Sendedatum: 04.11.2013 20:15 Uhr

Kieselerde mit riskanten Nebenwirkungen

von Lena Wendt
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Das Bundesamt für Materialforschung hat im Auftrag von Markt Kieselerde unter die Lupe genommen.

Die Hersteller von Kieselerde versprechen viel: Das  Nahrungsergänzungsmittel soll angeblich für gesunde Nägel, schöne Haut und strapazierfähiges Haar sorgen. Und das alles ganz natürlich: Echte Kieselerde ist ein aus fossilen Algen gewonnenes Pulver in Kapsel- oder Tablettenform - ein Verkaufsschlager in Drogerien und Apotheken. Die Wirksamkeit ist jedoch umstritten und einige Inhaltsstoffe sind sogar bedenklich. Markt hat vier Kieselerde-Präparate unter die Lupe genommen: Die Produkte von Abtei und Altapharma gibt’s im Drogeriemarkt, die Kieselerde-Präparate von Taxofit und Flügge in Apotheken und Reformhäusern. Jede Packung kostet rund zehn Euro.

Quarz statt Algenpulver

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Gesundheitsökonom Professor Gerd Glaeske: "Kieselerde hat keine therapeutische Wirkung".

Im Auftrag von Markt hat die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung die Inhaltsstoffe untersucht. Das Ergebnis: In drei von vier Proben wurden Quartz und Cristobalit statt Algenpulver nachgewiesen - nämlich bei Abtei, Flügge und Taxofit. Der Bremer Pharmakologe Professor Gerd Glaeske erklärt sich das so: "Quarz und kristalline Stoffe sind möglicherweise viel günstiger". Der Hersteller spart also durch den Verzicht auf das Algenpulver Geld.

Mögliche Folge: Nierenschäden

Weitaus unerwünschter für Verbraucher sind die möglichen gesundheitlichen Folgen durch die Einnahme von Quarz und Cristobalit. Professor Glaeske warnt: "Nimmt man solche Produkte auf Dauer hochdosiert zu sich, können Nierenschäden entstehen." 

Er hält darüber hinaus Kieselerde generell für ein Placebo - also ein Scheinmedikament: "Es ist kein Arzneimittel, hat keine therapeutische Wirkung." Auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit bewertet die Wirkungsversprechen für Kieselerde als "nicht hinreichend gesichert". Die Produzenten begründen die Wirkung gegenüber Markt hingegen mit "langjähriger Erfahrung und Tradition".

So reagieren die Hersteller

Das Unternehmen Klosterfrau, auf der von uns gekauften Taxofit-Verpackung als Vertreiber angegeben, schreibt: "Wir vertreiben Taxofit aufgrund eigener Entscheidung nicht mehr. Sollten die Vorwürfe zutreffen, wäre das Produkt sicher verboten worden." Von Abtei heißt es, dass die Produkte "definierten Qualitätsanforderungen und der regelmäßigen Überwachung durch die zuständigen Behörden" unterliegen. Flügge schreibt: "Das Produkt erfüllt die strengen Arzneimittelvorgaben und ist rechtlich geprüft als Arzneimittel im Verkehr."

Experte fordert: Produkte vom Markt nehmen

Wir konfrontieren das Bundesministerium für Verbraucherschutz mit dem Ergebnis unserer Recherchen - eine Antwort erhalten wir nicht. Das Niedersächsische Ministerium für Verbraucherschutz schreibt, dass Quarz und Cristobalit "rechtmäßig als Zutaten in Nahrungsergänzungsmitteln zugelassen" seien. Der Pharmakologe Professor Glaeske sieht das anders: "Das ist Verbrauchertäuschung. Da sollte man auch ganz konsequent durchgreifen. Die Überwachungsbehörden sollten die Produkte vom Markt nehmen."

Dieses Thema im Programm:

Markt | 04.11.2013 | 20:15 Uhr