Stand: 27.01.2015 12:37 Uhr  | Archiv

Was tun bei Gicht?

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Das Großzehen-Grundgelenk ist häufig bei Gicht betroffen.

Gicht ist eine Erkrankung, die schon seit Jahrtausenden bekannt ist. Während sie früher als eine Erkrankung der Reichen und Adeligen galt, ist sie heute in allen Bevölkerungsschichten verbreitet. Etwa 80 Prozent der Gichtpatienten sind Männer. Die Krankheit tritt meist zwischen dem 40. Und 60. Lebensjahr auf. Frauen erkranken in der Regel erst nach dem Einsetzen der Wechseljahre.

Harnsäure im Ungleichgewicht

Gicht (Hyperurikämie) ist eine Stoffwechselerkrankung, bei der sich zu viel Harnsäure im Blut ansammelt. Die Ursache ist ein Ungleichgewicht zwischen der Bildung und der Ausscheidung der Harnsäure über die Nieren. Übersteigt der Harnsäurespiegel im Blut eine gewisse Konzentration, bilden sich Kristalle. Diese lagern sich in Gelenken, Haut und Nieren ab und führen zu einer Entzündungsreaktion.

Harnsäure entsteht bei dem Abbau von Purinen. Diese werden zum einen vom Körper selbst gebildet und zum anderen mit der Nahrung zugeführt. Besonders purinreich sind Innereien, Fleisch und Wurstwaren sowie einige Fischsorten (Hering, Sprotten, Sardellen, Lachs), Hummer und Miesmuscheln. Aber auch Hülsenfrüchte wie Linsen, Bohnen und Erbsen enthalten große Mengen an Purinen.

In den meisten Fällen ist eine Kombination aus einer erhöhten Purinaufnahme über die Nahrung, einer erhöhten Harnsäureproduktion aus körpereigenen Zellen und einer gestörten Harnsäure-Ausscheidung über die Niere die Grundlage für die Entstehung einer Gicht. Bei vielen Gichtpatienten liegt zudem eine erbliche Veranlagung vor. Dennoch sind es in der Regel äußere Faktoren, die einen akuten Gichtanfall auslösen. Hierzu zählen insbesondere üppige Mahlzeiten und reichlicher Alkoholgenuss. Aber auch strenge Diäten oder Fastenkuren, körperlicher Stress durch ungewohnte Anstrengungen, Verletzungen oder Infektionen können einen Gichtanfall provozieren.

Gichtanfall meist ohne Vorwarnung

Ein akuter Gichtanfall tritt fast immer ohne Vorwarnung auf. Typischerweise kommt es dabei zu einer extrem schmerzhaften Schwellung des Großzehen-Grundgelenks. Seltener sind die Hände betroffen. Die Schmerzen treten in der Regel nachts oder in den frühen Morgenstunden auf. Das Gelenk ist geschwollen, gerötet und so stark berührungsempfindlich, dass sogar die Auflage der Bettdecke unangenehm ist. Begleitend kann Fieber auftreten. Der akute Zustand kann mehrere Stunden bis hin zu Tagen anhalten, wenn keine zielgerichtete Therapie eingeleitet wird. Dauerhaft erhöhte Harnsäurewerte können unbehandelt zu schweren Gelenkdeformationen führen. Die Harnsäurekristalle können sich allerdings nicht nur in Gelenken, sondern auch in Organen wie Herz oder Niere ablagern. Hier können sie irreversible Schäden verursachen.

So wird die Diagnose gestellt

Die Diagnose eines akuten Gichtanfalls lässt sich in den meisten Fällen bereits anhand der charakteristischen Beschwerden stellen. Im Rahmen einer Blutuntersuchung kann der aktuelle Harnsäurespiegel im Körper bestimmt werden. Bei Werten über 6,5 Milligramm Harnsäure pro Deziliter Blut kann es zur Auskristallisierung kommen. Allerdings sind die Werte in einem akuten Anfall nicht immer erhöht, sodass wiederholte Harnsäure-Messungen aussagekräftiger sein können. Typischerweise sind jedoch die Entzündungszeichen (SRP, Leukozyten) im Blut während eines akuten Gichtanfalls deutlich erhöht. In unklaren Fällen kann durch eine Gelenkpunktion Gelenkwasser gewonnen und unter dem Mikroskop auf das Vorliegen von Harnsäurekristallen untersucht werden. Bei einer fortgeschrittenen Gicht lassen sich typische Gelenkveränderungen im Röntgenbild nachweisen.

