Stand: 13.01.2017 17:00 Uhr

Wieso Schlafmittel so gefährlich sind

Viele Menschen gehen ins Bett und sind, fast noch bevor ihr Kopf das Kissen berührt, eingeschlafen. Andere wälzen sich im Bett ewig hin und her oder wachen in der Nacht mehrmals auf. Ungefähr jeder dritte Deutsche hat Probleme damit, ein- oder durchzuschlafen. Die scheinbar einfache Lösung: Schlafmittel vom Arzt. Doch sowohl Patienten als auch Ärzte unterschätzen oft, wie schnell die Medikamente abhängig machen können.

Schematische Darstellung zweier Nervenenden zwischen denen ein Schlafmittel wirkt. © NDR / D|14Film

Schlafmittel: Künstliche Signalverstärker

45 Min -

Botenstoffe sorgen normalerweise dafür, dass wir einschlafen. Reichen die natürlichen Signale des Körpers nicht aus, verstärken Schlafmittel sie medikamentös.

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Weit mehr als eine Millionen Menschen in Deutschland sind von Schlafmitteln abhängig. "Zwei Drittel der Abhängigen sind Frauen über 65", erläutert Gerd Glaeske, Arzneimittelversorgungsforscher." Die Dunkelziffer der Schlafmittelabhängigen ist jedoch weit größer, denn die meisten sprechen nicht über ihre Sucht. Einige lassen sich die Tabletten auch auf Privatrezept verschreiben. Ärzte umgehen damit unangenehme Überprüfungen der gesetzlichen Krankenkassen. In deren Statistiken tauchen diese Verschreibungen gar nicht mehr auf.

Keine echte Linderung der Schlafstörung

Die Hauptwirkstoffgruppen der gängigsten Schlafmittel sind die sogenannten Z-Substanzen - Zaleplon, Zolpidem und Zopiclon - sowie die noch weit häufiger eingenommenen Benzodiazepine. Vordergründig verschaffen die Arzneimittel eine Linderung des Problems: Die Arzneimittel wirken angstlösend, beruhigend, muskelentspannend und krampflösend, denn sie verstärken die natürlichen Signale des Gehirns zum Herunterfahren und Einschlafen. Doch dieser künstlich herbeigeführte Zustand lässt das Gehirn im Schlaf nicht normal arbeiten. Es gibt zum Beispiel weniger Tiefschlafphasen, die für die körperliche Erholung wichtig sind.

  • Patienten beschreiben ihre Schlafmittelsucht

    "Man denkt am Ende fast nur noch an die Schlaftabletten, weil man ja Ruhe haben will, aber irgendwann kommt die Unruhe wieder. Die ist ja nicht weg, sondern kommt tagsüber mit geballter Ladung. Und dann denkst du: Wenn ich jetzt mein Zoplicon hab', mein Tavor, kann ich endlich wieder schlafen, dann habe ich Ruhe. Doch du wachst immer schneller auf: erst nach sechs oder sieben Stunden, dann nach drei Stunden. Was machst du? Du legst nach.“

    Schilderungen eines schwer von Schlaf- und Beruhigungsmitteln abhängigen Patienten.

  • Eine Betroffene warnt: "Das ist ein richtiger Kreislauf: Die Angst, dass man nicht wieder einschläft. Und dann nimmt man eine Schlaftablette. Das ist wirklich das Allerletzte, was man machen sollte." Von den Schlaftabletten war die 78-jährige Rentnerin schon nach ein paar Wochen abhängig. Der Entzug war quälend und dauerte zwei Monate. "Ich hatte starke Entzugserscheinungen. Ich kam gedanklich nicht mehr auf die einfachsten Dinge. Da dachte ich: 'Das geht ja gar nicht!' Schließlich bekam ich regelrecht Angst, als ich mit dem Auto unterwegs war und ich überlegte: 'Wie kommst du jetzt von hier an eine bestimmte Straße?' Da habe ich dann gedacht: 'Jetzt reicht’s!' Das war eine richtige innerliche Vergiftung."

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Schon nach wenigen Wochen droht bei diesen Arzneimitteln eine Abhängigkeit - schneller als bei Alkohol. Denn die Nerven gewöhnen sich an das medikamentös verstärkte Signal des Gehirns. Die körpereigenen Botenstoffe reichen dann nicht mehr aus, um ein- und durchschlafen zu können. Teilweise verkehrt sich die eigentliche Wirkung der Beruhigung sogar ins Gegenteil und die Medikamente machen unruhig und psychisch instabil. Um eine Gewöhnung zu verhindern, sollten Z-Substanzen und Benzodiazepine für maximal zwei Wochen verschrieben werden.

