Stand: 18.08.2015 15:37 Uhr  | Archiv

Schwindel: Was steckt dahinter?

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Schwindel kann unterschiedliche Ursachen haben.

Das Gleichgewichtsorgan ist dafür verantwortlich, dass der Mensch nicht aus der Balance gerät. Es liegt im Innenohr und besteht aus drei flüssigkeitsgefüllten Bogengängen, in denen sich Sinneszellen befinden. Bei jeder Bewegung werden diese aktiviert und liefern Informationen an das Gehirn. Dort findet ein Abgleich mit Informationen der Augen, der Stellung von Gelenken und der Muskulatur statt. Das Gehirn berechnet daraus die Position des Körpers im Raum. Passen eine oder mehrere Informationen nicht zueinander, entsteht Schwindel.

Lagerungsschwindel ist häufigste krankhafte Schwindelform

Die häufigste krankhafte Schwindelform ist der Lagerungsschwindel. Etwa 10 bis 20 Prozent aller Menschen haben mindestens einmal in ihrem Leben eine solche Schwindelattacke. Diese entsteht meistens im hinteren Bogengang eines Gleichgewichtsorgans. Dort bilden sich Kalziumkristalle (Otolithen). Beim Aufrichten aus dem Liegen ins Sitzen oder Stehen bewegen sich die Kristalle mit der Schwerkraft in der Lymphflüssigkeit des Bogenganges und reizen die Sinneshärchen, sodass Drehschwindelattacken ausgelöst werden.

Bislang ist nicht abschließend geklärt, warum sich Otolithen bilden und ablösen. Es scheint sich dabei um einen normalen Alterungsprozess zu handeln. In den meisten Fällen bildet sich der Schwindel rasch von selbst zurück. Ist das nicht der Fall, können Körper- und Kopflagerungsübungen helfen, die Otolithen aus den Bogengängen des Gleichgewichtsorgans zu entfernen. Etwa 70 Prozent der Patienten sind danach beschwerdefrei.

Zentraler und peripherer Schwindel?

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Medikamente können das Gleichgewichtsorgan schädigen.

Vom zentralen Schwindel spricht man, wenn der Schwindel durch Störungen im Gehirn selbst verursacht wird, also zum Beispiel als Folge von Durchblutungsstörungen im Rahmen eines Schlaganfalls oder Tumoren. Ein peripherer Schwindel liegt vor, wenn das Gleichgewichtsorgan oder der Gleichgewichtsnerv geschädigt ist. Dabei muss unterschieden werden, ob nur ein Gleichgewichtsorgan geschädigt ist oder beide. Ein beidseitiger Ausfall der Gleichgewichtsorgane kann durch Nebenwirkungen von Medikamenten, zum Beispiel durch das Antibiotikum Gentamycin, oder eine Hirnhautentzündungen ausgelöst werden. Die typischen Symptome sind dann Schwindelattacken und Bilderwackeln, insbesondere bei körperlicher Bewegung.

Ein weiterer Grund für einen beidseitigen Labyrinthausfall kann Morbus Menière sein. Diese Erkrankung des Innenohres beeinträchtigt die Funktion des Gleichgewichtsorgans erheblich. Schwindel und Übelkeit treten sehr plötzlich auf, oft verbunden mit Schwerhörigkeit, Ohrgeräuschen und Druck auf den Ohren.

Ein einseitiger Ausfall eines Gleichgewichtsorgans ist in der Regel die Folge einer Entzündung des Gleichgewichtsnerven. In den meisten Fällen werden diese Entzündungen durch Herpesviren verursacht. Bei dieser Neuritis vestibularis tritt die Schwindelsymptomatik plötzlich auf. Der Schwindel kann sowohl als Dreh- als auch als Kippschwindel empfunden werden. Er ist in jedem Fall stark ausgeprägt und geht oft mit Übelkeit und Erbrechen einher. Die Betroffenen neigen zu Stürzen. Zudem haben sie sichtbare Augenbewegungsstörungen, einen sogenannten Nystagmus. Typischerweise nehmen die Beschwerden in den ersten Stunden rasch zu, bleiben einige Tage und bilden sich schließlich innerhalb von Tagen bis Wochen zurück. Die Besserung der Beschwerden ist darauf zurückzuführen, dass das Gehirn lernt, den Ausfall eines Gleichgewichtsorgans zu kompensieren. Unterstützend können Kortisonpräparate zur Behandlung eingesetzt werden.

