Stand: 23.02.2015 12:00 Uhr  | Archiv

Therapien gegen Tinnitus

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Die Neuro-Musiktherapie soll Tinnitusgeräusche lindern.

Ständiges Rauschen, Summen oder Pfeifen im Ohr - ein Tinnitus kann Betroffene fast wahnsinnig machen. Doch die nervenden Ohrgeräusche sind keine Krankheit, sondern nur ein Symptom, vergleichbar mit Schmerz. Als Ursachen kommen Stress, Lärmschäden, Hörbeeinträchtigungen, Drehschwindel oder andere organische Erkrankungen in Betracht. Nicht immer lässt sich der Auslöser des Tinnitus erkennen - und nicht immer kann er erfolgreich behandelt werden. Halten die Ohrgeräusche konstant über mindestens drei Monate an, gilt ein Tinnitus als chronisch.

Experten vermuten, dass fehlerhafte Verarbeitungsprozesse im Gehirn zur Wahrnehmung der Geräusche führen. Wir hören zwar mit den Ohren, verstehen aber mit dem Gehirn. Die Schallwellen werden von den Sinneszellen (Haarzellen) im Innenohr in elektrische Signale umgewandelt und über den Hörnerv weiter an das Gehirn geleitet. Im Hörzentrum werden die ankommenden Nervenimpulse dann gefiltert. Ein Knall oder Stress kann die Haarzellen im Innenohr schädigen. Der Hörnerv reagiert darauf mit Überaktivität und im Hörzentrum des Gehirns ensteht daraus eine falsche Wahrnehmung: der Tinnitus (lateinisch tinnitus aurium - Ohrenklingeln).

Retraining ist wissenschaftlich anerkannt

Eine wissenschaftlich anerkannte Therapie ist das Retraining. Es wird von Krankenkassen bezahlt. Dabei lernen die Betroffenen unter Anleitung eines Teams aus Ärzten und Psychologen, den Tinnitus zu überhören oder sich an ihn zu gewöhnen. Die Therapie besteht aus vier Bausteinen. Zum einen Einzelgespräche, in denen die Betroffenen über den Tinnitus aufgeklärt werden und ihnen erklärt wird, was die Ohrgeräusche verstärkt. Außerdem steht auch Hörtraining auf dem Plan. Man lernt, bewusst auf Umweltgeräusche zu achten.

Zudem gehören Entspannungstechniken wie Yoga, autogenes Training oder progressive Muskelrelaxation zur Behandlung. Eine weitere Säule des Retrainings ist die Verhaltenstherapie. Dabei sollen die Patienten lernen, mit den Ohrgeräuschen und den damit verbundenen Ängsten und Stress umzugehen.

Behandlung mit Musik

Auch die Neuro-Musiktherapie soll Tinnitusgeräusche lindern. Sowohl das Hören von Musik als auch das Hören des Tinnitus wird von denselben Gehirnregionen verarbeitet. Durch bewusstes Hören spezieller, individuell veränderter Musikstücke wird das Gehör darauf trainiert, das unangenehme Geräusch zu überhören.

Das fünftägige Intensivprogramm setzt sich aus aufeinander aufbauenden musik- und psychotherapeutischen Behandlungsmodulen zusammen. Nach eingehenden Gesprächen wird in der sogenannten Resonanzphase die Durchblutung im Kopf angeregt. Dazu summt der Patient mit einem Gong "um die Wette". In der zweiten Phase erfolgt das Hörtraining, mit dem die Aufmerksamkeit des Patienten von den Tinnitus-Tönen abgelenkt werden soll: Dabei werden die persönlichen Tinnitus-Töne bestimmt und dem Patienten auf dem Klavier vorgespielt, die dieser dann mit seiner Stimme nachsingen soll. Dabei ist es wichtig, die jeweilige Tinnitus-Frequenz möglichst genau zu treffen. So soll der Patient lernen, unwichtige Hörinformationen auszufiltern.

In der nächsten Phase erfolgt das Entspannungstraining: Dabei wird der persönliche Tinnitus-Ton in meditative Musik eingeblendet. So wird der Ton für den Betroffenen zu einer positiven Hörerfahrung. Nach der Therapie müssen die gelernten Übungen regelmäßig zu Hause durchgeführt werden.

Kostenübernahme ist Einzelfallentscheidung der Krankenkasse

Untersuchungen am Deutschen Zentrum für Musiktherapieforschung zeigen, dass die Behandlung bei drei von vier Patienten mit chronischem Tinnitus eine deutliche Linderung brachte und auch bei akutem Tinnitus helfen kann. In einigen Fällen verschwanden die Ohrgeräusche sogar ganz - doch das sind Ausnahmen. Ziel der Musiktherapie ist vor allem, den Betroffenen zu einem erträglichen Leben zu verhelfen - trotz Tinnitus.

Die Übernahme der Kosten von circa 1.500 Euro ist eine Einzelfallentscheidung der jeweiligen Krankenkasse. Vor Behandlungsbeginn sollte man dies unbedingt erfragen. Abschließend erforscht ist die Wirksamkeit der Musiktherapie noch nicht, deshalb wird sie in den Leilinien der HNO-Gesellschaft nicht empfohlen.

Behandlung im Tinnituszentrum empfohlen

Für welche Methode Betroffene sich auch entscheiden: Experten empfehlen, einen chronischen Tinnitus möglichst an einem Tinnituszentrum behandeln zu lassen, denn dort arbeiten verschiedene Fachrichtungen zusammen.

Interviewpartner:

Im Studio:
Dr. phil. Dipl.-Psych. Petra Brüggemann
Ltd. Psychologin und stellv. Leitung Tinnituszentrum Charité in Berlin
Luisenstraße 13
10117 Berlin
E-Mail: petra.brueggemann@charite.de
Internet: www.charite.de/hno/tinnitus

Im Beitrag:
Prof. Dr. med. Birgit Mazurek
Direktorin Tinnituszentrum Charité in Berlin
Luisenstraße 13
10117 Berlin
Tel. (030) 450 55 50 09
Fax (030) 450 55 59 42
E-Mail: birgit.mazurek@charite.de
Internet: www.charite.de/hno/tinnitus

Dr. sc. hum. Heike Argstatter
Wiss. Leiterin Deutsches Zentrum für Musiktherapieforschung (DZM) e.V.
Maaßstraße 32/1
69123 Heidelberg
Tinnitusambulanz Heidelberg (06221) 796 31 01
E-Mail: dzm@dzm-heidelberg.de
Internet: www.dzm-heidelberg.de

Dieses Thema im Programm:

Visite | 24.02.2015 | 20:15 Uhr

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