Warnzeichen für die Entwicklung einer Abhängigkeit:

  • Verordnung von Benzodiazepinen und Z-Substanzen über Monate oder gar Jahre
  • Patienten brauchen die Medikamente, um den Alltag zu bewältigen
  • Patienten nehmen die Medikamente weiter ein, obwohl der akute Anlass nicht mehr besteht
  • Probleme bei der Dosisreduzierung
  • Auftreten von Angstsymptomen, Anspannung oder Unruhe bei kurz wirkenden Benzodiazepinen
  • Aufsuchen mehrerer Ärzte, um weitere Rezepte zu erhalten
  • Patienten machen sich Sorgen, kein Rezept mehr zu bekommen
  • Vorsorgliche Einnahme, um einer Belastungssituation am nächsten Tag gewachsen zu sein
  • Eigenmächtige Dosiserhöhung
  • Angstsymptome, Panikattacken, Schlafstörungen trotz Einnahme der Medikamente

Gravierende Nebenwirkungen - gerade bei älteren Menschen

Insbesondere bei älteren Menschen zeigen sich drastische Folgen, wenn sie Schlafmittel über einen längeren Zeitraum nehmen, wie Arzneimittelversorgungsforscher Gerd Glaeske schildert: "Die Dosierung wird im Körper angehäuft. Das heißt, dass man träger wird und nur noch verwaschen sprechen kann. Auch die Aufmerksamkeit wird geringer und die Kommunikationsfähigkeit lässt nach. Insgesamt sinkt die soziale Kompetenz." Studien zeigten zudem, dass Personen, die regelmäßig Schlafmittel einnehmen, eineinhalbmal häufiger an Alzheimer erkranken als andere. "Wenn man all das zusammen nimmt, dann ist die Abhängigkeit nicht ein Phänomen, das man einfach ertragen kann, sondern eine Situation, die zu vielen anderen Folgeerscheinungen führt. Das sollte man gerade älteren Menschen möglichst ersparen", findet der Pharmakologe.

Schlafmittel helfen nicht gegen die eigentlichen Ursachen der Schlafstörung

Schlafstörungen sind in der Regel nur Anzeichen für andere gesundheitliche Probleme. Was sich Betroffene deshalb bewusst machen müssen: "Weder die Benzodiazepine noch die Z-Substanzen heilen eine einzige psychische Erkrankung. Sie unterdrücken nur Krankheitssymptome", sagt der Psychiater Dr. Rüdiger Holzbach und erklärt das mit einem Bild: "Das wäre so, als hätten Sie eine eitrige Wunde und würden ständig Schmerzmittel einnehmen. Dann schmerzt Sie die Wunde zwar nicht, aber sie wird dadurch auch nicht heilen. Und so ist es eben auch mit den Benzodiazepinen und den Z-Substanzen."

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Der Arzt und Suchtexperte sieht zudem ein "deutliches Wissensdefizit im ärztlichen Bereich". Seine Patienten in der Psychiatrischen Klinik Arnsberg würden ihm häufig berichten, "dass Kolleginnen und Kollegen bei der Erstverschreibung nicht ausführlich darüber aufklären, dass diese Art von Medikamenten abhängig machen. Und gerade bei den sogenannten Z-Substanzen glauben heute noch viele Ärzte, was damals bei Einführung der Präparate propagiert worden ist: nämlich, dass die überhaupt nicht abhängig machen." Das macht so manchen Arzt offenbar recht unbefangen im Umgang mit diesen Medikamenten. Medikamentenspiegel werden viel zu selten erstellt. Damit hätten Ärzte einen besseren Überblick über sämtliche Arzneimittel, die ihre Patienten einnehmen.

Wege aus der Sucht

Bis zu einem halben Jahr kann es dauern, dass eine Medikamentenabhängigkeit überwunden ist. In der Klinik für Psychiatrie Arnsberg verfährt der Suchtexperte Dr. Rüdiger Holzbach zum Beispiel so, dass die Medikamente in flüssiger Form verabreicht werden. So können sie Tropfen für Tropfen über Monate hinweg ausgeschlichen werden. Das hilft vielen Patienten bei ihrem Entzug.

Grundsätzlich gilt: Schlafmittel wie Z-Substanzen und Benzodiazepine sollten immer nur kurzfristig für eine Übergangszeit eingesetzt werden. Parallel dazu müssen alternative Wege gefunden werden, Ängste und Stress abzubauen: Verhaltenstherapie, Entspannungstechniken und Sport sind dafür gut geeignet. Liegt eine gravierendere psychische Erkrankung zugrunde, sollten die Betroffenen einen Psychiater aufsuchen.

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Dieses Thema im Programm:

45 Min | 16.01.2017 | 22:00 Uhr

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Sucht auf Rezept

16.01.2017 22:00 Uhr
45 Min

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