Stand: 03.06.2014 20:15 Uhr  | Archiv

Pfusch bei künstlichen Gelenken: Was tun?

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Vermutete Behandlungsfehler müssen von der Krankenkasse überprüft werden.

Nach aktuellen Zahlen der Medizinischen Dienste der Krankenversicherungen gab es im vergangenen Jahr rund 3.700 bestätigte Behandlungsfehler - doch die Dunkelziffer liegt vermutlich viel höher. Das Bundesgesundheitsministerium geht von 40.000 bis 170.000 Fällen aus. Etwa 70 Prozent der Kunstfehlervorwürfe richten sich gegen Krankenhäuser, 30 Prozent gegen niedergelassene Ärzte. Die meisten geprüften Behandlungsfehler treten bei orthopädischen Eingriffen auf, insbesondere bei der Implantation von Hüft- und Kniegelenksprothesen.

Seit im Jahr 2013 das Patientenrechtegesetz in Kraft getreten ist, sind die Krankenkassen verpflichtet, vermutete Behandlungsfehler auf den Wunsch ihrer Versicherten hin überprüfen zu lassen. Die Gutachter der Medizinischen Dienste der Krankenversicherungen (MDK) überprüfen dabei, ob die Behandlung nach "anerkannten medizinischen Standards" erfolgt ist.

Wann liegt ein Behandlungsfehler vor?

Ein Behandlungsfehler liegt vor, wenn die durchgeführte Behandlung nicht den aktuellen medizinischen Erkenntnissen entspricht, ein diagnostischer oder medizinischer Eingriff nicht indiziert war oder aber wenn eine indizierte Maßnahme unterlassen wurde. Dabei geht es zunächst nur um die Behandlung selbst und nicht um deren Erfolg. Denn die Erfolglosigkeit einer Behandlung bedeutet nicht, dass automatisch ein Behandlungsfehler vorliegt. Wenn die Gutachter zu dem Schluss kommen, dass ein Behandlungsfehler vorliegt, wird außerdem geprüft, ob der Schaden, den der Patient erlitten hat, durch diesen Fehler verursacht worden ist. Nur dann sind Schadensersatzforderungen aussichtsreich.

Die Begutachtung ist für alle gesetzlich Versicherten kostenfrei. Mögliche Ansprechpartner für eine Beratung sind auch die Ärztekammern und deren Schlichtungsstellen. Auch ein Anwalt kann eingeschaltet werden. Die Auskunftsstellen der Anwaltschaft helfen bei der Auswahl. Die Unabhängige Patientenberatung bietet außerdem Hilfe über das bundesweite Beratungstelefon: 0800- 011 77 22 an.

Tipps - wenn ein Anwalt eingeschaltet werden muss

  • 1. Lassen Sie sich nur von einem Fachanwalt für Medizinrecht vertreten.

  • 2. Bei der Wahl helfen Ihnen zum Beispiel die Patienten-Initiative im Krankenhaus, der Sozialverband VdK oder die Verbraucherzentralen.

  • 3. Stundenhonorare sollten Sie vermeiden und auch nicht gleich den ersten Honorarvorschlag akzeptieren.

  • 4. Holen Sie das Angebot eines zweiten Fachanwaltes ein und entscheiden Sie sich erst dann.

  • 5. Wo der Fall verhandelt wird, hängt davon ab, wo der Arzt, der mutmaßlich einen Behandlungsfehler begangen hat, praktiziert oder wo sich das Krankenhaus befindet. Ein Fachanwalt mit Ortskenntnis ist von Vorteil.

     

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Vorsicht bei Gutachten, die Sie selbst vorfinanzieren müssen, gerade, wenn Ihre Krankenkasse bereits den Medizinischen Dienst der Krankenkassen mit einer Kontrolle Ihres Falls beauftragt hat. Wenn Sie alleine ein Gutachten in Auftrag geben, müssen Sie sich bewusst sein, dass es als "Partei-Gutachten" gilt. Damit wird es bei Gericht als nicht neutral angesehen. Die bessere Alternative: Klinik und Patientenanwalt bestimmten einen gemeinsamen Gutachter, der den Fall untersucht. Die Kosten dafür tragen häufig sogar die Kliniken. Lassen Sie sich nicht zu überhöhten Schadensersatzforderungen hinreißen, denn das Honorar für den Anwalt wird nach dem Streitwert bemessen. Wenn Sie den Prozess verlieren, bleiben Sie auf diesen Kosten sitzen.

Darauf sollten Patienten vor einer OP achten

Patienten können ihren Teil für eine möglichst sichere Behandlung beitragen, indem sie sich in spezialisierten, zertifizierten Zentren behandeln lassen. Standardisierte Abläufe, Routine und aktuelles Fachwissen sorgen hier für eine hohe Patientensicherheit. Ist trotz aller Sorgfalt und Sicherheitsmechanismen ein Patient zu Schaden gekommen, empfehlen die Experten des MDK den Betroffenen ein Gedächtnisprotokoll der Ereignisse anzufertigen. Darin sollte beschrieben werden, was zu welcher Zeit der Behandlung passiert ist.

Zudem sollten die Behandlungsunterlagen wie Arztbriefe, Pflegeberichte sowie Untersuchungsbefunde und Einwilligungen in Untersuchungen vorgelegt werden. Die Gutachter benötigen möglichst zügig umfassende Informationen, um den Vorwurf sorgfältig und sachgerecht zu prüfen. Ansprüche aus Behandlungsfehlern verjähren im schlechtesten Fall bereits nach drei Jahren.

Interviewpartner im Beitrag:

Dr. Steffen Oehme
Chefarzt Gelenkzentrum Orthopädie und Unfallchirurgie
Imland Klinik Eckernförde
Schleswiger Straße 114-116
24340 Eckernförde
Tel. (04351) 88 25 75
Fax: (04351) 88 25 76
Internet: www.eckernfoerde.imland.de

Priv.-Doz. Dr. Dimitrios Psathakis
Facharzt für Chirurgie
Medizinischer Dienst der Krankenversicherungen Nord
Hammerbrookstraße 5
20097 Hamburg
Tel. (040) 251 69 11 63
Fax: (040) 251 69 59 11 63
Internet: www.mdk-nord.de

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