Stand: 03.08.2015 15:13 Uhr  | Archiv

Ärger um Kostenerstattung bei Psychotherapien

von Maja Weber
Bild vergrößern
Viele Menschen brauchen psychotherapeutische Hilfe, doch die Plätze sind rar.

Zu wenig kassenärztlich zugelassene Psychotherapeuten, zu viele Patienten, die eine Therapie in Anspruch nehmen wollten. Das war der Grund, warum das Kostenerstattungsverfahren bei Psychotherapien 2006 gesetzlich festgelegt wurde. Seitdem können sich Patienten auch von nicht kassenärztlich zugelassenen Psychotherapeuten behandeln lassen und ihre Therapiekosten in einem komplizierten Verfahren rückerstatten lassen. Vorausgesetzt, die Therapeuten haben die gleiche Qualifikation.

Seit Jahresanfang aber scheinen die Krankenkassen dieses Verfahren gezielt umgehen zu wollen. Diese Erfahrung hat etwa Silke Seeger gemacht, die ihren wirklichen Namen nicht nennen möchte. Sie ließ sich wegen einer Depressionen therapeutisch behandeln, bald ging es ihr besser. Allerdings zahlte ihre Krankenkasse im sogenannten Kostenerstattungsverfahren von den 100 Euro, die eine Therapie-Stunde kostet, nur knapp über 80 und machte ihr einen seltsamen Vorschlag: "Ich solle mit meiner Therapeutin ausmachen, dass ich nur diesen Betrag bezahlen muss, wenn ich den Rest nicht selber bezahlen kann. Aber das geht natürlich nicht, meine Therapeutin hat ja auch ihre Regeln, nach denen sie abrechnen muss und an die sie sich hält."

Manche Kassen zahlen gar nicht mehr

Daraufhin wechselte die Studentin zur Techniker Krankenkasse, die als großzügig gilt und eigentlich im Ruf steht, die Kosten anstandslos zu erstatten, aber die Kasse zahlt ihr die Therapie gar nicht: "Die greifen nur noch auf kassenzugelassene Therapeuten zurück und gar nicht mehr auf nicht kassenzugelassene." Deswegen schlägt ihr die Krankenkasse auch mehrere andere Therapeuten vor, die nicht ausgelastet seien. Silke Seeger lässt sich darauf ein, doch es ist niemand dabei, mit dem sie weiter an ihren Depressionen arbeiten kann. Schließlich bricht sie die Therapie ab.

Für Dr. Dietrich Munz, den Vorsitzenden der Bundespsychotherapeutenkammer, ist das aus mehrfacher Sicht problematisch: "Im Extremfall bedeutet das, dass die psychische Erkrankung chronifiziert, also sehr langwierig wird, oder dass manche Patienten sich an ein Krankenhaus wenden und eine stationäre Psychotherapie aufsuchen. Was aber nicht unbedingt indiziert und notwendig ist.“

Kammer liegen zahlreiche Beschwerden vor

Der Kammer liegen Beschwerden von Psychotherapeuten aus allen Bundesländern vor. Seit Beginn des Jahres sei deutlich spürbar, dass die Anträge auf Kostenerstattung immer häufiger abgelehnt würden. "Für die Kammern ist ärgerlich, dass die Kassen an dieser Stelle mehr auf ihr Geld achten als auf das Wohlergehen ihrer Patienten. Ein weiteres Ärgernis für uns ist, dass nicht ausreichend Psychotherapeutensitze in der gesetzlichen Versorgung geschaffen werden", so Dr. Munz weiter.

Unzureichende Bedarfsplanung

Steigende Kosten für Psychotherapien seien dabei nur ein Argument. Viel schwerer wiegt für Dr. Munz die Frage nach dem tatsächlichen Bedarf. Die Bedarfsplanung beruhe nicht auf einer Überprüfung der Notwendigkeit, wie viele Kassensitze erforderlich seien, sondern sei eine Festlegung der Kassen: "1999 wurde der Ist-Zustand - wie viele Psychotherapeuten mit einer Kassenzulassung gibt es - als zukünftiger Bedarf festgelegt.“

Ein Ist-Zustand als Grundlage der Bedarfsplanung? Bis Ende des kommenden Jahres soll dieser Bedarf neu definiert werden. Fangen die Kassen jetzt schon an zu sparen, damit es nicht ganz so teuer wird? Auf Anfrage von NDR Info äußerte sich der Verband der Krankenkassen ausweichend, solche internen Daten der einzelnen Kassen lägen nicht vor. Und auch die Techniker Krankenkasse wollte keine Angaben zu veränderten Verfahren bei den Anträgen auf Kostenerstattung machen. Es werde jeder einzelne Fall sehr genau geprüft.

Das konnte auch ein Hamburger Psychotherapeut feststellen. Von sechs Anträgen, die seine Patienten seit Anfang des Jahres gestellt hatten, wurden nur zwei bewilligt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 04.08.2015 | 09:20 Uhr

Mehr Ratgeber

12:10

Ziergräser: Dekorativer Blickfang im Herbst

21.09.2017 16:20 Uhr
Mein Nachmittag
09:10

Fünf-Seen-Fahrten in der Holsteinischen Schweiz

20.09.2017 16:20 Uhr
Mein Nachmittag
03:37

Gebackener Bovist mit Selleriepüree

21.09.2017 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin