Stand: 15.01.2016 17:00 Uhr

Die Werbeversprechen von Functional Food

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Viele Lebensmittel versprechen einen gesundheitlichen Nutzen durch zugesetzte Stoffe.

Kann das funktionieren? Antioxidantien in Limonadegetränken suggieren, dass sie unsere Abwehrkräfte stärken und wir daher weniger krank werden. Beugt Brot mit zugesetzten Omega-3-Fettsäuren Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor? Lifestyle-Lebensmittel sollen es möglich machen. Dabei werden einem Lebensmittel Stoffe hinzugefügt, die darin natürlicherweise gar nicht vorkommen. Welche Eigenschaften haben Stoffe, die in angereicherten Lebensmitteln, dem sogenannten Functional Food, zu finden sind? Ein Überblick zu Stoffen, mit denen Lebensmittel angereichert werden - mit Kommentaren von Prof. Sascha Rohn. Der Lebensmittelchemiker der Universität Hamburg forscht seit vielen Jahren im Bereich Functional Food.

Antioxidantien

Bei Antioxidantien handelt es sich um Moleküle, die Abbauprozesse von Fetten aufhalten oder verlangsamen sollen. Das tun sie, indem sie andere Moleküle, sogenannte freie Radikale, die die Zellen schädigen, abfangen. In der Lebensmittelindustrie werden Antioxidantien zum Haltbarmachen etwa für fetthaltige Produkte verwendet. Zu den Antioxidantien gehören etwa Vitamin E und C sowie Carotinoide.

Das Versprechen: Produkte mit Antioxidantien sollen vor Zellalterung sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sogar Krebs schützen und das Immunsystem stärken. Aufgrund der sogenannten Health-Claims-Verordnung darf Werbung seit 2012 aber nicht mehr konkret Krankheiten nennen. Relativ bekannt ist die Vitaminkombination ACE. Beispielsweise Bonbons oder Getränke werden damit beworben.

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Die Werbeversprechen von heutigem Functional Food hält der Lebensmittelchemiker Sascha Rohn für "Wunschdenken".

Das sagt der Experte: "Grundsätzlich ist die Wirkung von Antioxidantien zur Stabilisierung von fetthaltigen Lebensmitteln ja gut. Eine Schutzfunktion vor Krankheiten ist aber noch nicht wirklich bewiesen. Auf der einen Seite sagt man, man soll viel Rotwein trinken, weil darin gute Antioxidantien enthalten seien. Auf der anderen Seite werden Antioxidantien als "böse" Zusatzstoffe verteufelt, wenn sie in einer Salatcreme oder in einer Mayonnaise angewendet werden. Diese widersprüchlichen Wahrnehmungen gilt es aufzuheben. Der Rotwein ist nicht nur gesund (Leberschädigung durch den Alkohol) und der Zusatz von Antioxidantien in anderen Produkten ist weder nachhaltig giftig noch verjüngend."

Omega-3-Fettsäuren

Sie gehören zu den als gesund geltenden ungesättigten Fettsäuren. Der menschliche Körper kann sie nicht selbst herstellen. Omega-3-Fettsäuren sind natürlicherweise in Lachs und anderem fettem Fisch sowie in pflanzlichen Ölen enthalten.

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Das Versprechen: Auch mit Omega-3-Fettsäuren versetzte Lebensmittel wie Brot oder Aufschnitt sollen helfen, den Cholesterinspiegel und den Blutdruck zu senken.

Das sagt der Experte: "Es ist völlig ausreichend, natürliche Nahrungsmittel wie pflanzliche Öle und Fisch zu sich zu nehmen. Studien haben belegt, dass hochungesättigte Fette für den Körper wirklich gut sind. Deshalb versuchen die Hersteller nun, ihre Produkte mit ungesättigten Fetten zu versehen. Deshalb gibt es etwa "Omega-3-Fettsäure-Brot". In Brot sind die Fettsäuren natürlicherweise aber nur selten drin. Zum Teil findet man auch schon Fettsäuren verkapselt in irgendwelchen Limonadegetränken. Brot oder Getränke können dann jedoch auch ranzig werden, wenn die Verkapselung nicht stabil bleibt."

Milchsäure-Bakterien

Dabei handelt es sich Mikroorganismen, die Kohlenhydrate zu Milchsäure umwandeln. Sie kommen in unserer normalen Darmflora vor.

Das Versprechen: Zusätzlich mit lebenden Milchsäure-Bakterien (Probiotika) versehene Produkte wie Joghurt und bestimmte Milchgetränke sollen vor Infektionen schützen und das Immunsystem verbessern.

Das sagt der Experte: "Die Probiotika sollen in einer hohen Konzentration im Darm ankommen und dann durch konkurrierendes Wachstum sozusagen "böse" (pathogene) Organismen verdrängen. Aber bei den Probiotika ist es auch noch nie wirklich nachwiesen worden, dass das so ist. Bis jetzt ist nicht bekannt, wie lange sich über Lebensmittel zugeführte Milchsäure-Bakterien im Darm aufhalten und ob sie überhaupt die Chance haben, sich dort anzusiedeln und zu vermehren. Manche Studien zeigen zwar bei bestimmten Drinks, dass sich in der Darmflora wirklich ein bisschen etwas verändert - aber nur, wenn ich ein halbes Jahr lang wirklich jeden Tag ein oder zwei solcher Drinks zu mir nehme. Es ist aber ein an den Haaren herbeigezogenes Wunschdenken zu glauben, dass man dadurch zehn Jahre jünger wird und nie wieder eine Darminfektion (etwa eine Salmonellenvergiftung) bekommt.

Vitamine

Sie sind für den Körper unentbehrliche organische Verbindungen, die er aber nicht selbst produzieren kann. Sie unterstützen den Körper, Kohlenhydrate, Proteine und Mineralstoffe zu verwerten. Vitamine stecken in Obst und Gemüse, aber auch in Fleisch und Fisch.

Das Versprechen: Produkte mit zugesetzen Vitaminen gibt es besonders häufig. Sie sollen besonders gut vor Infektionskrankheiten schützen.

Das sagt der Experte: "Wenn beispielsweise der Saft, den ich trinke, zusätzlich mit Vitamin C versehen ist, genauso wie mein Brötchen, und ich dann noch einen Apfel oder einen angereicherten Joghurt esse, komme ich natürlich auf Mengen, die mein Körper gar nicht mehr bewältigen kann. Zu viel Vitamin C wird einfach wieder ausgeschieden. Aber bei den Vitaminen A, D und E besteht die Gefahr einer Überdosierung. Zu viel aufgenommene Mengen werden nicht einfach wieder ausgeschieden. Wenn diese Vitamine in zu hohen Konzentrationen im Körper sind, kann es zu Zellschädigungen kommen."

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