Schmerzmedikamente in der Akutphase

Die Behandlung eines akuten Gichtanfalls erfolgt mit entzündungshemmenden Schmerzmedikamenten, sogenannten nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR), Kortison und Colchicin. Bei Colchicin handelt es sich um ein Zellgift, das der Natur in Herbstzeitlosen vorkommt. Aufgrund seines Nebenwirkungsspektrums darf es nie ohne die Kontrolle eines Arztes eingenommen werden. Außerdem sollte das betroffene Gelenk hoch gelagert und gekühlt werden.

Nach der akuten Phase ist das Ziel der Behandlung, den Harnsäurespiegel im Blut dauerhaft zu senken. Neben der medikamentösen Therapie mit Allopurinol, das die Bildung von Harnsäure unterdrückt oder Febuxostat, das den Harnsäureabbau beschleunigt, steht dabei insbesondere eine Umstellung der Ernährungsgewohnheiten auf eine purinarme Kost im Vordergrund. Dabei ist zu beachten, dass der Puringehalt von Lebensmitteln auch durch die Lagerung, die Zubereitung und Verarbeitung beeinflusst wird. So erhöht gelagertes Fleisch den Harnsäurespiegel im Blut stärker als frische Produkte. Generell ist es besser, Lebensmittel zu kochen als zu braten. Da beim Kochen ein Teil der Purine ins Kochwasser übergeht, kann sich der Puringehalt der verwendeten Lebensmittel um bis zu 20 Prozent reduzieren.

Auf Alkohol verzichten

Alkohol hemmt die Ausscheidung von Harnsäure und erhöht somit die Harnsäurekonzentration im Blut. Bier enthält zudem eine nicht unerhebliche Menge an Purinen. Gichtpatienten sollten daher auf Alkohol verzichten aber auf eine ausreichende Trinkmenge von zwei bis drei Litern Wasser oder Tee pro Tag achten. Zur leichteren Orientierung geben spezielle Nährstofftabellen den Puringehalt von Lebensmitteln an. Gichtkranke sollten nicht mehr als 500 Milligramm Harnsäure pro Tag und nicht mehr als 3.000 Milligramm pro Woche zu sich nehmen.

Da Übergewicht ein entscheidender Risikofaktor für die Hyperurikämie ist, sollte eine Gewichtsabnahme Bestandteil jeden Therapiekonzeptes sein. Hierbei gilt es, das Übergewicht langsam durch eine kalorienreduzierte und purinarme Ernährung mit Gemüse, Obst und Milchprodukten sowie viel Bewegung zu reduzieren. Strenges Fasten und Radikaldiäten sind dagegen kontraproduktiv und können einen akuten Gichtanfall provozieren.   

Weitere Informationen

"Medikamente können Gicht begünstigen"

Wie lange dauert üblicherweise ein Gichtanfall? Welche Medikamente oder Lebensmittel begünstigen Gicht? Diese und weitere Fragen hat Rheumatologe Dr. Harten im Chat beantwortet. mehr

Interviewpartner

Im Studio:
Dr. Pontus Harten
Internistische Rheumatologie
Sophienblatt 1
24103 Kiel
Internet: www.rheumapraxiskiel.de

Im Beitrag:
Dr. Frank Lange-Wühlisch
Internist
Klosterstraße 7
23858 Reinfeld
Tel. (04533) 16 19
Fax (04533) 79 12 16
Internet: www.aerztehaus-reinfeld.de

Dr. Markus Jäger-Rosiny
Facharzt für Allgemeinmedizin, Tropenmedizin, Palliativmedizin
Gesundheitszentrum Winsen
Hausärzte im Zentrum, Praxisgemeinschaft
Marktstraße 17-19
21423 Winsen/Luhe
Tel. (04171) 60 70 60
Fax: (04171) 607 06 66
Internet: www.gesundheitszentrum-winsen.de/partner/hausaerzte-im-zentrum

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Visite | 27.01.2015 | 20:15 Uhr

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