Stand: 20.05.2014 20:15 Uhr  | Archiv

Viele Amputationen könnten verhindert werden

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Amputation - betroffen sind vor allem Patienten mit Durchblutungsstörungen oder Gefäßverschlüssen und Diabetiker.

In Deutschland leiden nach Schätzungen von Experten etwa vier Millionen Menschen an Problemwunden. Typischerweise treten solche Wunden an den Füßen oder Beinen auf. Oft führen diese nicht heilenden Wunden zur Amputation der betroffenen Gliedmaßen. So verlieren in Deutschland etwa 40.000 Diabetiker jedes Jahr Teile ihres Beines, denn es dauert im Schnitt ein Jahr, bis Patienten mit offenen Problemwunden eine spezielle Therapie erhalten. Nach Schätzungen von Experten ließen sich bis zu 80 Prozent dieser Amputationen durch rechtzeitige und qualifizierte Maßnahmen verhindern.

Wer ist besonders betroffen?

Die Ursachen von Wundheilungsstörungen sind vielfältig: Insbesondere ältere und abwehrgeschwächte Menschen haben ein erhöhtes Risiko für chronische Wunden. Besonders häufig treten Wundheilungsstörungen bei Patienten mit Durchblutungsstörungen der Beine im Rahmen einer peripheren arteriellen Verschlußkrankheit (pAVK) auf und auch Diabetiker sind betroffen. Gerade Diabetiker können ihre Füße aufgrund von Nervenschädigungen im Rahmen einer sogenannten diabetischen Polyneuropathie nicht mehr richtig spüren. Kleine Verletzungen bleiben so unbemerkt und können sich zu chronischen, schlechtheilenden Wunden entwickeln.

Durchblutung wichtig für die Heilung

Die Heilung einer Wunde ist ein komplexer Vorgang. Verschiedene Prozesse führen dazu, dass unterschiedliche Zellen und Signalstoffe das verletzte Gewebe ersetzen und die Wunde verschließen. Die Grundvoraussetzung für einen reibungslosen Heilungsprozess ist eine ausreichende Durchblutung und Sauerstoffversorgung der Wunde. 

Die Therapie chronischer Wunden richtet sich zum einen nach dem Zustand der Wunde und zum anderen nach der zugrundeliegenden Erkrankung. Daher gilt es bei Diabetikern eine gute Blutzuckereinstellung zu erreichen. Sind die Durchblutungsstörungen auf Gefäßerkrankungen zurückzuführen, kann möglicherweise eine Operation mit der Transplantation von Venen die Durchblutung verbessern. Prinzipiell ist es wichtig, eine Wunde gründlich zu reinigen und so von Fremdkörpern, Zellresten und Keimen zu befreien.

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Amputation verhindern

Informationen, Ratgeber und Kontakt. extern

Bei entzündeten Wunden sollte vor der Behandlung mit Antibiotika grundsätzlich ein Wundabstrich erfolgen. Dadurch werden die Keime in der Wunde bestimmt, um so eine zielgerichtete antibiotische Therapie zu beginnen.

Hämoglobinspray - neue Therapieoption

In vielen Krankenhäusern gibt es mittlerweile speziell ausgebildete Krankenschwestern und -pfleger, die sich um die Versorgung chronischer Wunden kümmern. Im ambulanten Bereich fehlen solche Spezialisten dagegen häufig. Auch werden die Kosten für die spezialisierte Therapie oft nicht von den Krankenkassen übernommen.

Ein neuer und erfolgversprechender Therapieansatz ist das Hämoglobinspray. Das Wundspray enthält Hämoglobin - der Stoff der roten Blutkörperchen. Das Hämoglobin bindet Sauerstoffmoleküle. Da fast allen chronischen Wunden ein Sauerstoffmangel zugrunde liegt, führt eine Erhöhung des Sauerstoffgehaltes in der Wunde zu einer deutlich verbesserten Wundheilung. Bei über 90 Prozent der damit behandelten Wunden konnte eine komplette Abheilung erreicht werden. Die Kosten von circa 120 Euro im Monat müssen Betroffene jedoch selbst zahlen.
Alternativen zu dieser Behandlung sind auch die Vakuum-Therapie und die Elektrotherapie (Elektrostimulation).

Tipps für Menschen mit Diabetes:

- Mindestens einmal im Jahr die Füße von Hausarzt oder Diabetologen untersuchen lassen
- Immer geeignetes Schuhwerk tragen
- Scharfe Gegenstände wie Scheren sind für die Füße tabu
- Hitze (zum Beispiel Wärmflasche) vermeiden
- Wenn eine Wunde nicht innerhalb von zwei Wochen abheilt, sofort einen Arzt aufsuchen
- Nie barfuß oder auf Socken laufen
- Beim Arzt erfragen, welche Sport sinnvoll ist
Quelle: Aktion "Amputation verhindern"

Interviewpartner

Im Studio und Beitrag:
Prof. Dr. Matthias Augustin, Facharzt für Dermatologie und Venerologie
Direktor des Instituts für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52
20246 Hamburg
Tel. (040) 741 05 54 28
E-Mail: m.augustin@uke.de

Im Beitrag:

Dr. Dirk Hochlenert
Facharzt für Innere Medizin, Diabetologe
Zentrum für Diabetologie, Endoskopie und Wundheilung
Gemeinschaftspraxis Schlotmann - Hochlehnert - Zavaleta - Haberstock am St. Vinzenz-Krankenhaus
Merheimer Straße 217
50733 Köln
Tel. (0221) 973 16 10
Fax: (0221) 97 31 61 20

Anke Altrichter
Krankenschwester und Wundexpertin nach ICW
Hanse-Care
GesundheitsGmbH Deutschland (GHD)
Fritz-Reuter-Straße 2
22926 Ahrensburg
E-Mail: a.altrichter@gesundsgmbh.de

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Visite | 20.05.2014 | 20:15 Uhr