Stand: 02.05.2017 13:58 Uhr

Antidepressiva: Vorsicht beim Absetzen

Medikamente gegen Depressionen (Antidepressiva) werden millionenfach verschrieben und eingenommen. Beliebt sind vor allem Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI), weil sie in vielen Fällen recht schnell helfen und deutlich weniger Nebenwirkungen haben als frühere Antidepressiva. Doch Experten kritisieren, dass Antidepressiva oft zu schnell und ohne sorgfältige Diagnose verschrieben werden. Nach langer Einnahme können beim Absetzen der Medikamente Probeme auftreten.

Eine Frau schaut auf eine angebrochene packung Tabletten.

Antidepressiva: Vorsicht beim Absetzen

Visite -

Wer Medikamente gegen Depressionen nach langer Einnahme absetzt, muss mit Problemen rechnen. Darauf müssen Sie beim Absetzen von Antidepressiva achten.

3,85 bei 94 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Symptome beim Absetzen von Antidepressiva

Wer Antidepressiva nach einer Einnahmedauer von mehr als sechs Monaten absetzt, muss in einigen Fällen mit diesen Symptomen rechnen:

  • Wenige Tage bis maximal sechs Wochen nach dem Absetzen können vorübergehend grippeähnliche Beschwerden, Unruhe, Schlaflosigkeit, Gefühlsstörungen und Magen-Darm-Beschwerden auftreten.
  • Beim sogenannten Relapse-Syndrom treten frühere depressive Symptome verstärkt auf.
  • Ein dauerhaftes (persistierendes) Entzugssyndrom kann neue und alte Symptome umfassen und Monate bis Jahre anhalten. Oft ist es schwer von einem Rückfall zu unterscheiden.

Nicht selten werden die Entzugserscheinungen mit einem Wiederauftreten der Depression verwechselt und wiederum mit Antidepressiva - in höherer Dosierung - behandelt.

Was genau sich im Gehirn unter dem Einfluss der Antidepressiva abspielt, ist bislang ungeklärt - doch dass sich der Körper daran gewöhnt, ist sicher. Berliner Forscher wollen in einer Studie herausfinden, wer beim Absetzen von Antidepressiva von Rückfällen bedroht ist, und wer die Medikamente vermutlich ohne Probleme wieder wird absetzen können.

Antidepressiva: Wirkungen und Nebenwirkungen
WirkstoffklasseWirkstoffeWirkmechanismusNebenwirkungen
Trizyklische Antidepressiva (NSMRI)Amitriptylin, Clomipramin, Dibenzepin, Desipramin, Doxepin, Imipramin, Nortriptylin, Opipramol, TrimipraminHemmen die Wiederaufnahme von Botenstoffen zur Signalübertragung in den Synapsen zwischen den Nervenzellen und blockieren einige Rezeptoren, sodass sie keine Botenstoffe mehr aufnehmen. Auf diese Weise erhöht sich die Konzentration an Botenstoffen im Gehirn.Gewichtszunahme, Verstopfung, Müdigkeit, Zittern, Mundtrockenheit 
Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI)Citalopram, Fluvoxamin, Fluoxetin, Paroxetin, SertralinBlockieren die Wiederaufnahme des Botenstoffs Serotonin und erhöhen so den Serotoninspiegel. Durch die gezielte Wirkung treten bei SSRI weniger Nebenwirkungen auf als bei den breiter wirkenden Trizyklischen Antidepressiva.Sexuelle Funktionsstörungen, Gewichtszunahme, Müdigkeit, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Mundtrockenheit, innere Unruhe, Übelkeit
Selektive Serotonin/Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer (SNRI)Venlafaxin, DuloxetinSNRI wirken wie SSRI, hemmen aber zusätzlich die Wiederaufnahme des "Glückshormons" Dopamin und heben so auch den Dopaminspiegel an.Schlaflosigkeit, Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit, sexuelle Funktionsstörungen
Selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (NARI)ReboxetinNoradrenalin steuert die Stressresistenz, erhöht die Motivation, steigert die Aufmerksamkeit und die geistige Leistungsfähigkeit. NARI werden vor allem bei gehemmt-depressiven Patienten eingesetzt, um die Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit zu lindern.Schlaflosigkeit, Mundtrockenheit, Herzrasen, hoher Blutdruck, Schwindel, Schwierigkeiten beim Wasserlassen, Potenzstörungen
Monoaminooxidase-Hemmer (MAOH)Moclobemid, Rasagilin, Safinamid, TranylcyprominWirken antriebssteigernd, stimmungsaufhellend und auch etwas angstlösend. Wenn andere Antidepressiva versagt haben, können MAOH noch eine Wirkung erzielen, sie werden deshalb auch bei Therapieresistenz eingesetzt.Wechselwirkungen mit bestimmten Käsesorten, Blutdruckkrisen, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Übelkeit

Medikamente absetzen: So reagiert der Körper

Der Körper reagiert auf den Wegfall eines Antidepressivums mit einer Gegenregulation, die Betroffene noch anfälliger für die Entwicklung einer Depression machen. Deshalb ist es wichtig, das Medikament nicht abrupt abzusetzen, sondern es ganz langsam "auszuschleichen". Als ideal gilt die schrittweise Reduzierung um jeweils zehn Prozent über ein Jahr. So lassen sich schwere Krisen durch das Absetzen der Medikamente vermeiden. Eine Absprache mit dem behandelnden Arzt ist unerlässlich, niemals sollten Betroffene Antidepressiva auf eigene Faust absetzen.

