamenten verantwortlich.

Der Körper junger Menschen besteht zu etwa 20 Prozent aus Fett und zu etwa 50 bis 60 Prozent aus Wasser. Bei Frauen ist der Fettanteil etwas höher. Unabhängig vom Geschlecht nimmt der Fettanteil mit zunehmendem Alter auf bis zu 30 Prozent zu. Der Anteil des Gesamtkörperwassers dagegen verringert sich auf 30 bis 40 Prozent. Medikamente, die sich im Fettgewebe anreichern, wirken daher bei alten Menschen länger. Umgekehrt werden bei Medikamenten, die sich vor allem im Körperwasser verteilen, schneller hohe Medikamentenspiegel erreicht. Daher empfehlen Experten die Dosis beim Arzt altersabhängig anzupassen: Ab dem 65. Lebensjahr sollte sie um zehn Prozent und am dem 75. Lebensjahr um 20 Prozent reduziert werden.

Individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung wichtig

Hilfe dabei bietet die sogenannte Priscus-Liste. Sie nennt 83 Wirkstoffe, die für über 65-Jährige potenziell ungeeignet sind. Das Wort "Priscus" stammt aus dem Lateinischen und steht für "altehrwürdig". Das bedeutet allerdings nicht, dass diese Medikamente von Älteren unter gar keinen Umständen eingenommen werden sollten. Der Einsatz sollte aber vom Arzt kritisch hinterfragt werden und eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung getroffen werden.

Videos
04:18 min

Zu viele Medikamente gefährlich: Experteninterview

23.06.2015 20:15 Uhr
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Kann man selbst erkennen, dass Medikamente Schuld an Beschwerden sind? Dr. Olaf Krause im Interview mit Moderatorin Vera Cordes. Video (04:18 min)

Mediziner gehen davon aus, dass bis zu zehn Prozent aller Krankenhauseinweisungen von älteren Menschen auf schwere Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten zurückzuführen sind. Bis zu zwei Drittel davon könnten ihrer Meinung nach vermieden werden, wenn die Medikation altersentsprechend verschrieben werden würde.

Medikamente werden oft nicht richtig eingenommen

Ein weiteres Problem: Viele Ältere sind bei verschiedenen Ärzten in Behandlung und bekommen so unterschiedliche Medikamente, von denen der jeweils andere behandelnde Arzt nichts weiß. Eine zentrale Rolle kommt dabei dem Hausarzt zu: Er muss den Überblick über die verschriebenen Arzneimittel behalten, denn er kennt den Patienten und seine Erkrankungen am besten. Und er kann auch Tipps zur richtigen Einnahme geben. Experten schätzen, dass rund die Hälfte aller Medikamente nicht richtig eingenommen wird. Tabletten sollten zum Beispiel nicht mit Tee, Kaffee, Milch oder Säften geschluckt werden. Grapefruitsaft kann beispielsweise die Wirkung von Arzneimitteln lebensgefährlich verstärken. Am besten ist es, Medikamente grundsätzlich nur mit Leitungswasser einzunehmen. Dabei müssen oft unbedingt Abstände eingehalten werden, zum Beispiel zwischen Antibiotika und Magensäurehemmern.

Hinweis:

Patienten sollten Medikamente nicht ohne Rücksprache mit ihrem Arzt absetzen. Dies könnte lebensgefährlich sein. Nur der Arzt kann beurteilen, welche Medikamente in welcher Kombination genommen werden müssen und welche Alternativen es gibt!

Weitere Informationen

"Fast alle Schmerzmittel belasten die Leber"

Warum sollte man Medikamente nicht mit Grapefruitsaft einnehmen? Wie finde ich im Internet Informationen zu Medikamenten-Nebenwirkungen? Dr. Olaf Krause gibt Antworten im Chat. mehr

Interviewpartner

Im Studio:
Dr. Olaf Krause
Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Geriatrie, Diabetologie
Stellvertretender Lehrverantwortlicher Geriatrie
Oberarzt Institut für Allgemeinmedizin
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Straße 1, 30625 Hannover
Tel. (0511) 532 49 96
E-Mail: krause.olaf@mh-hannover.de
Oberarzt  des Zentrums für Medizin im Alter
Henriettenstiftung, Diakonische Dienste Hannover
Schwemannstraße 19
30559 Hannover
Tel. (0511) 289 33 41
E-Mail: olaf.krause@ddh-gruppe.de
Internet: www.geriatrie-hannover.de

Im Beitrag:
Prof. Dr. Klaus Hager
Internist
Diakoniekrankenhaus Henriettenstiftung
Schwemannstraße 19
30559 Hannover
Tel. (0511) 289 32 22
Fax: (0511) 289 30 04
E-Mail: geriatrie.dkh@ddh-gruppe.de

Prof. Dr. Wolfgang von Renteln-Kruse
Facharzt für Innere Medizin und Klinische Geriatrie
Chefarzt der Medizinisch-Geriatrischen Klinik
Zentrum für Geriatrie und Gerontologie
Albertinen-Haus
Sellhopsweg 18-22
22459 Hamburg
Internet: www.albertinen.de

Dr. Karl-Christian Münter
Facharzt für Allgemeinmedizin/Phlebologie
Gemeinschaftspraxis Bramfeld
Bramfelder Chaussee 200
22177 Hamburg
Tel. (040) 641 78 76
Fax: (040) 642 41 00
Internet: www.gemeinschaftspraxis-bramfeld.de

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