Stand: 19.05.2015 13:16 Uhr

Wenn ein Bandscheibenvorfall Schmerzen auslöst

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Durchbricht der Gallertkern den Faserring, spricht man von einem Bandscheibenvorfall.

Die Bandscheiben liegen wie Stoßdämpfer zwischen den Wirbelkörpern der Wirbelsäule. Sie verbinden die Wirbel flexibel miteinander und sorgen für Beweglichkeit. Sie bestehen aus einem äußeren Faserring aus Bindegewebe und einem inneren, wasserreichen Gallertkern. Durch ihre Ausdehnungsfähigkeit verteilen sie den Druck, der auf die Wirbelsäule einwirkt, gleichmäßig auf die angrenzenden Wirbelkörper. Durch die Belastung beim Stehen und Gehen schrumpft ein Mensch am Tag um bis zu drei Zentimeter.

Was ist ein Bandscheibenvorfall?

Die Ernährung der Bandscheiben erfolgt über Be- und Entlastung bei Bewegung. Wie ein Schwamm nehmen die Bandscheiben bei Entlastung Nährflüssigkeit auf und geben sie bei Belastung wieder ab. Einseitige Druckbelastung wie zum Beispiel langes Sitzen oder Liegen stört den Nährstoffaustausch. Neben Fehlbelastungen und Bewegungsmangel beeinflusst auch der natürliche Alterungsprozess die Elastizität der Bandscheiben. Mit zunehmendem Alter nimmt der Flüssigkeitsgehalt des Gewebes ab. Der Faserring wird spröde und der Gallertkern speichert weniger Wasser. Die Bandscheiben werden dünner und können Erschütterungen nicht mehr so gut abpuffern. Durch kleine Risse im äußeren Faserring kann sich der Gallertkern dann nach außen vorwölben - es kommt zu einer Bandscheibenprotrusion. Durchbricht der Gallertkern den Faserring, spricht man von einem Bandscheibenvorfall.

Betroffen sind hiervon insbesondere die Bandscheiben der Lendenwirbelsäule. Übergewicht, mangelnde Bewegung, ständiges Sitzen und schweres Heben begünstigen das Auftreten von Bandscheibenvorfällen. Die Beschwerden, die ein Bandscheibenvorfall auslöst, hängen zum einen von seiner Lokalisation und zum anderen davon ab, ob Nerven beziehungsweise Nervenwurzeln beteiligt sind. Neben Schmerzen kann es auch zu einem Ausfall von Nervenfunktionen kommen. Die Beschwerden reichen dann von Sensibilitätsstörungen in Form von Taubheitsgefühlen oder Kribbeln bis hin zu Lähmungserscheinungen.

Viele Menschen spüren Vorfall gar nicht

Erfreulicherweise klingen bis zu 90 Prozent aller Bandscheibenbeschwerden innerhalb von etwa sechs Wochen von alleine wieder ab. Viele Menschen bemerken ihren Bandscheibenvorfall allerdings gar nicht. Bei einer Studie hat man rückengesunde Menschen zwischen 24 bis 42 Jahren aus unterschiedlichen Berufen untersucht. Dabei stellte man fest: Bei 60 Prozent lag ein Bandscheibenvorfall vor, der keine Beschwerden auslöste.

Nur in wenigen Fällen entwickelt sich aus akuten Beschwerden ein chronisches Rückenleiden. In den ersten sechs Wochen nach Auftreten der Beschwerden ist eine bildgebende Diagnostik (Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT)) daher in der Regel unnötig. Wenn aus den Bildern falsche Schlüsse gezogen werden, schadet die Diagnostik sogar mehr als dass sie nutzt. In einem Drittel aller Fälle zeigen diese Bilder nämlich Veränderungen im Bereich der Bandscheiben, ohne dass diese überhaupt Beschwerden verursachen. Unnötige Operationen sind die Folge. Eine ausführliche Anamnese sowie eine sorgfältige körperliche Untersuchung sind dagegen in der Regel ausreichend, um die richtige Diagnose zu stellen. Erst wenn die Beschwerden länger andauern, sollte eine bildgebende Diagnostik durchgeführt werden. Einer Ausnahme von dieser Regel stellen Gefühlsstörungen oder akute Lähmungserscheinungen dar. In diesen Fällen muss eine bildgebende Diagnostik unverzüglich eingeleitet werden.

Multimodale Behandlungskonzepte am besten

Die Behandlung von Bandscheibenbeschwerden hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt: Während frühere Therapiestrategien eher auf einer frühen Operation oder aber Ruhe und Schonung basierten, setzten moderne Behandlungskonzepte auf körperliche Aktivität und multimodal ausgerichtete Konzepte. Dabei werden klassische Schmerzmedikamente, krankengymnastische Behandlungen, Wärmeanwendungen, Massagetechniken und Entspannungsverfahren sowie Muskeltraining und psychologische Unterstützungen miteinander kombiniert. 

Interviewpartner:

Im Studio:
Dr. Horst Danner
Chefarzt der Orthopädie
RehaCentrum Hamburg
Heidenkampsweg 41
20097 Hamburg
Tel. (040) 25 30 63 810 (Privatambulanz)
E-Mail: anmeldung@rehahamburg.de
Internet: www.rehahamburg.de

Im Beitrag:

Dr. Jens Lohmann
Facharzt für Orthopädie
Leiter der Rückeninstituts Schön Klinik Eilbek
Zentrum für Spinale Chirurgie
Dehnhaide 120
22081 Hamburg
Tel. (040) 20 92 70 90
Internet: www.schoen-kliniken.de/ptp/kkh/eil/faz/spinale-chirurgie

Rainer Halbleib
Physiotherapeut/Osteopath
Profi Reha Hamburg
Weidestraße 122a
22083 Hamburg
Tel. (040) 27 16 69 90

Dieses Thema im Programm:

Visite | 19.05.2015 | 20:15 Uhr

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