Tipps zum Umgang mit Antidepressiva

  • Die Wirkung von Antidepressiva setzt niemals sofort ein. Bis zur vollen Wirksamkeit können zwei bis vier Wochen vergehen, da sich der Wirkstoffspiegel langsam aufbaut.
  • Nebenwirkungen treten dagegen meist sofort auf, lassen aber oft nach einigen Tagen oder Wochen nach.
  • Antidepressiva sollten regelmäßig und in der verordneten Dosierung eingenommen werden. Wird eine Einnahme vergessen, darf die folgende Dosis nicht zum Ausgleich erhöht werden.
  • Antidepressiva nicht mit Alkohol kombinieren.
  • Auch in Kombination mit Nahrungsergänzungsmitteln kann es zu unerwünschten Wechselwirkungen kommen.
  • Johanniskrautpräparate beeinflussen die Wirkung bestimmter Antidepressiva massiv und dürfen nicht parallel verwendet werden.

Weitere Informationen
04:22

Interview: Antidepressiva richtig absetzen

02.05.2017 20:15 Uhr
Visite

Wer Antidepressiva zu schnell absetzt, muss mit Problemen rechnen. Worauf ist zu achten? Prof. Henrik Walter informiert über mögliche Nebenwirkungen. Video (04:22 min)

Chat-Protokoll zum Thema Antidepressiva

Antidepressiva können bei schweren Depressionen helfen, können aber auch Probleme verursachen. Prof. Henrik Walter hat im Chat Fragen zum Thema beantwortet. Das Protokoll zum Nachlesen. mehr

Depressionen: Ursachen, Symptome, Behandlung

Depressionen können unterschiedliche Ursachen haben. Nicht immer sind die Symptome eindeutig. Doch die Behandlung sollte möglichst früh beginnen. mehr

Johanniskraut hilft bei Depressionen

Das Johanniskraut ist die Arzneipflanze des Jahres 2015. Die antidepressive Wirkung wird seit Jahrhunderten geschätzt. Der Vorteil gegenüber Psychopharmaka: geringe Nebenwirkungen. mehr

mit Video

Elektrokrampftherapie: Strom gegen Depression

Bei schweren Depressionen kann eine Elektrokrampftherapie hilfreich sein. Dabei wird das Gehirn schwachen Stromstößen ausgesetzt. Die Behandlung hat aber Risiken. mehr

Depression im Alter häufig nicht erkannt

Rund ein Viertel aller Menschen über 70 Jahre sind psychisch krank, so die Einschätzung von Experten. Wie erkennt man Depressionen im Alter und wie werden sie behandelt? mehr

Interviewpartner

Interviewpartner im Studio:
Prof. Dr. Dr. Henrik Walter, Direktor
Forschungsbereich Mind and Brain
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Charité – Universitätsmedizin Berlin – Campus Charité Mitte
Charitéplatz 1, 10117 Berlin
Tel. (030) 450 517 142, Fax (030) 450 517 906                                              
Internet: mindandbrain.charite.de

Interviewpartner im Beitrag:
Dr. rer. biol. hum. Peter Ansari, Humanbiologe und Depressionsforscher
Sabine Ansari, Heilpraktikerin
Naturheilpraxis Ansari
Auhagenstraße 46, 31863 Coppenbrügge
Internet: www.depression-heute.de

Weitere Informationen:
Antidepressiva Absetzstudie Berlin (AIDAB) der Charité
Internet: www.absetzstudie.de
Informationen und Kontakt zur Studienteilnahme

Stiftung Deutsche Depressionshilfe
Semmelweisstraße 10, 04103 Leipzig
www.deutsche-depressionshilfe.de

Dieses Thema im Programm:

Visite | 02.05.2017 | 20:15 Uhr

Mehr Ratgeber

00:51

Vogelfutter-Plätzchen aus Fonduefett

14.12.2017 16:00 Uhr
Mein Nachmittag
09:47

Linsen-Gemüse mit gebratenem Saibling

11.12.2017 16:20 Uhr
Mein Nachmittag
06:45

Wasserschaden im Auto: Wer zahlt?

11.12.2017 20:15 Uhr
Markt