Stand: 09.02.2016 11:49 Uhr

Stammzellen aus Schweißdrüsen gewinnen

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Stammzellen können auf verschiedenen Wegen bei der Regeneration verschiedener Gewebe helfen.

Mit einem drei Millimeter großen Stück Achselhaut wollen Forscher in Zukunft Nerven nachwachsen lassen, Wunden schließen und die Makuladegeneration im Auge heilen. Aus der Achselhaut werden zunächst die Schweißdrüsen isoliert – und nach wenigen Stunden im Brutschrank bilden sich aus den Schweißdrüsenzellen Stammzellen. Das sind ganz besondere Körperzellen: Denn Stammzellen können sich in jede beliebige Zelle verwandeln.

Stück Achselhaut

Stammzellen aus Schweißdrüsen

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Bei manchen Krankheiten, wie zum Beispiel Diabetes, heilen Wunden schlecht. Ein mögliche Lösung könnten körpereigene Stammzellen sein. Diese lassen sich aus der Achsel gewinnen.

Seit Jahren suchen Forscher nach Möglichkeiten, diese Zellen einfach zu gewinnen. Die Schweißdrüsen der Achselhöhle haben sich dafür auch deshalb als sehr geeignet erwiesen, da sie leichter zugänglich sind, als andere in Frage kommenden Organe. Stammzellen können auf zwei Wegen bei der Regeneration verschiedener Gewebe helfen: Der eine Weg ist die Differenzierung der Zellen: Die Stammzellen wandeln sich in die benötigten Zellen um. Ein anderer Weg ist, dass die Stammzellen umliegende Zellen anregen, sich zu teilen und neues Gewebe zu bilden.

Bildung neuer Hautzellen wird beschleunigt

An der Uniklinik Lübeck wird erforscht, wie sich mithilfe der Stammzellen chronische Wunden heilen lassen – zum Beispiel bei Patienten mit langjährigem Diabetes Mellitus. Die Idee: Wundauflagen werden mit Stammzellen beträufelt und auf die Wunde gebracht. Das soll die Bildung neuer Hautzellen und Blutgefäße beschleunigen. Im Labor klappt das bereits. Bis aber echte Wunden mit Stammzellen behandelt werden können, dauert es noch. Zurzeit ist es rechtlich noch sehr schwierig, mit Produkten aus Stammzellen zu arbeiten, denn die müssen erst zugelassen werden.

Nerven wachsen wieder zusammen

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Lübecker Forscher haben bereits vielversprechende Ergebnisse mit Stammzellen erzielt.

In einem weiteren Forschungsprojekt wird versucht, mithilfe der Stammzellen zerstörte Nerven zusammenwachsen zu lassen – zum Beispiel durchtrennte Nerven nach Unfällen. Ein durchtrennter Nerv ist in der Lage wieder zusammenzuwachsen. Allerdings finden ab einer Entfernung von ungefähr einem Zentimeter die Nervenenden nicht mehr zueinander – und es kommt zu einer verfrühten Vernarbung zwischen den Nervenendigungen. Die Forscher wollen mithilfe der Stammzellen nun erreichen, dass die Nervenenden besser zueinander finden. Auch das hat im Labor schon geklappt: Die Wissenschaftler haben herkömmliche OP-Fäden mit Stammzellen besiedelt und damit zwei Nervenkulturen verbunden. Die Stammzellen haben den aufeinander zu wachsenden Nervenenden entlang der OP-Fäden "den Weg gewiesen". So konnten sie wieder zusammenwachsen.

Einsatz in der Augenheilkunde?

Auch in der Augenheilkunde wird mit den Stammzellen geforscht. Ziel ist es, bei degenerativen Netzhauterkrankungen - wie zum Beispiel der altersbedingten Makuladegeneration - durch den Einsatz von Stammzellen den Krankheitsverlauf langfristig aufhalten zu können und Patienten so vor dem Erblinden zu bewahren. Noch steht die Forschung hier am Anfang: Im Labor entdeckten die Forscher, dass die Stammzellen durch den Kontakt mit den Netzhautzellen angeregt werden, Eiweiße zu bilden, die typisch für das Auge sind. Ein vielversprechender Anfang.

Für die ferne Zukunft hoffen die Forscher auf eine Stammzellenbank, in die jeder mit einem kleinen Stück Achselhaut eigene Stammzellen spenden kann - als Reserve, damit sich verloren gegangenes Gewebe wieder neu bilden kann.

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Interviewpartner im Beitrag:

Prof. Dr. Charli Kruse
Institutsleiter
Julia Maria Mehnert, Zellbiologin
Fraunhofer-Einrichtung für Marine Biotechnologie EMB
Paul-Ehrlich-Straße 1-3
23562 Lübeck
Tel. (0451) 38 44 48 11
Fax (0451) 38 44 48 12
Internet: www.emb.fraunhofer.de/

Dr. med. Mahdy Ranjbar
Assistenzarzt
Klinik für Augenheilkunde
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck
Ratzeburger Allee 160
23538 Lübeck
Tel. (0451) 500 22 16
Fax (0451) 500 30 85
Internet: www.ophtha.uni-luebeck.de

Dr. Tobias Kisch
Assistenzarzt
Sektion für Plastische Chirurgie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck
Ratzeburger Allee 160
23538 Lübeck
Internet: www.plastische-chirurgie-luebeck.uk-sh.de

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Visite | 09.02.2016 | 20:15 Uhr