Stand: 24.08.2016 12:10 Uhr  | Archiv

Forscher verbessern Implantat für Gehörlose

In den 1970er-Jahren hat Nikolaus März aus Hannover bei einem Autounfall sein Gehör verloren. Zwei Jahrzehnte lang war der Schuhmacher taub, bis er in den 1990er-Jahren erstmals wieder hören konnte - dank eines sogenannten Cochlea-Implantats. Es habe sich alles falsch angehört, sagt er, "aber das war schon eine große Freude, dass ich höre."

Elektroden stimulieren die Hörschnecke

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Die externe Einheit eines Cochlea-Systems wird hinter dem Ohr festgeklippt.

Cochlea-Implantate gibt es seit 30 Jahren. Ein kleines Mikrofon wird über eine Steuerungselektronik und Elektroden mit dem Gehör verbunden. Genauer gesagt führt ein feiner Draht bis an die Hörschnecke, den Ort im Ohr, an dem normalerweise Schallwellen in Nervenimpulse umgesetzt werden. Hier senden die Elektroden elektrische Impulse. Die Hörschnecke wird stimuliert und schickt Signale an das Gehirn.

Das Gewebe vernarbt mit der Zeit

In der Praxis gibt es jedoch immer wieder ein Problem: Das Gewebe rund um den Draht und die Elektroden vernarbt. Deshalb hat bei Nikolaus März das Hörempfinden im Laufe der Jahre wieder nachgelassen. Trotz des Implantats muss er von den Lippen ablesen.

Neue Operationsmethode minimiert die Vernarbung

Doch mit einer neuen Operationsmethode soll genau das jetzt verhindert werden: mit dem Einsatz von körpereigenen Vorläuferzellen, vergleichbar mit Stammzellen, erklärt Athanasia Warnecke von der HNO-Klinik in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Damit könnten untergegangene Zellen im Ohr ersetzt werden, sagt Warnecke: "Die Vorläuferzellen produzieren Wachstums- und andere Faktoren, die zum einen die Nervenzellen schützen und zum anderen Entzündungsprozesse verhindern können, die durch die Operation und das Einführen der Elektrode entstehen."

Vorläuferzellen aus dem körpereigenen Knochenmark

So soll eine Narbenbildung verhindert werden. Konkret wird dazu während der Operation Knochenmarksflüssigkeit entnommen, aus der in einer Zentrifuge die Zellen aufbereitet werden. "All das erfolgt direkt im OP-Saal", erläutert Warnecke, denn das senke die Infektionsgefahr.

Die Elektrode des Cochlea-Implantats wird in die bei der OP gewonnene Flüssigkeit hineingetunkt und mit den körpereigenen Zellen ummantelt. Dann wird ein Loch in den Schädel gebohrt, um den Draht wieder ins Ohr einzusetzen. "Durch die Ummantelung wird die Fremdkörperreaktion verringert, und das Implantat kann viel besser funktionieren. Das heißt, die Interaktion, das Zusammenspiel zwischen dem Implantat und dem körpereigenen Gewebe ist deutlich verbessert", sagt Warnecke.

"Ein weltweit einzigartiges Verfahren"

Mehr als fünfeinhalb Jahre haben die Wissenschaftler an der MHH an dem neuen Verfahren geforscht. Es sei ein weltweit einzigartiges Verfahren, berichtet Thomas Lenarz, Direktor der HNO-Klinik: "Es gibt an der MHH einen ausgesprochenen Schwerpunkt für regenerative Medizin, den Einsatz von Stammzellen und anderen Verfahren zur Wiederherstellung von Geweben, von am Ende auch Organen. Deswegen macht es Sinn, dass wir diese Möglichkeiten kombinieren, wenn es darum geht, die Funktion des Gehörs wiederherzustellen." 

Studienphase steht an

Ob das Implantat nun wirklich länger und besser funktioniert als bisher, muss sich noch zeigen. Denn Langzeituntersuchungen gibt es bei dieser neuen Methode noch nicht. In sechs Wochen, wenn alles verheilt ist, kann Nikolaus März vielleicht berichten, ob er jetzt wieder besser hören kann.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Radio-Visite | 24.08.2016 | 09:20 Uhr

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