Schwindel kann auch psychische Ursachen haben

Nicht jeder Schwindel hat eine organische Ursache. Wie viele andere körperliche Beschwerden, können auch Schwindelsymptome psychisch bedingt sein. Experten sprechen dann von einem somatoformen oder psychosomatischem Schwindel. Nach dem gutartigen Lagerungsschwindel ist er die zweithäufigste Schwindelform. Bei etwa 15 bis 20 Prozent aller Schwindelpatienten liegt ein somatoformer Schwindel vor. Am häufigsten kommt dabei der phobische Schwankschwindel im Rahmen von Angsterkrankungen vor. Typischerweise treten die Schwindelanfälle dabei nur in bestimmten Situationen, wie zum Beispiel beim Aufenthalt in großen Menschenmengen oder beim Überqueren großer Plätze, auf. Oft werden die Schwindelattacken von heftigen vegetativen Symptomen wie Schweißausbrüchen, Herzrasen oder Übelkeit begleitet.

Im Gegensatz zu organischen Schwindelformen sind in diesen Fällen die Gleichgewichtsorgane unversehrt. Daher lassen sich die Beschwerden in den meisten Fällen erfolgreich behandeln. Entscheidend ist dabei, die Betroffenen über die psychischen Hintergründe und die Mechanismen der Schwindelentstehung aufzuklären. Bereits das Wissen darüber erleichtert vielen Betroffenen den Alltag. Im Rahmen von Psychotherapien, kognitiven Verhaltenstherapien und unterstützenden physiotherapeutischen Therapiemaßnahmen lernen die Betroffen das Schwindelgefühl zu beherrschen. Denn typischerweise bessern sich die Beschwerden, wenn das Gleichgewichtsorgan gefordert wird. Bei einem defekten Gleichgewichtsorgan wäre das nicht so.

Wie wird Schwindel diagnostiziert?

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Eine Spezialbrille misst Augenbewegungen.

Die Diagnosemöglichkeiten sind so vielfältig wie die infrage kommenden Ursachen. Eine ideale Betreuung bieten Schwindelambulanzen. Ganz wichtig ist die genaue Beschreibung des Schwindelgefühls, denn sie kann bereits wichtige Auskunft über die mögliche Ursache geben. Im Rahmen der bildgebenden Diagnostik stehen mit der Computertomografie und der Magnetresonanztomografie zwei sehr zuverlässige Methoden zur Verfügung, um strukturelle Veränderung als Ursache der Beschwerden zu erkennen oder auszuschließen.

Links

Der Schwindel: Forschung- Diagnose - Therapie

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung informiert (PDF). extern

Im Rahmen der sogenannten Videookulografie lassen sich mithilfe einer Spezialbrille (Eye-See-Cam) reflexartige Augenbewegungen bei einer abrupten Kopfdrehung messen. Die Eye-See-Cam ist mit mehreren Kameras ausgestattet und wird wie ein Stirnband am Kopf befestigt. Zwei Kameras registrieren die Augenbewegungen, eine Kamera registriert die Blickrichtung der Augen und eine weitere Kamera filmt die Blickrichtung. Mithilfe komplexer mathematischer Rechenmodell lassen sich daraus Störungen in der Übertragung von Nervenimpulsen vom Gleichgewichtsorgan in das Gehirn ableiten.

Weitere Informationen

Schwindel - das Chat-Protokoll

An welchen Arzt sollten man sich bei Schwindel wenden? Können Nackenschmerzen Schwindel auslösen? Professor Christoph Helmchen hat Fragen zu Schwindel im Chat beantwortet. mehr

Interviewpartner

Im Studio:
Prof. Dr. Christoph Helmchen
Ärztlicher Leiter der Schwindelambulanz Lübeck
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck
Ratzeburger Allee 160
23538 Lübeck
Tel:  (0451) 500 29 28 (Terminvergabe)
Internet: www.neuro.uni-luebeck.de

Im Beitrag:
Priv.-Doz. Dr. Björn Machner
Schwindelambulanz Lübeck, Klinik für Neurologie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck
Ratzeburger Allee 160
23538 Lübeck
Tel:  (0451) 500 29 28 (Terminvergabe)
Internet: www.neuro.uni-luebeck.de

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Visite | 18.08.2015 | 20:15 Uhr