Sendedatum: 10.02.2014 21:00 Uhr  | Archiv

Übersäuerung: Wie sinnvoll sind Basenpulver?

von Rieke Sprotte
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Wundermittel Basenpulver? Sie sollen eine Übersäuerung verhindern - aber das kann der Körper in der Regel selbst.

In Gesundheitsforen, Frauenzeitschriften und Büchern klingen die möglichen Folgen einer Übersäuerung fatal: Leistungsabfall und Konzentrationsstörungen, Gicht, Rheuma, Darmerkrankungen und sogar Krebs. Die vermeintlich gute Lösung in solchen Fällen: Basenpulver, erhältlich in Apotheken, Drogerien, Reformhäusern und über das Internet. Es soll den Körper vor einer Übersäuerung schützen. Aber stimmt das? Markt nimmt verschiedene Basenpulver unter die Lupe.

Was ist Übersäuerung?

Die Theorie der chronischen Übersäuerung entstand bereits Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie geht davon aus, dass überschüssige Säuren, die Menschen mit der Nahrung aufnehmen, überwiegend im Bindegewebe gespeichert werden. Dort binden die Säuren basische Mineralien aus den Knochen und bilden Salze, das Knochengewebe nimmt Schaden. Soweit die Theorie.

Deren Verfechter raten vor allem von eiweißreichen Lebensmitteln wie Fleisch, Fisch, Käse und Eiern ab, aber auch von Süßigkeiten und Weißmehlprodukten. Sie sollen angeblich eine Übersäuerung im Körper hervorrufen. Fakt ist, dass auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, weniger Fleisch und Fett, dafür mehr Gemüse und Obst zu essen. Mit Übersäuerung hat das allerdings nichts zu tun. Vielmehr gehören diese Lebensmittel auf einen ausgewogenen Speiseplan. Auch wenn viele Menschen daran glauben - einen wissenschaftlichen Beweis gibt es für die Übersäuerungstheorie bislang nicht.

Azidose - die echte Übersäuerung

Zwar ist die Idee der "chronischen Übersäuerung" wissenschaftlich nicht haltbar. Trotzdem kann der Körper in seltenen Fällen tatsächlich übersäuern. Mediziner sprechen von einer Azidose, also einer Übersäuerung, wenn der pH-Wert des Blutes unter 7,36 sinkt. Die Symptome: starke Übelkeit, schwere Kreislaufprobleme, lebensbedrohliches Koma. Bei einem gesunden Menschen sorgen Puffersysteme im Körper dafür, dass Säuren abgebaut und ausgeschieden werden. Eine wichtige Rolle spielen zum Beispiel die Nieren, die Leber und die Lunge. Meistens leiden nur Menschen mit einer schweren Lungenerkrankung oder Nierenversagen unter einer Azidose, also der echten Übersäuerung.

Wie wirken Basenpulver?

Basenpulver soll dem Körper wichtige Mineralien und Spurenelemente zuführen, die er angeblich braucht, um nicht zu übersäuern. Aber Basenpulver sind nichts anderes als Nahrungsergänzungsmittel. Deren Zusammensetzung und Dosierung ist nicht ungefährlich:

  • In der Stichprobe von Markt enthielten einige Produkte Eisen. Der Hamburger Ernährungsmediziner Matthias Riedl sieht dies kritisch: "Wenn man Eisen ersetzen möchte, muss man es vorher vom Arzt diagnostizieren lassen. Ersetzt man Eisen ohne Grund, kann die Anfälligkeit für bakterielle Infektionen steigen."
  • Die hohe Kalium-Dosierung in einem Produkt könnte für Patienten problematisch werden, die kaliumsparende Diuretika, also harntreibende Medikamente, einnehmen. "Dann könnte es zu Herzrhythmusstörungen kommen", warnt Matthias Riedl.
  • Ein anderes Produkt fiel durch eine hohe Konzentration an Kalzium auf. Wer zu viel Kalzium zu sich nimmt, fördert die Arterienverkalkung. Kalzium ist bereits in vielen Mineralwässern und grünem Gemüse reichlich enthalten.

Wer ist gefährdet?

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Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedel warnt: Wer auf gesunde Ernährung achtet, kann sich mit Basenpulver sogar schaden.

Die Hersteller der Basenpulver teilen auf Anfrage mit, dass Überdosierungen ausgeschlossen und ihre Produkte unbedenklich seien. Ernährungsmediziner Matthias Riedl sieht aber Gefahren: "Das generelle Problem mit diesen Pulvern ist, dass die Menschen, die es kaufen, sich schon überdurchschnittlich gesund ernähren. Und daraus entsteht dann das Problem, dass eine Überversorgung mit Mineralstoffen entstehen kann."

Was sind Nahrungsergänzungsmittel?

Basenpulver sind Nahrungsergänzungsmittel und damit Lebensmittel. Im Gegensatz zu Arzneimitteln sind sie nicht dazu da, Krankheiten zu heilen. Sie unterliegen, anders als Medikamente, keiner Zulassungspflicht. Ihre Wirksamkeit oder Qualität muss also nicht nachgewiesen werden. Jedoch kontrolliert die Lebensmittelüberwachung der Länder die Produkte auf dem Markt stichprobenartig. Zurzeit existieren noch keine verbindlichen Höchstmengen für Inhaltsstoffe von Nahrungsergänzungsmitteln - weder auf nationaler noch auf europäischer Ebene. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat jedoch eine Liste mit Empfehlungen für Höchstmengen herausgegeben.

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10.02.2014 | 21:00 Uhr