Stand: 16.12.2014 14:00 Uhr  | Archiv

Transgender - Gefangen im falschen Körper

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Transgender haben das Gefühl, im falschen Körper zu leben.

Der Begriff "Transgender" (lateinisch trans "darüber hinaus" und englisch gender "soziales Geschlecht") bezeichnet Abweichungen von der zugewiesenen Geschlechterrolle. Die meisten spüren es schon als kleines Kind - ein Gefühl, im falschen Körper zu leben - doch meist vergehen viele Jahre oder gar Jahrzehnte, bis transsexuelle Menschen ihre wahre Identität finden. Und viele schaffen diesen Schritt nie, leiden ihr Leben lang darunter, ihre Gefühle zu verleugnen.

Spezialisten im Transgender-Zentrum helfen

Allein in Deutschland leben etwa 80.000 Menschen, die sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen - die Dunkelziffer ist aber wahrscheinlich wesentlich höher. Sie leiden unter gesellschaftlichen Vorurteilen und der Angst, von ihren Partnern, Freunden und Familien abgelehnt zu werden, wenn sie sich offenbaren.

Bereits im Kleinkindalter verkleiden sich viele Betroffene gern mit den Kleidern des anderen Geschlechts und fühlen sich darin wohler als in ihren eigenen Sachen. Problematisch wird das oft erst in der Pubertät, wenn die Geschlechtsmerkmale nicht mehr zu übersehen sind. Wenn Transgender sich irgendwann offenbaren und zu ihrer Identität stehen, riskieren sie oft den Verlust der Partnerschaft, des Arbeitsplatzes und massive familiäre Probleme.

Wer sich outet, kann Unterstützung in einem Transgender-Zentrum finden. Hier arbeiten Spezialisten verschiedener Fachrichtungen zusammen, um den Leidensdruck der Betroffenen zu lindern. Entscheidend ist bei dem Veränderungsprozess zum Wunschgeschlecht eine mehrjährige psychotherapeutische Begleitung und Betreuung.

Der Weg zum gefühlten Geschlecht ist lang

Wer sich am Ende dieses Prozesses entschließt, in seinem gefühlten Geschlecht leben zu wollen und seinen Körper durch genitalanpassende Operationen angleichen zu lassen, muss bereits im Vorfeld Alltagserfahrungen mit dem Leben in seinem Wunschgeschlecht gesammelt haben. Zwei psychologische Gutachten sind notwendig, um dann beim Amtsgericht die Änderung des Personenstands zu beantragen. Beides ist Voraussetzung dafür, dass spätere Operationen und Behandlungen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Dazu gehören auch Hormontherapien. Sie ermöglichen die Angleichung sekundärer Geschlechtsmerkmale wie Haar- und Bartwuchs, Schrumpfen der Hoden und Wachsen der Brüste.

Bei Transmännern wird die Stimme durch Einnahme von Testosteron tiefer. Bei Transfrauen hat die Einnahme von Östrogenen keinen Einfluss auf die Stimmentwicklung. Früher wurde die Stimme oft durch Stimmbandkürzungen verändert, heute verzichten viele Transfrauen darauf und beschränken sich auf eine logopädische Therapie. Sie ermöglicht durch Kehlkopftraining eine Veränderung der Stimmlage. Frühestens nach 18 Monaten ist die endgültig entscheidende Unterleibsoperation möglich.

Links

Gendertreff

Eine Plattform für Transgender, Angehörige und Interessierte. extern

Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V.

Kirche im NDR

Der Verein ist eine Plattform zur Bildung einer Lobby für Transgender und bietet Beratung sowie Betreuung. extern

Bei dem sehr aufwändigen Eingriff wird bei der Transfrau zunächst der Penis abgebaut. Die Hoden werden nicht mehr gebraucht, aus der Haut des Hodensacks formt der Operateur später die Schamlippen. Die Gefäß- und Nervenversorgung der Eichel bleiben erhalten, aus der verkleinerten Eichel wird eine Klitoris geformt. Aus der Penishaut wird die Scheidenwand konstruiert. Da in der männlichen Anatomie kein Platz für eine Scheide vorhanden ist, müssen die Operateure zwischen Enddarm und Harnröhre Raum für die neue Vagina schaffen, ohne den Enddarm zu verletzen. Außerdem muss die Harnröhre verlegt werden und braucht einen neuen Ausgang. Ein paar Monate später ist eine weitere Operation nötig, um die Veränderung noch kosmetisch abzurunden. Noch aufwändiger ist der Eingriff bei Transmännern, bei denen ein Penis konstruiert werden muss.

Selbsthilfegruppen informieren

Genitalanpassende Operationen sind sehr komplizierte und nicht unproblematische Eingriffe. Sie erfordern sehr viel Erfahrung. Deshalb sollten sich Betroffene bei der Wahl der passenden Klinik Zeit lassen und sich sehr gründlich, zum Beispiel in Selbsthilfegruppen, informieren.

Interviewpartner im Beitrag:

Dr. phil. Dipl.-Psych. Timo O. Nieder
Psychologe
Interdisziplinäres Transgender Versorgungscentrum Hamburg
Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52
20246 Hamburg
Tel. (040) 741 05 22 25
Fax (040) 741 05 64 06
Internet: www.uke.de/institute/sexualforschung/index_7202.php

Dr. Silke Riechardt
Urologin
Stellv. Ltd. Oberärztin Klinik für Urologie
Universtätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52
20246 Hamburg
Tel. (040) 741 05 22 25
Fax (040) 741 05 64 06
Internet: www.uke.de/kliniken/urologie/index_4483.php

Tanja Torregrossa
Logopädin
Praxis für Logopädie
Thomas Schmidtmann
Wohldorfer Straße 5
22081 Hamburg
Tel. (040) 18 06 92 09
Fax (040) 18 06 92 10
Internet: www.logopaedie-barmbek.de

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Visite | 16.12.2014 | 20:15 Uhr