Sendedatum: 22.04.2014 20:15 Uhr  | Archiv

Gefährliches "Wundermittel" MMS

Bild vergrößern
Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt vor MMS.

Im Internet wird sie als "Geheimtipp" und "Wundermittel" gehandelt: „Miracle Mineral Solution“ (wundersames Mineralstofflösung), kurz MMS. Nicht wenige Kranke fallen auf die dubiosen Versprechungen der Anbieter herein und bestellen die zwei kleinen Fläschchen, deren Inhalt nicht nur gegen Grippe und Blasenentzündung helfen, sondern sogar Krebs und Malaria heilen soll - natürlich ohne Nebenwirkungen. Doch Experten raten dringend vor der Einnahme ab, denn der Inhalt der beiden Fläschchen ist alles andere als harmlos.

Woraus besteht MMS?

Mischt man die Flüssigkeiten - wie vorgegeben - tropfenweise und verdünnt sie mit Wasser, erhält man eine gelbliche Tinktur, die nicht von ungefähr durchdringend nach Schwimmbad riecht: In der ersten Flasche befindet sich die Chemikalie Natriumchlorit (NaClO2), nicht zu verwechseln mit dem Kochsalz Natriumchlorid (NaCl). Diese aggressive Verbindung von Chlor und Sauerstoff in Verbindung mit Natrium hat eine reizende, in hoher Konzentration sogar ätzende Wirkung, ist weltweit als sehr giftig und umweltgefährdend klassifiziert.

In der zweiten Flasche befindet sich eine Säure. Gibt man sie hinzu, entsteht das gelbliche Chlordioxid, eine hoch reaktive Verbindung, die in der Industrie als Bleich- und Desinfektionsmittel verwendet wird. Nimmt man Chlordioxid in den Körper auf, greift es im Magen-Darm-Trakt die Schleimhäute an. Der Effekt ist vergleichbar mit dem Trinken von Desinfektionsmittel oder Rohrreiniger.

Luftnot, Übelkeit und Erbrechen

Kein Wunder also, dass sich auch im Internet Berichte über erschreckende Auswirkungen der angeblich heilenden MMS-Tropfen häufen. Sie reichen von unerträglichen Kopfschmerzen über Übelkeit und Durchfälle bis hin zu schwarzem Urin. Auch in den Giftnotrufzentralen sind solche heftigen Fälle bekannt, meist mit Luftnot, Übelkeit, Erbrechen oder anderen Magen-Darm-Problemen.

Der Erfinder der MMS-Tropfen bezeichnet Übelkeit, Erbrechen und Durchfall nach Einnahme des Präparates als gutes Zeichen, dass die MMS-Tropfen wirken. Mediziner sind über solche Aussagen entsetzt, denn dabei handelt es sich um Anzeichen einer Vergiftung. Und nicht nur im Verdauungstrakt können die Tropfen Schaden anrichten: Die aus der Flüssigkeit austretenden Gase greifen auch die Lunge an und führen zu starker Atemnot. Auch solche Fälle sind in den Giftnotrufzentralen bekannt.

Wissenschaftlicher Nachweis für Wirkung fehlt

Einen wissenschaftlichen Nachweis einer Wirksamkeit von Chlordioxid gegen Krankheiten gibt es dagegen nicht - weder gegen Krebs oder Malaria noch gegen Grippe oder Rückenschmerzen. Experten sehen hinter positiven Berichten über MMS-Tropfen deshalb einzig einen Placebo-Effekt. Das bedeutet, dass die Anwender der Meinung sind, eine Besserung zu verspüren, nachdem sie die Tropfen eingenommen haben - völlig unabhängig von den tatsächlichen Inhaltsstoffen. Anders als die Wirkung, ist die Gefahr durch die Tropfen aber real und nicht zu unterschätzen.

Interviewpartner im Beitrag:

PD Dr. med. Andreas Schaper, Stellvertretender Leiter
Dr. rer. medic. Guido Kaiser
Giftinformationszentrum-Nord (GIZ-Nord)
Robert-Koch-Straße 40
37075 Göttingen
Tel. (0551) 192 40
Internet: www.giz-nord.de

Dr. Klaus Richter
Bundesinstitut für Risikobewertung
Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
Postfach 126942
10609 Berlin
Internet: www.bfr.bund.de

Dieses Thema im Programm:

Visite | 22.04.2014 | 20:15 Uhr